STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2006/November/ÜBER VERONICA FERRES UND DIE DEPRESSION/
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ÜBER VERONICA FERRES UND DIE DEPRESSION

Von: Gerhild Steinbuch

DRAMA Poetry Slams, Konzerte, Kurzfilm, ein aktiver Adventkalender.

Und jetzt wieder Theater. Die little drama boyz arbeiten abseits konven­tioneller Strukturen. Ein Gespräch mit dem Autor Johannes Schrettle anlässlich der aktuellen Produktion ‚Fernwärme.‘

Die little drama boyz gibt es, schenkt man Johannes Schrettle Glauben, „schon sehr sehr lange“. Mindestens jedoch seit dem Kulturhauptstadtjahr 2003, als im Rahmen von „access all areas“ Giftcontainer passenderweise im UniT–ConTner aufgeführt wurde. Wer dieser oder einer Nachfolgeveranstaltung der Marke little drama boyz beigewohnt hat, weiß, dass die Formation rund um den Grazer Autor mit herkömmlichen Theaterabenden nur wenig am Hut hat. „Um zu versuchen, einen eigenen Begriff von Theater zu entwickeln, kann man unserer Meinung nach nicht in den Stadttheaterstrukturen arbeiten. Das Gute dabei ist, dass es das Theater im Bahnhof gibt, dass da Leute sind, die auch ihren eigenen Begriff von Theater entwickelt haben. Und dabei viel näher an dem dran sind, was Theater eigentlich sein kann, als die ganzen Stadttheater, deswegen kann man das gar nicht oft genug sagen, auch weil ich das erst von denen gelernt habe, was das für ein Vorgang ist: Theater.“

Im Gegensatz zum Theater im Bahnhof bestehen die little drama boyz aber nicht aus einem fixen Ensemblestab, sondern bilden eine offene Formation, wobei natürlich manche Personen dann doch eine gewisse Kontinuität im Auftritt besitzen. So auch Johannes Schrettle, von dem der Text zur aktuellen Produktion Fernwärme stammt. Schrettle, der seine ersten Theatererfahrungen beim Theater im Bahnhof sammelte, sieht auch die Arbeitsweise der little drama boyz in der Nähe des TiB angesiedelt; wird doch anstelle betrieblich vorprogrammierter Hierarchien Material gemeinsam entwickelt und bearbeitet. Was man sich im Fall von Fernwärme ungefähr so vorstellen darf: „Am Anfang haben wir uns getroffen und über Termine und Ideen geredet. Ich habe die Fantasie gehabt, ein Melodram zu schreiben, bei dem mit zuckersüßer Kitschromantik über Politik geredet wird, Mira (Miljkovic) wollte eine Figur spielen, die scheitert, aber wirklich für etwas kämpft, Barbara (Kramer) hat von Veronica Ferres erzählt, die sie bei einer Filmpremiere gesehen hat, und die eine völlig verdrehte Berufsauffassung hat, Karoline (Rudolf) hat davon gesprochen, dass man manchmal einfach von sich nicht sprechen kann, etwa, wenn man in einem schwarzen Loch sitzt. Und darüber versuchen wir uns jetzt eine Produktion lang zu verständigen.“ Wir sind in diesem Fall neben den bereits Genannten noch Vera Hagemann, Christina Lederhaas und Marusa Sagadin. Die Uraufführung findet während des „Transport-Festivals“ in München statt, bevor die Produktion dann ins Grazer Forum Stadtpark wandert.

Damit, dass die little drama boyz und Johannes Schrettle selbst in Graz als Paradebeispiel für politisches Theater gehandhabt werden, kann Schrettle nur wenig anfangen. Wird mit dem Begriff doch legitimiert, „dass man nicht über sich spricht, sondern über die ‚Wirklichkeit’, so wie Veronica Ferres, die ja auch leugnet, dass sie eine bestimmte Position hat, aus der sie über etwas spricht und eben keine weiße Leinwand ist. Wir können nur versuchen, unsere eigene Position zu reflektieren, eventuell darüber nachdenken, was Politik sein könnte, und darüber nachdenken, wie wir miteinander umgehen und unsere Arbeit organisieren. Es geht bei uns nicht darum, Schauspieler zu irgendetwas zu treiben, was sie erfüllen sollen, sondern gemeinsam mit ihnen nachzudenken. Das mag alles diffus und pathetisch klingen, vielleicht muss das auch so sein.“ Darum geht es jedenfalls bei Fernwärme - ums Verschwinden, um Veronica Ferres, um das Zittern, um Depression.

INFO
Fernwärme - am, 16., 17., 18., 19., 22., 24., und 26. November, jeweils 20 Uhr,
im Forum Stadtpark Graz.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2006/november/31/