STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2006/Juli/Wege nach der Flucht/
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Wege nach der Flucht

Von: Christian Maier

ASYLPOLITIK
Puntigamer fürchten aufgrund eines Asylwerberheim um ihre Kinder und Enkelkinder und hetzen gegen Ausländer. Doch Ängste gibt es auch auf Seiten der Flüchtlinge.

Es hat geschmerzt, nicht frei entscheiden zu können.“ Brigitte lebte über zehn Jahre lang mit den bescheidenen Rechten einer Asylwerberin: 1994 floh die selbstbewusste Sozialarbeiterin vor dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland Ruanda. Seit damals hat sie viel erlebt: Brigitte durchreiste mehrere afrikanische Staaten, lernte dabei ihren Mann kennen und sieht sich, als dieser die traditionelle Beschneidung der gemeinsamen Tochter verlangt, erneut zur Flucht gezwungen. Eine Flucht, die sie 2002 zusammen mit ihrer Tochter nach Österreich führt. Die lange Reise bewältigt Brigitte dabei gänzlich ohne fremde Hilfe. Auf fragwürdige Angebote von Schleppern verzichtet sie bewusst, denn „es sind schon zu viele Menschen auf der Flucht gestorben.“
In Österreich angekommen, verläuft das erste Jahr für Brigitte und ihre Tochter enttäuschend. Die Sozialarbeiterin stellt einen Antrag auf Asyl, doch da es Probleme mit ihrem Visum gibt, wird sie nicht in die Bundesbetreuung aufgenommen. Finanziell kann sie sich 2002 deshalb auch kaum über Wasser halten. Brigitte erzählt: „Meine Tochter und ich lebten damals hauptsächlich von Reis und Tomaten.“ Ihre Situation bessert sich erst, als sie ein Jahr später Unterschlupf im von der Caritas betreuten Grazer Frauenwohnhaus findet. Das Konzept des extra für Asylwerberinnen und deren Kinder eingerichteten Heimes orientiert sich stark an dem gewöhnlicher Frauenhäuser. Die diplomierte Historikerin und Leiterin der Unterkunft, Christina Kölbl, erklärt die Strukturen so: „Uns ist es wichtig, anonym zu bleiben. Die Einrichtung verfügt daher weder über einen Vordereingang noch über ein eigenes Türschild.“ Männliche Besuche sind im Frauenwohnhaus nur bedingt gestattet, haben viele der Asylwerberinnen doch bereits Erfahrungen mit Gewalt gemacht.

Das Wohnhaus beherbergt 40 Frauen und 30 Kinder verschiedener Nationen. Konflikte sind bei dieser Größenordnung vorprogrammiert, das Zusammenleben zwischen den Kulturen verläuft im Alltag dennoch größtenteils reibungsfrei. „Manchmal verbietet eine tschetschenische Mutter ihren Töchtern, mit Schwarzen zu spielen“, sagt Christina. Die Kinder würden sich im Normalfall aber schnell über solche Ermahnungen hinweg setzen. Da sie in der Regel ein besseres Deutsch als ihre Eltern sprechen, könnten sie auch ihre Ängste beim gemeinsamen Spielen schneller abbauen. Christina glaubt: „Im Haus passiert viel Integration gerade über die Kinder.“

EINBAHNSTRASSE INTEGRATION?
Dass Integration bereits im Vorschulalter beginnt, meint auch der Pädagoge und gebürtige Nigerianer Fred Ohenhen. Der ehemalige Asylwerber ist Leiter des Projektes IKU, das Kindergartenkinder und Volksschüler in Kontakt mit Afrikanern bringt. Gemeinsam wird bei den Workshops getrommelt, gespielt oder einfach geredet. „Wichtig ist, dass Begegnung und Interaktion stattfinden.“ Davon sollen auch jene Asylwerber profitieren, die Fred bei seiner Arbeit begleiten. Erinnert sich der lebenslustige ISOP-Mitarbeiter doch noch gut an sein erstes Jahr in Österreich als er weder die deutsche Sprache beherrschte noch arbeiten durfte. „Ich habe damals nur gegessen, geschlafen und geweint. Wenn man hier lebt, braucht man einfach den Kontakt zu Österreichern.“ Mittlerweile spricht der ehemalige Asylwerber - sieht man von einem leicht steirisch gefärbten Einschlag ab - nahezu akzentfrei Deutsch. Auch österreichische Freunde hat er viele gefunden. Notwendig dafür war aber immer ein gegenseitiges Zugehen oder wie Fred es ausdrückt: „Integration is ka Einbahnstroß`n.“

VERSTÄNDNIS
Doch wie kann den Österreichern die große Angst vor den Flüchtlingen genommen werden? Am Beispiel des Jugoslawienkrieges vor fünfzehn Jahren zeigte sich: Ist die Bevölkerung über die Fluchtgründe der Asylwerber gut informiert, steigt gleichzeitig auch deren Akzeptanz. Zum Gelingen der späteren Integration, bedarf es aber freilich mehr als sich nur gastfreundlich zu zeigen. Entscheidend sind vor allem zwei Punkte: Sprache und Arbeit. Integrationsvereine fordern daher seit langem, Asylwerbern die Möglichkeit einzuräumen, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen, sofern sich diese im Gegenzug verpflichten Deutsch zu lernen. Bislang dürfen Flüchtlinge in Österreich nämlich nur in gesetzlichen Grauzonen werken. Eine Arbeitsmarktpolitik, die nicht unumstritten ist. Verurteilt sie Asylwerber doch zum Nichtstun und erhöht damit deren Gefahr zu Vereinsamen. Das kann vor allem traumatisierten Personen stark zusetzen, die bereits jetzt mit dem Gedanken kämpfen: „Die Österreicher wollen mich hier nicht.“

Dass die Ablehnung der Bevölkerung oftmals tatsächlich groß ist, zeigte sich vor kurzem im Grazer Bezirk Puntigam, wo geschockte Anrainer gegen die Eröffnung eines geplanten Asylwerberheims Sturm liefen. Ihre Sorgen galten vor allem der Zunahme von Drogenhandel und Beschaffungskriminalität. Eine weit verbreitete Angst, die aber von aktuellen Statistiken der Polizei nicht bestätigt wird: gemessen an der Gesamtbevölkerungszahl beträgt der Anteil der einer kriminellen Tat verdächtigten Asylwerber gerade einmal zwei Prozent. Das Klischee vom verbrecherischen Flüchtling hat sich in vielen Köpfen dennoch festgesetzt. Muhammadi Djanali, afghanischer Asylwerber, beklagt: „Wird ein Flüchtling kriminell, meint die Bevölkerung gleich, dass wir alle so sind.“ Die Aufregung um das neu zu beziehende Heim in Puntigam gibt dem gelernten Tischler zu denken: „Hier im Haus haben eigentlich alle Angst, nach Puntigam zu gehen.“

KLEINE EINHEITEN
Notwendig wurde der Umzug in den siebzehnten Grazer Stadtbezirk, weil die Caritas ihr altes Quartier am Griesplatz, die Fünf Lärchen, aufgelassen hat. Statt eines großen Hauses will sie jetzt verstärkt auf mehrere kleinere Einheiten setzen. Grundsätzlich ein guter Gedanke, meint Djanali, doch dass er nun aus einem Asylwerberheim für beiderlei Geschlechter in ein reines Männerwohnhaus umziehen soll, hält er nicht für ideal. „Mir wäre ein gemischtes Haus lieber, auch weil die Bevölkerung dann weniger Angst hätte.“

ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT
Ein verständlicher Gedanke, fühlt sich doch auch die sprachkundige Erziehungswissenschafterin und ehemalige Leiterin der Fünf Lärchen, Silke Strasser, bei der momentan in Puntigam herrschenden Stimmung „in die Zwanziger Jahre zurückversetzt.“ Sie glaubt dennoch, dass man mit dem Großteil der Bevölkerung auf sachlicher Ebene diskutieren kann. Wichtig dafür ist, den Anrainern klarzumachen, dass die Caritas kein Interesse daran hat, kriminelle Asylwerber zu schützen. Silke: „Unser humanitärer Auftrag endet bei Straffälligkeit.“ Doch nicht nur diese Vorurteile würden die Integrationsarbeit erschweren, was Silke vor allem stört: „In Graz gibt es einfach zu wenige Sprachkurse und leistbare Wohnungen.“          
Brigitte ist nun ebenfalls auf der Suche nach einer leistbaren Wohnung. Ihr Asylverfahren wurde vor kurzem positiv abgeschlossen. Das gerade eben umgesiedelte Frauenwohnhaus verlässt sie mit gemischten Gefühlen. „Mein Kind und ich haben hier gute Menschen getroffen.“ Über ihre Erlebnisse plant sie, irgendwann ein Buch zu schreiben. Jetzt sei sie aber erst einmal froh, einen Job beim Gesundheitsamt der Stadt Graz gefunden zu haben. Brigitte: „Es ist schön, endlich wieder frei entscheiden zu können.“

Weiterführende Informationen unter:

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