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Nichts ist umsonst

Von: Christian Maier und Gerhild Wrann

EHRENAMT
Ob Marienstüberl, Vinzidorf oder Flüchtlingswohnhaus, überall im sozialen Bereich leisten sie Unbezahlbares. Sechs freiwillige Helfer erzählen von ihrem Alltag im Dienst der guten Sache.

Ich bin eine Küchenmagd“, meint Margarethe Mussnig schmunzelnd, „und es gefällt mir.“ Mit einer rot-weiß gemusterten Schürze übernimmt die flotte 68-Jährige im Marienstüberl die Aufgaben, die in der legendären Grazer Essensausgabestelle so anfallen. Den Kochlöffel schwingt sie, seit sie vor acht Jahren auf einen Artikel über Armut stieß. „Da wurde mir klar, dass ich etwas tun muss.“ Überhaupt erweist sich die Pensionistin als Multitaskingtalent in Sachen Freiwilligenarbeit: Täglich geht sie mit Hunden der Arche Noah spazieren, daneben besucht sie noch regelmäßig eine Frau im Altersheim. Ob ihr die verschiedenen Tätigkeiten nicht manchmal über den Kopf wachsen? „Nein, ich fühle mich im Marienstüberl wie zu Hause. Man bekommt viel Kraft und Freude von den Menschen zurück.“

Das sei kein unübliches Motiv freiwillig tätig zu werden, bestätigt Arno Heimgartner, Erziehungswissenschafter der Universität Graz. 2004 brachte er ein Buch zum Thema heraus. Seine Erkenntnis: „Persönliche Kontakte spielen bei der Freiwilligenarbeit eine große Rolle. Wer gesellschaftlich isoliert lebt, verrichtet kaum unbezahlte Tätigkeiten.“ Das gelte für soziale Einrichtungen ebenso wie für die freiwillige Feuerwehr. Allerdings seien die ehrenamtlich im Sozialbereich Tätigen zu 75 Prozent weiblich. Weitere Zahlen: Laut einer im Jahre 2000 erstellten Studie des Sozialministeriums sind rund 104.000 Österreicher im sozialen Bereich oder auf Vereinsebenen in irgendeiner Form aktiv tätig. Durchschnittlich wenden sie fünf bis zehn Stunden pro Monat für freiwillige Tätigkeiten auf.

Manche machen wesentlich mehr: Die pensionierte AHS-Lehrerin Elisabeth Hoffer verbringt wöchentlich zwei Nächte im Grazer Vinzidorf. Auslöser für ihr Engagement war eine winterliche Reise nach München, wo sie einen Obdachlosen unter einer Toreinfahrt schlafen sah. Ein Zustand, den sie nicht hinnehmen wollte. „Die Entscheidung, mich im Obdachlosenbereich zu engagieren, ging vom Kopf aus. Mein Glaube spielte dabei sicher eine Rolle.“ Angst, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein, hatte sie zu keinem Zeitpunkt. „Das Merkwürdige ist, die Vinzidorfbewohner zeigen wesentlich mehr Respekt vor mir als meine ehemaligen Schüler.“ So merkwürdig ist das gar nicht: Da die resolute 67-Jährige „an einem gewissen Maß an Ordnung“ interessiert ist und dieses auch durchzusetzen vermag, legt sich so mancher Bewohner lieber schlafen bevor er mit ihr eine Auseinandersetzung riskiert. Elisabeth Hoffer ist es recht. Sie will sich in Zukunft verstärkt im Obdachlosenbereich engagieren und einen dritten Nachtdienst in der Frauennotunterkunft Vinzinest übernehmen. Sind freiwillige Tätigkeiten also generell ein „Sinn-voller“ Zeitvertreib? Natürlich, meint die Ärztin und Psychotherapeutin Susanne Presinger. Seit zwei Jahren ordiniert sie jeden Dienstag in der Marienambulanz, einer medizinischen Notversorgungsstelle. Wieso sie freiwillig tätig ist? „Ganz einfach, weil ich ein guter Mensch bin“, antwortet Presinger ironisch. Im Ernst: Mit Aufopferung und Helfersyndrom hätte ihre Tätigkeit wenig zu tun. Sie definiert ihre Arbeit eher als weltanschauliche Konsequenz. „Ich halte nur ein gewisses Maß an Dissonanzen aus. Wenn ich schon bei H&M Gewand einkaufe, kann ich so wenigstens einen positiven Ausgleich schaffen.“ Ihrer Überzeugung entspricht es, dass die Welt besser funktioniere, „wenn die, die etwas zu geben haben, es auch geben und Bedürftige das, was sie brauchen, nehmen.“ Mit geringen Mitteln könne da viel erreicht werden, vorausgesetzt der Beruf ermögliche das Ehrenamt.

Aber auch ohne spezielle Qualifizierung geschieht wichtige Arbeit - wenn oft auch nur im Stillen. Etwa durch „versteckte Ehrenamtliche“, die offiziell keiner Einrichtung angehören, für ältere Nachbarn aber einkaufen gehen. Wie diese für professionelle ehrenamtliche Tätigkeiten gewonnen werden, zeigt das von der Caritas initiierte Projekt Sozius. Hier werden Paten mit verschiedensten Kenntnissen gezielt angeworben, um Armutsgefährdeten bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche unter die Arme zu greifen. Den Softwareentwickler Otto Simon hat die Idee überzeugt. „Es ist ein gutes Gefühl, mit Menschen in direktem Kontakt zu stehen. Durch eine Spende erhalte ich das nicht.“ In den letzten zwei Jahren stellte der Computerexperte vier Personen seine wirtschaftlichen Fähigkeiten zur Verfügung und unterstützte ihre Arbeitssuche. Erfahren hat er dabei, dass Bewerbungen oft an scheinbaren Kleinigkeiten scheitern: Etwa am Nicht-Verstehen von Stellenangeboten.

Wie sehr der Staat von solchen freiwilligen Leistungen profitiert, zeigen Berechnungen aus dem Jahre 2000. Rund 4,5 Milliarden Euro beträgt – vorsichtig geschätzt - der jährlich geleistete Produktionswert freiwilliger Arbeit. Ohne Ehrenamtliche würde der Sozialstaat einbrechen. Auch im Flüchtlingsbereich stellen Freiwillige eine große Hilfe dar, meint Gunda Bachan. Die ausgebildete Künstlerin knüpft Kontakte zwischen ehrenamtlichen Helfern und Migranten. „Freiwillige sind Wegbereiter für die Biographie derer, denen sie helfen.“ Bachan, achtet daher sehr genau darauf, wen sie mit wem zusammenbringt: „Passen die Menschen zueinander, kann ein schöner bunter Teppich entstehen, der sich weiter weben lässt.“ Ihre Vision ist es, durch den Kontakt zwischen Zuwanderern und Ehrenamtlichen eine Basis zu schaffen, die gegenseitige Unterstützung bedingt. „Vorbildhaft ist, wenn der junge tschetschenische Flüchtling von sich aus im Garten der älteren Dame, die ihn in Deutsch unterrichtet, hilft.“

Zum Prinzip des gleichberechtigen Gebens und Nehmens fällt auch dem im Marienstüberl tätigen Anton Johne eine Episode ein: „Es gibt eine Frau, die mir, immer wenn ich ihr das Essen serviere, ein Zuckerl zusteckt.“ Die Erinnerung daran bringt den nachdenklich wirkenden 60-jährigen Mann, der sich nach seiner Tätigkeit bei der Telekom Austria im Vorruhestand befindet, zum Strahlen. Ähnliche Wertschätzung hat auch der Landesbeamte Paul Schmuck erlebt, als er unentgeltlich die Wohnungshilfe Team On aufzubauen begann. Obdachlose hätten ihm die letzte Zigarette überlassen, ihn zum Kaffee eingeladen oder kleine Geschenke gemacht. Besonders beeindruckt hat ihn ein Erlebnis, das sich im Grazer Stadtpark vor einigen Jahren zutrug. Damals wurde er von einem Obdachlosen um ein paar Schillinge angeschnorrt. Da er kein Geld bei sich hatte und außerdem pleite war, spendete er nichts. Der Wohnungslose nahm das nicht tragisch: Nach zwei Stunden kehrte er mit ein paar Münzen zu Paul Schmuck zurück und sagte: „Nimm da was d´ brauchst.“ Der Obdachlose war für den Landesbeamten betteln gegangen.

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