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Männer das Fürchten lehren

Von: Gerhild Steinbuch und Judith Schwentner

FRAUEN
Am 8. März ist Weltfrauentag. Das Megaphon lud aus diesem Anlass Stadträtin Tatjana Kaltenbeck-Michl, Anke Sembacher vom Europäischen Zentrum für Menschrechte und Demokratie (ETC) und die derzeitige Stadtschreiberin Marusa Krese zum Gespräch.



Seit dem ersten Frauentag 1911 ist viel Zeit vergangen. Ist es zeitgemäß, den Internationalen Frauentag 2006 noch zu begehen?

KALTENBECK-MICHL: Zeitgemäßer denn je. Die ursprüngliche Aufgabe des Frauentags was es, auf Benachteiligungen, denen Frauen ausgesetzt sind, hinzuweisen und solidarisch zu Veränderung aufzurufen. Blickt man aber auf die frauenpolitischen Errungenschaften in den 70er Jahren und dann auf heute, muss man einen Backlash feststellen. In den letzten zehn Jahren sind Benachteiligungen gegenüber Frauen eklatant angewachsen.

SEMBACHER: Auf internationaler Ebene hatten wir 1995 die letzte Frauenkonferenz, bei der ein umfassendes Paket geschnürt wurde. Schon damals waren aber Tendenzen in Richtung Backlash bemerkbar. Momentan ist es so, dass man das Paket nicht mehr aufschnüren kann, weil das fast gefährlich wäre. Weil soviel am Spiel steht in Ländern, wo wir in Bezug auf die menschenrechtliche Durchsetzung der Rechte von Frauen einfach noch nicht weit genug sind, einen Grundschutz zu gewährleisten. In Europa ist es ein bisschen anders, da hatten wir 2000 und 2002 eine Vorreiterrolle, was den Schutz anbelangt. Das ist aber nur ein Aspekt. (In anderen Aspekten ist vieles im Argen.)

KRESE: Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zum Weltfrauentag. Am Ende des Sozialismus ist er missbraucht und zur Folklore gemacht worden. Für mich ist er wichtig, aber es darf nicht nur ein Tag der Frauen sein, weil das sonst weiter lächerlich bleibt.  Wenn ich zum Beispiel an Slowenien denke: Unsere Mutter war Widerstandskämpferin und damit bin ich aufgewachsen. Ich habe damals keinen Gedanken daran verschwendet, ob ich Mann oder Frau bin. Für mich war das dann ein Schock in der westlichen Welt und ist es auch noch immer. Ich hatte zum Beispiel ein Stipendium in Amerika, die konnten nicht glauben, dass eine Frau mit Kind ein Stipendium antritt. Es gibt ja das Buch „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf, das für die Frauen in England die Situation verbessert hat. Woolf hat gesagt: „Nutzen Sie ihre Chance, denn sonst ist es zu spät.“ Ich habe das Gefühl, dass das meine Generation einfach zu leicht genommen hat.

Sind wir, was die Gleichstellung betrifft, auf dem richtigen Weg?

KAL: Meiner Meinung nach gibt es keine Gleichstellung, in keinem einzigen gesellschaftlichen Feld. Eine der größten Ungerechtigkeiten ist, dass bezahlte Arbeit und unbezahlte Familienarbeit ungerecht aufgeteilt sind. Denn: Den Großteil der unbezahlten Arbeit leistet nach wie vor die Frau. Das bringt einen eklatanten Startnachteil für weibliche Erwerbstätigkeit mit sich, was dazu führt, dass immer mehr Frauen in Teilzeit arbeiten und davon nicht leben können. Einige Zahlen: In Österreich sind 230.000 Menschen geringfügig beschäftigt, davon sind 70% Frauen. Und das wirklich Dramatische daran, dass so zunehmend Frauen die so genannten „working poor“ sind, die Jobs haben, aber nicht davon leben können.

KRE: In der Literatur erlebe ich, dass zum Beispiel Lyrik eine Männerdomäne ist. Männer entscheiden, ob dein Gedicht gut ist, oder nicht. In Slowenien lassen die Männer pro Generation eine Frau dazu.

KAL: Ich glaube, wenn wir unseren Frauen etwas Gutes tun wollen, müssen wir Vorbild darin sein uns ganz konsequent Stereotypen zu verweigern.

Auf der Homepage von Graz findet sich unter „Leben in Graz“ folgendes Zitat: „Es gibt viele schöne Städte auf der Welt ... für die GrazerInnen ist es Graz. Die zweitgrößte Stadt Österreichs besticht mit Charme, südlichem Flair und schönen Frauen - und stellt den Menschen in den Mittelpunkt.“* Was sagt das über Graz aus?

KAL: Über Graz sagt das gar nicht aus, aber sehr viel über die, die etwas zu sagen haben und vor allem über die, die das öffentliche Bild prägen, und das sind allemal wieder Männer. Das Zitat spiegelt genau die Erfahrung wieder, die ich immer wieder mache. Die wesentliche Aufgabe von Frauen in Machtpositionen ist, die Männer zu beeinflussen und zu sensibilisieren.

SEM: Das Zitat ist auf jeden Fall diskriminierend, weil das ja auch schon in Richtung Ausbeutung geht, Frau als Werbesujet. Wenn so etwas öffentlich propagiert wird, wie wollen wir Stereotypen jemals zurücknehmen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob da nicht Vorbildwirkung von Institutionen wie Stadt, Land oder Bundesregierung ausgehen sollte.

KAL: Graz ist aber international zumindest auf Stadtebene anerkannt für die Gender-Mainstreaming-Prozesse, die wir implementiert haben. Aber Prozess ist das eine, denn der traditionelle Mangel an Bewusstsein in den Köpfen kommt immer wieder zum Vorschein.

SEM: Dem möchte ich noch hinzufügen: Was bei uns im menschenrechtlichen Bereich immer wieder angekreidet wird, ist Folgendes: „Ihr habt das ja ohnehin schon, das steht in dem und dem Dokument.“ Dem muss man aber entgegenhalten: Sicher, de jure, aber jetzt müssen wir’s umsetzen.

Stichwort „strukturelle Gewalt gegen Frauen“ – Wo liegen die Probleme?

SEM: Zum Beispiel in meinem zweiten Arbeitsumfeld auf der Universität – die Professorinnenposten. Angefangen haben wir bei 3%, und ich bin mir gar nicht sicher ob wir schon zweistellig sind. Ich habe sehr viele Assistentinnen als Kolleginnen, aber je weiter man nach oben blickt, desto weniger Frauen sind es.

KAL: Ich hab mir einige Statistiken angeschaut, Frauen in der Privatwirtschaft zum Beispiel: 45 von 79 österreichischen Unternehmungen, die an der Börse notieren, sind reine Männerbastionen. Eine weitere Zahl: In Österreich gibt es rund 540 Aufsichtsratsmandate, davon sind 25 Frauen. Das sind weniger als 4 Prozent! Und diese ganze Schreierei von „wir brauchen weniger Staat“ – die damit verbundene Privatisierung hat natürlich in besonderem Maße wieder den Frauen geschadet, weil das derjenige Sektor ist, auf dem zumindest annähernd gleiche Lohnverhältnisse herrschen. Im Gegensatz zur Privatwirtschaft, wo Frauen bei Vollbeschäftigung um 44 Prozent weniger verdienen.

Wie können junge Frauen besser ermutigt werden?

KAL: Ich nenne unser Beispiel Kinderparlament: Da sind erstens immer Genderbeauftragte dabei, die genau schauen, dass geschlechtssensibel gearbeitet wird. Zweitens war es selbstverständlich, dass es eine Kinderbürgermeisterin gibt und einen Kinderbürgermeister. Oder unser Projekt „get involved“ – das Europäische Kinderparlament, wo Graz jetzt Drehschreibe ist. Ich glaube, das wir genau dort ansetzen müssen: junge Mädchen politisch zu sozialisieren.

Wie ist das im Kulturbereich?

KRE: Ich habe früher gedacht, dass es wichtig ist, dass für alle etwas gemacht wird. Also Dinge, an denen Männer und Frauen teilnehmen können und so keine Ausgrenzung entsteht. Aber in den letzten Jahren kriege ich das Gefühl, dass es auch spezifisch sein muss. Es gibt ein gutes Beispiel in Bratislava, eine Zeitschrift, nur Frauen für Frauen. Das ist positiv, weil es auch Frauen ein Forum bietet, die sich nicht getraut hätten, wenn auch Männer dabei gewesen wären. Ich denke man muss einfach übertreiben, ab und zu. Ich mag das nicht, aber ich denke, es ist notwendig.

KAL:Ich versuche, auf beiden Ebenen anzusetzen und habe die Erfahrung gemacht, dass das der richtige Weg ist. Ich glaube nicht, dass wir darauf setzen dürfen, dass Männer freiwillig etwas von ihren Privilegien abgeben. Wenn du sie nicht das Fürchten lehrst, hast du keine Chance.


* Der zitierte Satz wurde nach dem Interview geändert!

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