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Mein wunderbarer Frisiersalon

Von: Judith Schwentner

AFRO-STYLE Sie ist seit geraumer Zeit unumstrittene Meisterin in afrikanischer Haarkunst vor Ort, ihr Salon zugleich Treffpunkt für die afrikanische Community. Ein Besuch bei Mama Lee.

Eigentlich kommen alle zu ihr. Der große Unterschied zwischen ihren Kunden österreichischer und afrikanischer Herkunft liegt eher im kulturellen Detail: „Die Österreicher mögen es, dass sie einen fixen Termin haben, die Afrikaner kommen einfach, weil sie hier ihre Brothers und Sisters treffen.“ Womit Mama Lee beim Grundkonzept ihres Frisiersalons wäre. Hier ist jedes Styling aus dem gesamten Afro-Frisurenrepertoire möglich, hierher kann man aber auch einfach auf eine Limonade oder ein Bier kommen - solange Rastas geflochten, Kunsthaare eingewebt und störrische afrikanische Haare geglättet werden, sind alle willkommen. Kinder inklusive.

Ihren ersten Laden hatte Mama Lee in der Jakoministraße. Ursprünglich hieß der, nach einem Vorbild in ihrer ghanesischen Heimatstadt Kumasi, Mama Lee. Neben einem herausragenden Angebot an afrikanischen Stoffen und einigen Lebensmitteln wurde das Geschäft sehr bald zur fixen Größe im afrikanischen Hairstyling-Angebot vor Ort, seine Inhaberin selbst zu Mama Lee. Und der Job als Afro-Friseurin zu ihrer Haupteinnahmequelle. Über zwei Jahre musste sie dann allerdings familienbedingt pausieren – jetzt ist sie wieder da: In der Feuerbachgasse hat Mama Lee vor rund drei Monaten erneut die Türen geöffnet und geht es diesmal von der anderen Richtung an. Zuerst soll sich das Geschäft mit den Frisuren wieder einpendeln, dann erst auch das Angebot an Stoffen und Lebensmitteln ausgeweitet werden. Vorerst hängen da im kleinen Laden also vor allem jede Menge verschiedenfärbiger Haarteile und stapeln sich die Haarpflegeprodukte. Aus den Boxen kommt Musik, ein laufendes Videoprogramm liefert zusätzlich visuelle Zerstreuung. Menschen kommen und gehen, unterhalten sich lautstark. Kinder laufen ein und aus. Im Zentrum des Geschehens: Mama Lee, die mit der laufenden Musik mitsingt, sich mit Gästen und Kunden unterhält, ihren Kindern Anweisungen erteilt und Anrufe entgegen nimmt. Und bei all dem nur selten die Hand von ihrer Arbeit lässt – unter ihr ein geduldiger Kunde oder eine Kundin, die wissen, dass es sich nur noch um Stunden handeln kann.
Denn die afrikanische Haarkunst ist vor allem eine zeitaufwändige. Und abgesehen von der bemerkenswerten Optik auch eine eigene Wissenschaft. Neue Rastazöpfe dauern je nach Länge der eingeflochtenen Kunsthaare und Aufwändigkeit des Musters, nach dem die Haare am Kopf geteilt werden, einige Stunden. Dafür halten sie dann auch mehrere Monate. Am beliebtesten sind dabei die bekannten Rastazöpfe, für die Mama Lee schon das eine oder andere Mal Flechthelfer zu Hilfe ziehen muss, um die Frisur in einem für alle erträglichen Zeitrahmen hinzukriegen. Eine wiederum eigene Technik erfordern die Cornrows (Maisreihen), die in Bahnen so dicht wie möglich an die Kopfhaut geflochten werden. Beiden Stilen ist vor allem ihre Geschlechtsneutralität gemein. Da ist es nichts Ungewöhnliches, dass sich ein Kunde aus dem Katalog die Frisuren  eines weiblichen Models wünscht. Was bei den umständlichen Lockenfrisuren oder Haarglättungsunterfangen dann allerdings weniger oft der Fall ist. In der entsprechenden Produktpalette ist diesbezüglich dafür schon der eine oder andere Friseur aus der Nachbarschaft zum Abnehmer geworden. Es kommen eben alle – wenn’s  sein muss auch die Konkurrenz.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
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