STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2006/März/Am Sprung nach oben/
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Am Sprung nach oben

Von: Christian Maier

KAMPFKUNST
Taekwondo ist zwar ein Kampfsport, hat aber wenig mit Brutalität und viel mit innerem Ausgleich zu tun.

Durch das harte Training habe ich meine Grenzen erst kennengelernt, sowohl physisch als auch psychisch.“ Raimund Vaseghi, amtierender österreichischer Staatsmeister, betreibt seit 15 Jahren Taekwondo. Mit dem Training hat er begonnen, weil er ein „Zniachterl“ war und seinen Selbstwert steigern wollte. Also stemmte er Gewichte, trainierte seine Schnelligkeit und lernte Arm- und Fußtechniken bis er schließlich den vierten  schwarzen Gürtel errang. Eine außergewöhnlich hohe Auszeichnung, die ohne eine gewisse Stärke im mentalen Bereich nicht zu erlangen ist. Schließlich ist Taekwondo eine Sportart, bei der Siege oftmals im Kopf entschieden werden.
Ein erster Besuch des von ihm betriebenen Trainings im Turnsaal des Taekwondo-Vereins Koryo bestätigt diesen Eindruck. Statt auf eine Schlägermentalität stößt man dort auf gegenseitigen Respekt. Höflich verneigen sich die Schüler voreinander, bevor sie Kampfabläufe imitieren um einzelne Schrittfolgen und Angriffstechniken zu verinnerlichen. Eine Überdosis Testosteron ist in der Halle nicht bemerkbar, was aber auch an der Tatsache liegen könnte, dass überraschend viele Studentinnen anwesend sind.

Eine von ihnen ist die 25-jährige Ellen Hofer. Warum sie sich für den asiatischen Kampfsport interessiert? „Taekwondo ist eine extrem gute Körperschulung. Man lernt konzentriert und exakt zu sein.“ Darüber hinaus hilft ihr Taekwondo bei der Steigerung des Durchhaltevermögens und der Selbstdisziplin. Früher hat sie aus denselben Gründen Ballett getanzt. Heute meint sie: „Auch wenn es komisch klingt, für mich sind sich diese zwei Sportarten nicht unähnlich.“ Schult doch Taekwondo den Gleichgewichtssinn und verfügt über einen ästhetischen Reiz, der beim ersten Training sofort ins Augen sticht, wenn komplizierte Bewegungsabläufe wie Tritte mit beiden Beinen in der Luft scheinbar spielerisch ausgeführt werden.

Wie wichtig der richtige Kampfstil ist beweist auch die Tatsache, dass es eigene Weltmeisterschaften gibt, bei denen Sportler in einer Art Schattenboxen gegen imaginäre Gegner antreten. Benotet werden dort Kriterien wie Kraft, Ausdruck, Beweglichkeit und Rhythmus. Im Herbst findet die nächste dieser technischen Weltmeisterschaften in Südkorea, dem Heimatland des Taekwondo, statt. Raimund Vaseghi, der sich erstmals dafür qualifizieren konnte, strebt dort den Einzug in das Semifinale an. Trotz dieses ehrgeizigen Plans gestaltet sich die Suche nach Sponsoren schwierig, da Taekwondo noch immer im Ruf steht, eine gefährliche Sportart zu sein.
  
Ein Irrglauben, denn die Wahrscheinlichkeit, sich beim Taekwondo zu verletzen, ist sehr gering. Raimund meint sogar: „Sind die Sportler erst einmal austrainiert, besteht kaum eine Gefahr mehr. Fußballer oder Schifahrer leben da weit risikoreicher.“ Auch Ellen hat wenig Angst, sich durch Tritte oder Schläge zu verletzen. Eher erhofft sie, sich im Ernstfall mit den erlernten Techniken verteidigen zu können. Gleichzeitig räumt sie aber ein: „Natürlich kann man nicht vorhersagen, wie man in kritischen Situationen reagieren wird. Zu wissen, dass man sich wehren kann, gibt aber auf alle Fälle Selbstsicherheit.“ Auch wenn sie sich bislang niemals ernsthaft verteidigen musste, hat ihr der asiatische Sport schon zu so manchem Achtungserfolg verholfen. Ellen: „Früher, wenn ich mit meinem Bruder gerauft habe, hat er mich immer ausgelacht. Heute schaut er sehr verwundert.“

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