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Wenn grünes Geld fliesst

Von: Eva Reithofer-Haidacher

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Es gibt eine Alternative zum unkontrollierbaren Geldfluss über Banken und Versicherungen.Wer in Ethik-Fonds investiert, weiß mehr.

Geld stinkt nicht. Oder doch? Diese Frage stellt sich – zumindest im übertragenen Sinn – wenn man die riesigen Geldmengen vor Augen hat, die an den Devisenbörsen gehandelt werden. Täglich wechseln dort 1200 Milliarden US-Dollar ihren Besitzer. Das Geld arbeitet, nennt es die Banken-Werbung verharmlosend. Doch in Wahrheit werden Renditen und Zinsen auf Kosten anderer Menschen erwirtschaftet. So wächst der Reichtum der einen und die Armut der anderen. In Österreich stehen 60.000 Millionäre einer Million armen Menschen gegenüber. Weit krasser noch die weltweiten Vermögensverhältnisse: 225 Menschen besitzen so viel wie 47 Prozent der Weltbevölkerung.

„Die Welt sitzt auf einem rasenden Spekulations-Karussell. Dabei folgen diese Anlagen vor allem einem Ziel: der höchstmöglichen Rendite. Das ganze Treiben läuft hinter einem dichten Vorhang der Anonymität ab. Es fällt schwer, Ross und Reiter zu nennen und zu kennen“, so Wolfgang Kessler bei einer Veranstaltung im Grazer Bildungshaus Mariatrost. Der Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler ist Chefredakteur der Zeitschrift „Publik-Forum“ und Herausgeber des Buches „Geld und Gewissen“. „Gefragt wird nur nach Geldmengen, nicht danach, woher sie stammen und wohin sie fließen“, beschreibt er die fehlende Ethik an den Börsen. Wo nur mehr der Gewinn zählt, werden Kosten bei Umwelt- und Sozialstandards eingespart, Arbeitsplätze werden wegrationalisiert. Doch nicht nur an den Börsen, auch im täglichen Leben konstatiert Wolfgang Kessler das Vordringen einer „Geiz ist geil“-Mentalität: „Viele Menschen haben längst das Geld zum Mammon gemacht, zum letztendlichen Bezugspunkt in ihrem Leben. Geld weckt offenbar magische Kräfte. Wer Geld hat, will mehr. Wer mehr Geld hat, will noch mehr.“ Aber auch die anderen gibt es. Jene, denen es nicht egal ist, ob mit ihrem Geld ausbeuterische Unternehmen, die Rüstungsindustrie, Umweltzerstörung oder Kinderarbeit finanziert werden. Immer mehr Menschen wollen den Widerspruch zwischen ihren Grundwerten und der Wirklichkeit ihrer Kapitalanlage gelöst wissen. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig. Mittlerweile gibt es auch in Österreich für jedes übliche Produkt der Finanzwelt eine grüne Variante: Von Sparkonten über Festgelder, Lebensversicherungen und Rentenpapiere bis zu Investmentfonds und Aktien reicht die Palette.

Die Auskunftsfreude darüber ist zwar bei mancher Bank oder Versicherung nicht wirklich groß. Doch Beharrlichkeit zahlt sich aus: Ethische Anleger werden nicht nur mit einem guten Gewissen, sondern auch mit einem zumindest gleich sicheren Ertrag belohnt wie bei herkömmlichen Produkten. Ihren Ursprung hat die Bewegung in den USA, wo sich streng religiöse Menschen schon vor über 100 Jahren weigerten, ihr Geld in die Tabakindustrie, in Glücksspiele oder die Alkoholherstellung zu investieren. Heute fließt jeder zehnte neu angelegte Dollar in Amerika in ethische Investments, die US-Kirchen gehören dabei zu den Eifrigsten. Die Züricher Fondsmanagerin Elisabeth Höller, eine gebürtige Österreicherin, hat vor zehn Jahren den ersten Ethik-Fonds in Kontinentaleuropa gegründet. Ihr „Prime Value Fonds“ hat in den vergangenen acht Jahren seinen Wert um 65 Prozent gesteigert, der Gesamtindex aller Aktien nur um 29 Prozent. Das Geheimnis des Erfolges: „Wenn das Fondsmanagement professionell läuft, dann stimmt die Rendite.“ Zuerst werden finanzwirtschaftliche Kriterien geprüft, dann wird noch der „Ethik-Filter“ darüber gelegt. Ein neunköpfiges, internationales Expertenteam nimmt monatlich die Endauswahl der Unternehmen vor. Wer mit seinen Arbeitskräften oder Lieferanten nicht sorgfältig umgeht oder Kinderarbeit nutzt, wird von der Liste gestrichen.

Allerdings sind für den Chefredakteur der Zeitschrift ÖKO-INVEST, Max Deml, die Ausschlusskriterien des „Prime Value Fonds“ nicht streng genug. Der Fonds beinhaltet zum Beispiel auch Chemieaktien. „Auf einer Skala von hell- bis dunkelgrün ist er im mittleren Bereich“, so Deml. Es gäbe aber auch „dunkelgrüne“ Fonds wie den „Ökovision“, der sehr strengen Kriterien unterworfen ist und im vergangenen Jahr um stattliche 27,7 Prozent zugelegt hat. Im Vergleich: Der Prime Value hatte 2005 ein Wachstum von 9,5 Prozent. Erster professioneller Partner der Dr. Höller Vermögensverwaltung war die VKB-Bank. Die oberösterreichische Regionalbank setzt schon seit Jahren auf umwelt- und frauengerechte Geldanlagen und fährt damit nicht schlecht. „Leider geistert noch immer durch die Köpfe, dass Ethik Rendite-Verzicht heißt“, kennt Harald Semper von der VKB das Grundproblem für die relativ geringe Akzeptanz alternativer Anlageprodukte. Zwar gibt es Umfragen, in denen 70 Prozent der Bankkunden gerne zu ethischen oder ökologischen Investments greifen würden. Dem guten Willen folgt aber selten die Tat. Ein Hauptgrund dafür sind schlecht geschulte Kundenberater. Max Deml weiß von Bankangestellten, die keine Ahnung davon haben, dass ihre Bank seit vielen Jahren Grünes Geld anbietet.

Doch gibt es auch die gute Nachricht: Der Trend bei Neuanlagen ist steigend. Ein wachsendes Sozial- und Umweltbewusstsein und eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit bringen langsam aber sicher die Wende. In den letzten sechs Jahren hat sich das Volumen Grüner Investmentfonds im deutschsprachigen Raum von 300 Millionen auf über sechs Milliarden Euro verzwanzigfacht. „Sie setzen genau dort an, wo die Schwäche des gegenwärtigen Geldsystems liegt: Sie durchbrechen die Anonymität der Anlagen und sagen den Menschen genau, für welche Ziele ihre Anlagen arbeiten und für welche nicht“, nennt Wolfgang Kessler den grundsätzlichen Unterschied zu traditionellen Angeboten.  In Deutschland gibt es bereits drei ethische Banken, in denen mehr als eine Milliarde Euro angelegt sind. Sie geben Waffen produzierenden, ausbeuterischen oder Umwelt schädigenden Unternehmen keine Kredite und die Sparer können bestimmen, wohin ihre Gelder fließen – in soziale, ökologische oder Kulturprojekte. „Diese Banken führen vor, dass auch ein anderer Umgang mit Geld möglich ist als jener, der nur die höchstmögliche Rendite sucht“, weiß Wolfgang Kessler. Mit der deutschen EthikBank hat Ende Februar erstmals eine Direktbank für ethische und ökologische Geldanlagen ihr Geschäftsgebiet auf Österreich ausgedehnt. Sie sammelt nur Spargelder und vergibt keine Kredite. Auch eröffnet sie hier keine Zweigniederlassung, die Geschäfte werden via Internet (www.ethikbank.at) oder telefonisch abgewickelt. Ökosparbücher, Umweltaktien und Ethik-Investmentfonds gibt es aber auch hierzulande zur Genüge. Max Deml ist österreichischer Pionier auf diesem Gebiet. Seit 15 Jahren gibt er neben der Zeitschrift ÖKO-INVEST auch das Jahrbuch „Grünes Geld“ heraus. Alle zwei Jahre erscheint eine aktualisierte Fassung des Standardwerkes mit einem umfassenden Überblick über die aktuellen ethisch-ökologischen Investmentmöglichkeiten – empfehlenswert für alle, die sachliche und unabhängige Informationen zum Thema suchen. Denn nicht überall, wo Ethik draufsteht, ist ausschließlich Ethik drin, und nicht alles was grün ist, ist saftiges Dunkelgrün.

Literaturtipps:

Ein kostenloses Probeheft der Zeitschrift ÖKO-INVEST Nr.350 mit einer umfassenden Übersicht über die Fondslandschaft kann unter T 01/8760501 angefordert werden.

Geld und Gewissen, hrsgg. von Wolfgang Kessler und Antje Schneeweiß, Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main und Publik-Forum Verlagsgesellschaft, 12,90 Euro.

Grünes Geld, Jahrbuch für ethisch-ökologische Geldanalagen 2005/2006, herausgegeben von Max Deml und Hanne May, Balance Verlag, 19,90 Euro.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
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