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Die Schallmauer durchbrechen

Von: Gerhild Wrann

GEHÖRLOS
Was tut sich ein Jahr nach der gesetzlichen Anerkennung der Gebärdensprache in der Menschenrechtsstadt Graz? Errungenschaften und Problembereiche.

Wer kennt das Spiel ,blinde Post’?“ Christian Stalzer wendet sich fragend ans Megaphon-Uni-Publikum, zu hören ist jedoch die Stimme von Karin Hofstätter, die zwischen den Zuhörern sitzt, aufmerksam jede Bewegung des Vortragenden verfolgt – und sie übersetzt. Christian Stalzer ist gehörlos, Karin Hofstätter Gebärdensprachdolmetscherin. „Sie alle kennen bestimmt ,stille Post’?“ Reges Nicken durch die Reihen. „Und wenn sie nun die gesprochenen Worte durch Pantomime ersetzen, haben Sie ,blinde Post’.“ Christian Stalzer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Institut für Translationswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität. „Ich wurde in eine gehörlose Familie geboren“, erzählt er in seinem Vortrag „Gehörlose Menschen in Österreich“, den er im Rahmen der Ringvortragsreihe Megaphon-Uni hält. Christian Stalzer ist Angehöriger einer echten Minderheit: In der Steiermark gibt es nach offiziellen Zahlen etwa 800 gehörlose Menschen, in ganz Österreich rund 10.000, nur drei Prozent davon haben die Matura und etwa ein Prozent besucht die Universität. Die meisten Gehörlosen werden in hörende Familien geboren. „Die Relation ist 9:1“, weiß Johann Schafzahl, Leiter des Sonderpädagogischen Zentrums für Hörgeschädigte am Grazer Rosenberggürtel. Keine einfache Situation.

Emotionale Störungen im Kleinkindalter sind keine Seltenheit, da die Kommunikation zwischen hörenden Müttern und gehörlosen Kindern oft nicht ausreichend funktioniert. Schafzahl: „Es ist, wie wenn man mit dem Kind über eine Fremdsprache kommuniziert. Die Eltern vertrauen in dieser ungewohnten Situation nicht auf ihre Instinkte, sondern beginnen jede ihrer Handlungen zu hinterfragen.“ Häufig kommt es dadurch zu einer Über- oder Unterforderung des Kindes. „Hörende Eltern denken mitunter: ,Wie wird mein Kind wieder normal?’ und setzen deshalb auf die lautsprachliche Ausbildung oder entscheiden sich für die Einsetzung von Cochlear Implantaten.“ Aber ein Reparaturmodell wie dieses greift mitunter zu kurz. „Problematisch dabei ist, dass man Gehörlosen damit vormacht, wieder normal hören zu können. Das ist aber nur bedingt möglich und immer stark davon abhängig, unter welchen Voraussetzungen dieser Eingriff vorgenommen wird“, erklärt Karin Hofstätter, Linguistin und Gebärdensprachdolmetscherin. „Dabei gilt grundsätzlich die Regel: Je früher desto besser.“ Heute werden österreichweit routinemäßig an allen Neugeborenen Hörscreenings durchgeführt. Ist ein Kind hörgeschädigt, werden die Eltern in der Steiermark an das Sozialpädagogische Zentrum verwiesen, wo umfangreiche Untersuchungen angeboten werden. Am Landesinstitut für Hörgeschädigtenbildung am Rosenberggürtel können die Kinder in weiterer Folge zwischen dem Besuch von mehrstufigen gebärdensprachorientierten Förder- und lautsprachorientierten Integrationsklassen wählen.

„Unsere Lehrer sind gebärdensprachkompetent, was aber nicht dem Berufsbild eines Dolmetschers entspricht“, erklärt Jörg Pickl, Leiter des Landesinstituts für Hörgeschädigtenbildung. „Im schulischen Bereich sind Dolmetscher heute nur mehr selten notwendig, da die meisten Kinder durch frühe apparative Versorgung lautsprachorientiert sind und eher einer lautsprachbegleitenden Gebärde bedürfen. Wir müssen einen Mittelweg wählen, um den Bedürfnissen aller Schüler und den personellen Gegebenheiten gerecht zu werden.“
Dass Ausbildungs- und Schulsituation von gehörlosen Menschen ein Thema ist, zeigt die öffentliche Diskussion rund um eine gehörlose Linzerin, die als Sonderschullehrerin auf Grund ihrer „ungenügenden körperlichen Eignung“ abgelehnt wurde. „Diese Bestimmung ist mit ein Grund, warum kaum gehörlose Lehrer in der Hörgeschädigtenpädagogik zu finden sind“, erläutert Christian Stalzer. „Bei uns wird mit gehörlosen Native-Speakern zusammengearbeitet und zwei Jahre lang gab es einen bilingualen Schulversuch, der sehr gut angenommen wurde“, so Direktor Pickl über die Lage in Graz.

Trotz vieler Verbesserungen ist die Situation für gehörlose Menschen immer noch nicht optimal. Stalzer: „Zehn Jahre wurde für die politische Anerkennung der Gebärdensprache gekämpft.“ 2005 wurde die Gleichstellung in der Verfassung verankert. „Für uns hat sich seitdem nicht viel geändert.“ Für die Umsetzung des Gesetzes sind die Länder zuständig. Im Jahr 2000 wurde vom steirischen Landtag der „Sozialplan Gehör“ entwickelt. „Ziele wurden definiert, die Umsetzung steht noch aus“, weiß Stalzer. „Die Einrichtung einer Gehörlosenambulanz oder finanzielle Zuschüsse für die Inanspruchnahme von Gebärdensprachdolmetschern sind für das Land ein wichtiges Thema“, erklärt Ursula Reder vom Bereich für Gesundheitswesen des Landes. „Konkret umgesetzt wurden die flächendeckende Durchführung von Hörscreenings auf Geburtenstationen, die Einrichtung einer SMS-Notrufnummer und eine Kampagne zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit.“ Stalzer: „Problematisch bei vielen Projekten für Minderheiten ist die zu geringe Zusammenarbeit mit den Betroffenen. Oft schaffen Hörende etwas, ohne jemals eine Bedarfserhebung unter den Gehörlosen gemacht zu haben.“

Mc Bee Studio – Brennpunkt mit Handlungsbedarf
Unterstützung nötig hätte auch das Mc BEE Studio. Das 2001 gegründete Zentrum zur Förderung wahrnehmungsbehinderter Menschen wurde mit dem Ziel geschaffen, Veranstaltungen und Ausbildungen in Pantomime, Kabarett und Kleinkunst durchzuführen. Hinter den ambitionierten Projekten steht die Grazer Kleinkunstpreisträgerin Sabine Wallner alias Mc BEE, die selbst seit einer Antibiotikavergiftung in der Kindheit hörgeschädigt ist. Nun steht das Studio kurz vor dem Aus. Grund dafür ist eine langwierige juristische Auseinandersetzung mit Anrainern. Streitpunkt: das Wegnutzungsrecht für eine private Verbindungsstraße, die das in einem Hinterhof gelegene Studio für Besucher zugänglich macht. Mitbegründerin Brigitte Wallner: „Im laufenden Verfahren wird über unseren weiteren Fortbestand entschieden.“ Der Fall eines ohne Zufahrtsstraße von der Außenwelt abgeschlossenen Gehörlosentheaters – symptomatisch für das nicht immer vorurteilsfreie Verhältnis zwischen Gehörlosen und Hörenden im Grenzbereich von Sprachlosigkeit und mangelndem Verständnis?


Info:

Steirischer Landesverband der Gehörlosenvereine im Österreichischen Gehörlosenbund
8010 Grabenstraße 168, 0316/680271, office@stlvgv.at, www.stlvgv.at

Sonderpädagogisches Zentrum für hörgeschädigte Kinder / Landesinstitut für Hörgeschädigtenbildung
8010 Rosenberggürtel 12, 0316/32301529, spzlihgraz@inode.at,
www.pae.asn-graz.ac.at/spz/li_hoergeschaedigtenbildung/

Arbeitsgruppe für Gebärdensprache und Gehörlosenkultur
Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft
8010 Merangasse 70, 0316/3802674, www-gewi.uni-graz.at/uedo/signhome/index.html

Mc BEE Studio
8020 Eggenberger Allee 22c, 0664/4975195, office@mcbeestudio.at,
www.mcbeestudio.at

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