STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2006/November/Migranten am Wort/
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Migranten am Wort

Von: Eva Reithofer-Haidacher

SELBSTBEWUSST
In zahlreichen Vereinen organisiert, kämpfen MigrantInnen um Handlungsspielräume.

Rot, gelb, grün – die kurdischen Farben grüßen schon von weitem. Seit neun Jahren logiert in der Hans-Resel-Gasse im Grazer Bezirk Lend das Kurdistan Informationszentrum (KIZ). Bunte Teppiche an der Wand, schwarz-weiß Bilder kurdischer Freiheitskämpfer und Flaggen als Lokalinterieur schaffen Heimat in der Fremde. „Erst wenn man sich selbst ganz gut kennt, kann man sich integrieren“, ist Yildiz Gürbüz überzeugt. Er ist Vorstandsmitglied im KIZ, das mit rund 100 eingetragenen Mitgliedsfamilien zu den großen Migranten-Selbstorganisationen zählt. Obmann Ramazan Arslan ist 1998 nach Österreich gekommen. Seither ist nicht nur die Zahl der Kurden in der steirischen Diaspora gewachsen, sondern auch ihr Selbstbewusstsein. Zum kurdischen Neujahrsfest Newroz im März strömten 1300 Menschen in den Arbeiterkammersaal, etwa ein Drittel der in Graz lebenden Kurden.
Der Verein ist auch sonst rege: Neben Beratungen werden fast jeden Monat Kultur-, Sport- oder politische Veranstaltungen organisiert. Bald soll in eine größere Unterkunft umgezogen werden. Dann stehen auch wieder Deutschkurse am Programm und sogar an eine Kindernachmittagsbetreuung ist gedacht. Aber gibt es nicht schon genügend andere Beratungs- und Betreuungsangebote? Das sei nicht zu vergleichen, winkt Arslan ab: „Wir kennen die Sorgen der Kurden besser.“ Akben Kücükyasar stimmt ihm zu. Die 24-Jährige engagiert sich seit 1995 im KIZ: „Kurden haben ein viel größeres Vertrauen zueinander als zu Außenstehenden.“

Anspruch auf Teilhabe
Das KIZ ist einer von 70 Vereinen in Graz, in denen sich MigrantInnen organisieren und selbst repräsentieren – Tendenz steigend. „ Es ist neu, dass MigrantInnen in dieser Vehemenz Anspruch auf Teilhabe erheben“, erklärt Cécile Huber. Die 57-jährige Sprachwissenschafterin ist Mitglied des Universitätsteams, das mit der Sommeruniversität im Rahmen des EU-Projektes Wip die erste öffentliche Veranstaltung in Graz zum Thema „Partizipation, Selbstorganisation und Selbstrepräsentation“ veranstaltet hat. „Im wissenschaftlichen Bereich sind MigrantInnen in der Regel Objekt der Untersuchung. Es war wichtig, diese Fremdrepräsentation auszuschalten und den öffentlichen Raum für Selbstorganisationen und Selbstrepräsentation aufzumachen“, ist Cécile Huber überzeugt. Motor ihres Engagements ist ihre eigene Migrationserfahrung. In Tunesien geboren, mit sechs Jahren knapp vor dem Algerien-Krieg nach Frankreich evakuiert und als junge Erwachsene nach Österreich verheiratet, weiß sie, was Fremdsein bedeutet. Mit dem Ergebnis der Sommeruniversität ist sie durchaus zufrieden: „Es hat sich etwas bewegt.“ Als Beispiel nennt Cécile Huber eine Kapfenberger Gruppe, die aus Frauen unterschiedlicher Herkunft besteht. Die Initiative, die bis dahin ehrenamtlich gearbeitet hat, hat sich zu einer Frauengruppe entwickelt, die selbstbewusst Forderungen stellt. Schon jetzt bekommt sie von der Gemeinde Räumlichkeiten und Infrastruktur, nächstes Jahr soll eine finanzielle Förderung folgen.

Knackpunkt Finanzen
Für Kamdem Mou Poh à Hom sind die Finanzen der „Knackpunkt“. Der gebürtige Kameruner und Leiter des Afrikazentrums Chiala am Griesplatz erzählt: „Ich habe bis zu zehn Termine am Tag bei Politikern, um hier 200 Euro und dort 200 Euro aufzutreiben. Jeden Monat muss ich um Geld betteln, um den nächsten Monat finanzieren zu können.“ Er will vor allem die bestehenden Betreuungseinrichtungen in die Pflicht nehmen: „Sie sollten uns nicht als Konkurrenz sehen, eine starke Zusammenarbeit ist gefragt.“ Kamdem, der auch Vorsitzender des MigrantInnenbeirats der Stadt Graz ist, fordert die großen Hilfseinrichtungen auf, ihr Know How weiter zu geben und die Selbstorganisationen zu stärken: „Wir sind erst am Anfang von Empowerment. Ohne die Hilfe der etablierten Organisationen geht es erst in 100 Jahren bergauf.“

Weiterführende Informationen unter:

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Tel: 0316/8015 650
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