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Vom Geschäft mit dem Müll

Von: Martin Scheid

AUSGEMISTET
Am Grazer „Sturzplatz“ wird nicht nur Müll entsorgt, er wird auch umverteilt. Sperrmüll wird zu Brauchbarem, Wertloses zu Wertvollem. Zur Freude der Stadtverwaltung, zum Ärgernis so mancher Anlieferer.

Stehen bleiben oder vorbeifahren? Spätestens beim Einbiegen in die Grazer Sturzgasse sollte jeder diese Frage für sich beantwortet haben. Denn die gestikulierenden Menschen kommen so sicher wie die nächste Benzinpreiserhöhung, nur schneller. Selbst wer sich entschieden hat vor diesen nicht anzuhalten, kommt nicht so leicht an ihnen vorbei. Die Höflichen klopfen an die Scheiben, die Forschen greifen zur Türschnalle, ein geschulter Blick scannt in Sekundenschnelle die Ladung. Bei vielversprechendem Inhalt wird nach Verstärkung gerufen oder gnädig zum Weiterfahren gewunken, wenn Schutt und Plastikmüll auf keine Gold­ader schließen lassen.

„Wegelagerer“,
„Müllgewinnler“ oder „Sturzplatzzigeuner“ werden sie abfällig genannt, die meist aus Ungarn stammenden Menschen. Seit Jahren kontrollieren sie die Zufahrt zur Grazer Abfallentsorgung, im Volksmund „Sturzplatz“ genannt. Jetzt im Winter sind es rund zwölf Transportfahrzeuge, die vor der Einfahrt parken. Knapp dreißig Menschen sitzen kauernd in den Autos oder stehen in Gruppen am Straßenrand. Im Sommer werden es bis zu siebzig Personen sein, die es auf den Abfall der Grazer abgesehen haben. Dabei soll es sich um lediglich drei Großfamilien handeln, die diese Art des Gelderwerbs kontrollieren. Die dunkelhäutige Derike beispielsweise ist fast 400 km aus ihrem Heimatort im Westen Ungarns nach Graz gefahren um nach verwertbarem Müll Ausschau zu halten. Mit Onkel und Bruder wohnt sie jeweils eine ganze Woche lang bei eisigen Temperaturen im Kastenwagen. Zwischen Teppichen, Radiatoren, Leuchtkörpern und Kleiderbergen wird gekocht und geschlafen. Schnell hat sie die wichtigsten Vokabeln gelernt, die beim Müllsammeln hilfreich sind. „Meine Familie, kann brauchen, ist gut, geht schlecht, sehr schlecht, EU nix gut, Menschen hier manchmal gut, manchmal nix gut, aber viel wegschmeißn, viel wegschmeißn“.

Müll
160 000 Tonnen Müll pro Jahr, bestätigt Ralf Deroja von der stadteigenen Entsorgungsfirma. Die hundert Tonnen, die an den Toren davor von den ungarischen Frauen und Männern aus den zuliefernden Privatautos geholt werden, gar nicht mitgerechnet. Zwei Seelen wohnen deshalb in seiner Brust. Die eine, die sich über die ungebetenen Gäste vor der Haustüre ärgert, die andere, die genau weiß, dass gerade diese Menschen der Stadt Graz jährlich eine Menge Geld an Entsorgungskosten ersparen. Ganz nach dem Aschenputtel-Prinzip wandert das Gute ins Körbchen der stets präsenten Müllsortierer, das tatsächlich Unbrauchbare wird einfach liegen gelassen. „Verwaltungsstrafbestand der wilden Müllentsorgung“ nennt das der Pressesprecher von der Abfall-Entsorgungs- und Verwertungs-GmbH und klagt, dass niemand dagegen einschreitet. Im Gegenteil. Der Grazer Vizebürgermeister Walter Ferk sieht in der Situation in der Sturzgasse eine faire und sanfte Lösung des Romaproblems in Graz.

Weg damit
Der Blick in die freitags bereits dicht beladenen Transporter mit den ungarischen Nummerntafeln ist zugleich ein sehr unmittelbarer auf unsere Wegwerfgesellschaft. Funktionierende Kühlschränke, Stereoanlagen, Fernsehgeräte, Mikrowellenherde, CD-Sammlungen, Heizkörper, Bilder, Möbel, Fahrräder, Spielzeug, Bekleidung. Selbst den hart gesottenen Helfern am Areal der Entsorgungsfirma bleibt immer wieder der Mund offen, wenn sie sehen, was sich da alles in den Container häuft: 9400 TV-Geräte, 5800 Kühlschränke, fast 8000 Herde und Geschirrspüler waren es im Vorjahr. Die Müllentsorgungsstelle wird zur weltanschaulichen Trennlinie: hier die durch Überfluss entstandene Einwegmentalität ,kaufen, gebrauchen, wegwerfen’, dort der durch Not geformte Secondhandgedanke ,Gebrauchtes gebrauchen und Kaputtes reparieren’.
„Ich nur schleifen“, versichert treuherzig ein junger Roma, „und stellen zu mir in Garten“, während er aus dem Van einer jungen Frau deren Gartengarnitur herauswuchtet. Diese ist einwandfrei in Ordnung, bloß verwittert. Die Spenderin ist unbeeindruckt von all den Vorurteilen gegenüber diesen Menschen. Ihr ist es egal, was der junge Mann damit machen wird, selbst wenn er die Stücke verkauft, meint sie, muss er ja einiges auf sich nehmen bis er sie seiner Familie oder den Händlern präsentieren kann.

Fahrraddiebe
Der schnauzbärtige Grazer, der lieber seine alte Stereoanlage lautstark schimpfend in den Container kippt, als sie „den Fahrraddieben da draußen“ zu überge­ben, ist ebenso wenig allein wie die ängstliche Hausfrau, die sogar beim Einbringen von Gartenmüll ihre Autotüren von innen verriegelt, um von den „Habenichten“ nicht „belästigt“ zu werden. Habenichte? Sie haben Stehkraft, sie haben Durchhaltevermögen, sie haben dicke Haut und taube Ohren, wenn sie beschimpft werden und: sie haben sicheres Gespür für alles, was sich reparieren und wieder verwerten lässt. Herbert Ludwigkeit, der selbst gut vom Geschäft des Müllsammelns lebt, hat versucht ein gerechtes System einzuführen, bei dem die auf Müll Wartenden gleichmäßig zum Zug kommen. Die Idee ist gut, ihre Umsetzung allerdings weniger gelungen. Niemand hält sich daran. Stattdessen hat sich eine interne Hackordnung etabliert. Und eine Zweiklassengesellschaft. Ebenso begehrlich auf Grazer Müll wartende Slowaken, Polen oder Rumänen müssen sich hinten anstellen. Von den ungarischen Monopolisten wurde ihnen der Platz auf der deutlich weniger befahrenen östlichen Zufahrtstraße zugewiesen. Die Freunde und Helfer in den neuen blauen Uniformen schauen auch fast täglich vorbei. Sie sorgen dafür, dass vor 18 Uhr jeglicher von den Roma zurückgelassener Müll von der Straße verschwindet. Manchmal, so hört man, scheuen sich Beamte auch nicht nachts zu kommen, um den im Sommer zum Teil auf der Straße schlafenden Müllmenschen so lange ins Gesicht zu leuchten, bis diese das Weite suchen. Aber das sollen Ausnahmen sein.

Angst
Kurz vor der Sperrstunde chauffiert ein Herr im blitzblanken Wagen seinen alten Computer zur letzten Ruhestätte. Die begehrlichen Blicke der müde gewordenen Roma lassen ihn kalt, er bleibt nicht stehen. Hatten uns unsere Eltern und Großeltern nicht immer schon davor gewarnt Zigeuner ins Haus zu lassen, weil diese sogar unsere Kinder mit sich nehmen würden? Heute ziehen sie nicht mehr hausierend mit Pferd und Wagen durch das Land. Aus dem lauten Treiben ist eher leises Betteln geworden, aus dem Planwagen ein Transporter und aus dem Zugpferd hunderte Pferde unter der Motorhaube. Angst haben wir aber immer noch. Nicht mehr um unsere Kinder, aber um Pannendreieck oder Reservereifen, die uns ja gestohlen werden könnten, wenn wir es zuließen, dass Roma unseren Müll aus dem Kofferraum unserer Autos hievten.



Leserkommentare:


ich gebe gerne aber nicht so! Josef  14.02.06,13:17

Ich bin auch schon öfter stehen geblieben um herzugeben was noch funktioniert oder zu reparieren war. Jedoch mach ich es in Zukunft nicht mehr. Den die Schäden an meinem Auto (Kratzer, kleine Beulen, ...) die teilweise verursacht werden, wenn sie wie die "Irren" auf einen zustürmen, muss ich dann bezahlen. Und mir ist es auch schon passiert das Dinge aus meinem Auto entwendet werden die ich nicht hergeben wollte, und man bekommt sie nur schwer zurück! ich gebe gerne aber unter diesen umständen leider nicht mehr.


Ich würde stehenbleiben.. Dieter   12.02.06,09:22

Also ich finde es auch sinnvoller, alten Kram diesen Leuten zu geben als ihn wegzuwerfen. Daher bin ich auch einmal (und nur einmal) stehengeblieben als ich etwas brauchbares im Auto hatte. Da ist aber gleich eine ganze Gruppe auf mein Auto losgestürmt und die Horde wollte sämtliche Türen gleichzeitig aufreissen. Glücklichereise hatte ich alle Türen versperrt, sonst hätten sie mir garantiert mein Auto leergeräumt. Den alten Bildschirm hab ich ihnen gegeben, aber stehnbleiben werde ich dort nicht mehr. Ich mags nicht so sehr wenn man versucht mich zu bestehlen.
Wenn man denen beibringen könnte sich zurückzuhalten, würden wohl mehr Leute stehenbleiben.

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