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Am Rande der Shoppingmeile

Von: Eva Reithofer-Haidacher

ROMA
Sie sitzen in der Herrengasse und bitten um Geld. Wer sind die Menschen, die gerade in der konsumintensiven Adventzeit als besonders krasser Kontrast zur Wohlstandsgesellschaft empfunden werden?

Die junge Frau mit dem dunklen Haarschopf und dem unsicheren Lächeln sitzt täglich von 9 bis 18.30 Uhr im Rollstuhl vor der Stadtpfarrkirche. Sie kann weder Hände noch Füße bewegen und auch beim Sprechen tut sie sich schwer. So verweist sie auf ihre Mutter, die in einer wenig begangenen Seitengasse auf den Stufen vor der Kirchenpforte sitzt und den Eintretenden einen Plastikbecher hinhält. Mit etwa zehn Euro am Tag lässt sich hier nicht so viel verdienen wie in der stark frequentierten Herrengasse. Aber sie ist froh, sich abseits des Trubels aufzuhalten. „Ich schäme mich, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran“, sagt die etwa 50-Jährige. So wie die anderen Roma in der Herrengasse, die alle aus Bulgarien stammen, will sie nicht fotografiert werden und auch ihren Namen nicht nennen – zu viele negative Erfahrungen mit hetzerischen Zeitungsartikeln haben sie bereits gemacht. Aber sie ist bereit, ihre Geschichte zu erzählen.

Verlierer der Marktwirtschaft
Sie stammt aus Samakov in Südwestbulgarien, ist Witwe und hat vier Kinder, von denen drei verheiratet sind. „Die haben selbst keine Arbeit und kaum genug zum Leben. Unterstützen können sie uns nicht.“ Vor neun Jahren ist ihr Mann gestorben, der in einer Fabrik gearbeitet hat. „Jetzt gibt es für Roma in Bulgarien keine Arbeit mehr“, sehnt sie sich in die Zeit vor dem Zusammenbruch der bulgarischen Wirtschaft 1996 zurück. Heute muss sie von 50 Euro Sozialhilfe im Monat leben.
Die geschätzten 700.000 Roma des Landes, ein Zehntel der Bevölkerung, sind die großen Verlierer des nachkommunistischen Bulgarien. In den letzten 15 Jahren gerieten sie immer mehr ins soziale Abseits und sind stark überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen. „Als meine Tochter ein Kind war, ist sie an den Füßen operiert worden. Das hat damals noch der Staat bezahlt“, erzählt die Frau. Heute wäre eine Operation an den Händen dringend nötig, für die aber 2000 Euro verlangt würden. Sie sieht keine Chance, das Geld aufzutreiben. „Allein kann meine Tochter gar nichts machen“, klagt sie. „Nach einer Operation könnte sie wenigstens selbst essen und trinken.“ Und betrübt fügt sie hinzu: „Sie ist 25 Jahre alt und weint oft, weil sie keinen Mann findet.“ Drei Monate lang dürfen sie sich ohne Visum in Österreich aufhalten. Bis Weihnachten möchten sie und ihre Tochter noch in Graz bleiben, dann geht es zurück in die Heimat, wo sie mit dem hier verdienten Geld eine Zeitlang menschenwürdig leben können.

Politisches Kleingeld
Pfarrer Wolfgang Pucher von der Vinzenzpfarre kennt die Roma, die sich zeitweise in Graz aufhalten, wie kein Zweiter. Akribisch hat er in einem Ordner aufgelistet, wann seine Schützlinge zuletzt behördlichen Übergriffen ausgesetzt waren: am 29. August, am 1., 21., 22., 26. und 28. September und zuletzt am 9. Oktober. „Das war wie eine abgesprochene Aktion rund um die Nationalratswahl“, ärgert er sich über jene, die aus der Armut der bettelnden Menschen politisches Kapital schlagen möchten. Das BZÖ hat im Wahlkampf tausende Unterschriften gegen die „organisierte Bettelei“ gesammelt und Anzeige wegen „Menschenhandel“ erstattet. Sechs Wochen lang hat die Kriminalpolizei vor allem die behinderten Roma in der Herrengasse beobachtet und kontrolliert. Für den erhobenen Verdacht wurden keinerlei Anzeichen gefunden und die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen Mitte November eingestellt. „Sie helfen sich gegenseitig und teilen das ihnen geschenkte Geld“, weiß Pfarrer Pucher. „Hinter ihnen steht weder eine Organisation noch eine Person, die ihnen Geld abnimmt.“ Sie wollen lediglich die bitterste Armut ihrer Familien lindern.

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