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Live Berichte

Von: Julian Ausserhofer

GESCHICHTEN
Das vor kurzem erschienene Buch „MenschenLEBEN“ gibt Einblicke in die Lebenswelten von Analphabeten und Migranten. In Essays und wissenschaftlichen Beiträgen werden gesellschaftspolitische Perspektiven aufgezeigt und die Ränder in unserer Mitte ausgelotet.

Wenn du bezahlst, dann bringen wir dich weg. Ich gab ihnen, was ich hatte, etwa 400 Mark. Das reichte aus und ab dann fuhren wir nur in der Nacht. Wir aßen nicht, wir tranken nicht. Als wir die österreichische Grenze erreicht hatten, wiesen die Leute in eine Richtung und sagten: ‚Dort ist Graz.‘ Meine Familie und ich gingen über die Grenze, ohne zu wissen, wo wir uns überhaupt befanden“, erinnert sich Hajrula Fetahi. Zusammen mit seiner Familie flüchtete er 1999 aus dem Kosovo nach Österreich. Heute lebt der 56-Jährige in Graz und hofft auf die positive Bearbeitung seines Asylbescheids. Er ist froh, dass er Arbeit gefunden und sich integriert hat, doch die Ungewissheit, ob er mit seiner Familie in Österreich bleiben kann, ist groß.
Von ganz anderen, nicht minder bedrückenden, Erfahrungen ist das Leben von Winfried K.* geprägt: Der Grazer lebte jahrelang als Analphabet, erst vor wenigen Jahren lernte er lesen und schreiben. In seiner Kindheit wurde er von seinem Vater und seinen Lehrern misshandelt und bereits mit zwölf Jahren zur Arbeit auf der Baustelle gezwungen. „Mein Vater nahm mir das verdiente Geld ab. Doch mit der Zeit gab ich ihm nicht mehr alles. Die Hälfte behielt ich für mich. Mit fünfzehn oder sechzehn verließ ich dann die Schule und mit siebzehn kaufte ich mir mein erstes Moped“, erzählt er.

In unserer Mitte
In der Publikation ‚MenschenLEBEN’, herausgegeben vom Verein ISOP (Innovative Sozialprojekte), finden sich zahlreiche Geschichten wie diese. Die Grazer Lehrerin und Historikerin Gertrud Kerschbaumer führte mit den verschiedensten Menschen am Rande unserer Gesellschaft Interviews, um Lebensgeschichten Gehör zu verschaffen, die gerne überhört werden: „Politik, die auf Grundlage solcher Erzählungen auf die von Menschen artikulierten Bedürfnisse zu hören beginnt, wäre revolutionär und radikal im besten Sinne des Wortes“, meint Robert Reithofer in der Einleitung zum Buch.
Viele der Berichte weisen Parallelen auf: So erlaubt sich beispielsweise keine der interwieten Personen Migranten, schlechte Arbeitsbedingungen zu kritisieren. Jede Beschäftigung, mag sie auch mit noch so widrigen Umständen verbunden sein, wird als großer persönlicher Integrationserfolg verbucht. Dass man dabei oft ausgenutzt werde, das akzeptiert auch Hajrula Fetahi: „Arbeit ist in der ganzen Welt schwer, Arbeit ist heilig, ohne Arbeit kann man nicht leben.“

Illusionäre Freiheit
Die Interviews mit den Betroffenen bilden den Kern des Buchs. Begleitend dazu nähern sich in ‚MenschenLEBEN’ verschiedene steirische ExpertInnen Themen wie Gerechtigkeit, Freiheit oder Diskriminierung. Stets beziehen die AutorInnen gesellschaftspolitische Ansätze in ihre Überlegungen mit ein. Der im vergangenen Jahr verstorbene Soziologe Hans Georg Zilian zeichnet in seinem Essay „Des Menschen Hörigkeit oder ‚Feel Free!’“ das Bild einer modernen Gesellschaft, in der Integration und Solidarität zunehmend wirtschaftlichem Denken untergeordnet werden. Zilian erläutert, wie menschliche Grundbedürfnisse wie Wohnen und Arbeit zum Privileg derjenigen werden, die Beschäftigung haben. „Die kosmopolitischen Bewohner der turbokapitalistischen Welt sind überall und nirgends zuhause“, urteilt Zilian. Und: Die Freiheit der meisten Menschen sei in Wahrheit nur mehr Illusion.


* Der Name wurde geändert.

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