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Clash of Cultures im Univiertel

Von: Gerhild Wrann

GEIDORF
Wider das Ballermann-Image – das Grazer Univiertel ist weit mehr als die lauteste Partymeile der Stadt. Dem neugierigen Betrachter eröffnet es ein Panorama entdeckenswerter Schönheiten und faszinierender Gegensätze.

Wir sind der gescheiteste und gesündeste Bezirk von Graz“, weiß der Geidorfer Bezirksvorsteher Franz Schwarzl, ein pensionierter Friseur, wie zum Beweis selbst vor Vitalität strotzend. Allein die Fakten sprechen für sich: Befinden sich in Geidorf neben der Karl-Franzens-Universität und dem Landeskrankenhaus über 20 Schulen sowie fünf Altersheime, jedoch kein einziger Friedhof. Die mit 108 Jahren älteste Grazerin wohnt gleich um die Ecke, und im Altersheim am Rosenhain hat bis vor drei Monaten die älteste Österreicherin mit biblischen 110 Jahren gelebt. „Ach, und auch der Josef Krainer war ein Geidorfer.“ Soviel zum Gescheiten. Bald wird deutlich, dass die Karl-Franzens-Universität weit mehr umgibt als eine der bekanntesten Lokalmeilen der Stadt. Bei einem Spaziergang rund um den Uni-Campus ist der Glanz des 19. Jahrhunderts anhand der prunkvollen Fassaden und verborgenen Innenhofgärten heute noch spürbar. Ob Villen oder Wohnhäuser aus der Gründerzeit – die Umgebung zeigt, dass die Universität ein wesentlicher Bestandteil einer der bürgerlichsten Teile von Graz ist. Ihren Ursprung nahm diese Beziehung Mitte des 19. Jahrhunderts. In einer Zeit, in der die Besiedelung des städtischen Vorfeldes begann und die Übersiedelung der Universität vom Jesuitenkolleg in der Innenstadt auf den weitläufigen Campus erfolgte. „Der ursprüngliche Hauptgrund, aus der Stadt hinaus zu gehen, waren die kontaminierten Leichenabwässer des anatomischen Instituts“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Walter Höflechner vom Institut für Geschichte. Geidorf war damals für viele durch die Zentrumsnähe und eine intakte Umwelt eine interessante Wohngegend. Die hohe Lebensqualität hat sich der Bezirk trotz fortgeschrittener Verbauung bewahrt. Findet auch Andreas Friedl, grüner Bezirksvorsteherstellvertreter. „Es gibt immer noch viele Innenhof- und Gartenlandschaften.“ Die Grünstreifen des Uni-Campus sind während der warmen Jahreszeiten beliebter Erholungsraum und die Wiesen am Rosenhain sowie um den Hilmteich sind nicht nur von Hundebesitzern gern genutzte Auslaufplätze. Im Winter wird dort gerodelt oder Eis gelaufen, im Sommer gepicknickt oder gegrillt. Und sobald es wärmer wird, nimmt das sich dezent in die Stadtlandschaft einfügende Margarethenbad in der Grillparzerstraße wieder seinen Betrieb auf.

Schattenseiten
Aber die Attraktivität der Gegend schlägt sich auch deutlich in den Immobilienpreisen nieder. Geidorf ist durch die Uni zwar ein Studentenbezirk, aber gewohnt wird meist woanders. Friedl sieht einen Zusammenhang zwischen hohen Wohnungspreisen und einem auffallend niedrigen Ausländeranteil in Geidorf. „Wir sind hier auf gewisse Weise ein Ghetto. Eines, das in die andere Richtung geht: Im gesamten Bezirk haben wir nur drei Sozialwohnungen.“

Trotzdem gibt es Brennpunkte: Verkehrsaufkommen, sowie Verschmutzungen und Lärmbelästigung im Univiertel. Viele Studierende pendeln mit dem Auto zu den Lehrveranstaltungen. Ergebnis: verstopfte Straßen und Parkplatzmangel. „Ein Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes käme dem entgegen“, so Friedl. „Das Verkehrskonzept für die Uni-Gegend Mitte der 90er Jahre war ein guter Anfang. In letzter Zeit ist der Prozess aber eingeschlafen.“  Ebenfalls eingeschlafen ist die Gesprächsbereitschaft zwischen den Univiertel-Anrainern und der dort ansässigen Gastronomie. Ein Mediationsprozess zwischen den Beteiligten wurde initiiert, aber wieder auf Eis gelegt. „Die Fronten sind schon zu verhärtet“, so Friedl. Grund für den Unmut: die verunreinigten Straßen und die nächtliche Lärmbelästigung. Durch die Eröffnung neuer Lokale in der Leechgasse, sowie in der Beethoven- und Elisabethstraße ist in diesen Bereichen die Besucherfrequenz in den letzten drei Jahren deutlich gestiegen. „Wir sind froh, dass abgesehen von ein paar Übermutssachbeschädigungen und kleineren Handgreiflichkeiten wenig passiert“, meint Chefinspektor Karl Hermann von der Polizeiinspektion Riesplatz. „Wirklich wilde Schlägereien oder sexuelle Übergriffe gibt es in der Gegend zum Glück nicht.“ Trotzdem ist die Polizei am Wochenende ab Mitternacht fast immer zugegen.

Aber gegen „Verunreiniger“ ist auch sie oft machtlos. „Bis wir dort sind, finden wir meist nur mehr eine große Lacke“, so Hermann, „und ohne genaue Personenbeschreibung haben wir das Nachsehen.“ Hermann glaubt, dass durch das Zurücklassen diverser Körperausscheidungen im Bezirk Geidorf für viele Anrainer am Morgen danach das Ideal der perfekten Wohngegend Kratzer erhält. Die verschmutzten Gehsteige rauben den strahlenden Fassaden den Glanz. „So ein ‚Clash of Cultures‘ auf Mikroebene kann schon mal passieren, wenn der reinrassige Zwergschnauzer beim sonntäglichen Gassigehen an der Speibepizza nascht“, meint dazu der langjährige Elisabethstraßenbewohner Wolfgang Schaber.
Am Dialog zwischen den Lebenswelten muss wohl noch gearbeitet werden. Etwas, das der Bezirk an sich eigentlich schon ganz gut beherrscht. Denn Gegensätze scheinen hier oft in unkommentierter Koexistenz harmonisch vereint: Altes steht hier ebenso selbstverständlich neben Neuem wie Exotisches neben Rustikalem, Lautes neben Leisem, Traditionelles neben Modernem oder Grindiges neben Gelacktem.

In der Zinzendorfgasse etwa brutzeln zur Befriedigung akuter Fleischeslust der Mosshammersche Leberkäs‘ und der Döner des „Uni-Kebab“ praktisch Tür an Tür. Oder am Glacis: Dort treffen handgemachte steirische Nudeln vom „Feinkost Lichtenegger“ auf italienische Spezialitäten von Giuseppe Giovinazzos „Tentazioni“. In der Heinrichstraße bieten urige Beisl‘n wie das „Gasthaus zum Weißen Kreuz“ mit eigener Naturkegelbahn und der Heinrichhof mit seinen freitäglichen Leberspezialitäten exotische Abwechslungen zu Sushi, Pizza und Co. Das Kunst&Kulinarik-Unikat „kunst.wirt.schaft“, angesiedelt in Nestroys Sterbehaus in der Elisabethstraße, das auf innovative Weise Gaumenfreuden und Kunstgenuss in intimer Atmosphäre verknüpft, kontrastiert prächtig mit der antiquierten Eleganz des bürgerlichen Traditionsrestaurants und Feinkostladens Laufke. Auch das Tanzbein kann in Geidorf kaum unterschiedlicher geschwungen werden: klassisch im Walzerschritt bei der Tanzschule Kern-Theissl am Geidorfplatz oder improvisiert im Rhythmus der Gassenhauer im Kulturhauskeller. Auch der unverdrossene „Uni-Bettler“ am Mensa-Kreisverkehr wirkt wie ein Zerrbild vor dem Hintergrund der schmucken Gründerzeitvillen der nahen Schubertstraße.

Gegensätze
So groß die Unterschiede auch sind, viel verbindet dann doch wieder: siehe das Beispiel der „Wunderkammer“, eines hinreißend trashigen Kuriositätenladens am Glacis, und des nostalgisch-provinziellen „Café am Leech“ in der Zinzendorfgasse. Gut möglich, dass die beiden – zwei Gehminuten voneinander entfernt – nicht einmal voneinander wissen, unwahrscheinlich, dass sie einander Besuche abstatten und doch erstaunlich, was die beiden verbindet: eine besondere Herzlichkeit und sympathische Leichtigkeit im Umgang mit den Kunden. Wer in der ‚Wunderkammer‘ shoppt, kauft mehr als ein skurriles Produkt – bereichernde Anekdoten liefert Besitzer Hans Gamperl als Gratis-Extra; wer im ‚Café am Leech‘ konsumiert, nimmt mehr auf, als er zu sich nimmt: charmante Kaffeehausgschichterln von Kellnerin Silvia in ungezwungener Smalltalk-Atmosphäre. Dort ist auch Studentin Evelyn zuweilen anzutreffen. „Ob’s die gescheiteste und gesündeste Gegend von Graz ist, sei dahin gestellt“, so die Univiertel-Bewohnerin über ihren Wohnort. „Die kontrastreichste und bunteste ist es für mich aber allemal.“  

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