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„Wir schlagen uns nicht die Köpfe ein“

Von: Ingrid Brodnig

INTERVIEW
Aus Home Videos bastelte der österreichisch-iranische Regisseur Arash das „Exile Family Movie“. Das Megaphon sprach mit ihm über die Doku, die nicht „so ein Betroffenheitsfilm“ ist.

Soll ich Ihnen sagen, wie viele Familien ich kenne, deren Mitglieder früher alle in derselben Stadt lebten und die nun über den ganzen Erdball verstreut sind?“, fragt die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi in ihrer Autobiografie. Die Familie des Filmmachers Arash ist eine solche: Mit seinen Eltern und Geschwistern floh er 1983 als Zehnjähriger aus dem Iran nach Österreich. Als politische Flüchtlinge ließen sie einen Großteil ihrer Familie zurück, andere Verwandte zog es in die USA oder Schweden. Trotz der Distanz hielt die Familie aneinander fest – per Videobotschaft: Privates Filmmaterial, aus dem Arash schließlich die Dokumentation „Exile Family Movie“ bastelte. Mit rührender Nähe spricht der Film große Themen wie Exil und Meinungsfreiheit an. Als es dann zum heimlichen Wiedersehen in Mekka kommt, stoßen nicht bloß Familienmitglieder, sondern auch ihre Ansichten aufeinander. Exile Family Movie wurde heuer als bester Dokumentarfilm bei der Diagonale ausgezeichnet und läuft momentan in den heimischen Kinos.

Wer den Film gesehen hat, hat das Gefühl, er sei bei Ihrer Familie im Wohnzimmer gesessen. Wie ist das für Sie?
Ich habe gemerkt, dadurch, dass wir uns so öffnen und die Zuschauer reinlassen in unsere Welt, haben sich die Zuschauer auch sehr geöffnet. Viele Österreicher sind dann zu mir gekommen und haben mir ihre Familiengeschichte erzählt. Und manche haben gesagt, sie wollen jetzt öfters ihre Eltern anrufen oder ihre Familie treffen. Interessant ist, dass Leute, die ein gutes Verhältnis zur Familie haben, sagen: ‚Das ist wie bei uns‘. Und die, die das nicht haben, sehen so eine Sehnsucht darin. Wir stehen einfach zu dem, was man da sieht, und es ist nichts Peinliches. Es ist vielleicht für einen Europäer peinlich, wenn man sich selbst weinen sieht, aber bei uns ist das nicht so.

Der Film erfasst verschiedene Aspekte. Worum geht es genau?
Es geht um eine exemplarische Geschichte von Leuten, die von ihrer Familie getrennt sind. Und was Diktaturen bei solchen Familien bewirken. Und es geht darum, wie die Gesellschaft, in der man lebt, einen verändert: Wie wir jetzt europäisch sind, aber wie sehr unsere Verwandten  amerikanisiert und die aus dem Iran islamisch sind. Für mich ist das Um und Auf des Films, dass wir drei Gruppen, oder Ideologien, uns treffen, und dadurch, dass wir aus einer Familie sind und uns gern haben, reden wir einfach miteinander  – und schlagen uns nicht die Köpfe ein. Wir hören uns an, was die anderen denken, ohne dass wir es annehmen müssen. Ich denke, das könnte auch im Großen funktionieren.

Aber dann gibt es Streitpunkte, zum Beispiel die Rolle der Frau.
Na ja, man sieht in dem Film, dass die Rolle der Frau anders ist, als man vielleicht von den Stereotypen her gedacht hätte: Mein Vater kocht und meine Mutter geht zur Arbeit. Und auch bei den islamischen Frauen sieht man, dass sie viel lockerer sind, als man vielleicht erwartet hätte. Es gibt halt einige Ältere, die sich nie ändern werden. Aber im Iran gibt es auch sehr viele berufstätige Frauen: Die werden immer stärker und sind eigentlich die Kraft, die dort etwas bewirken könnte.

Welche Rolle spielen die Kinder in Ihrem Film?
Eine große. Mir war wichtig, dass man auch spürt, dass bei diesen Familien eigentlich diejenigen, die von so einem Leben wirkliche Vorteile haben, die Kinder sind. Die Kinder leben sich schnell ein. Auch ich und meine Geschwister sind froh, dass wir in Freiheit leben. Für die Eltern ist das natürlich viel schwieriger, denn wir haben unsere Eltern bei uns, sie haben ihre zurückgelassen.

Ist der Film auch eine Hommage an Ihre Eltern?
Absolut. Mir ging es auch darum, dass ich meinen Eltern und den Leuten, die wie sie sind und in einer Diktatur nicht Teil des Systems geworden sind, ein Denkmal setze. Ich wollte meinen Eltern etwas zurückgeben und auf meine Art ihren humanistischen Kampf weiterführen. Meine Eltern gehen demonstrieren oder schreiben und ich habe einen Film gemacht. Aber mir war auch der Humor extrem wichtig, dass es eben nicht so ein Betroffenheitsfilm wird. Ich glaube einfach, man muss, um ein Bewusstsein bei den Zuschauern zu verändern, sie zum Lachen und Weinen bringen. Ein depressiver Flüchtlingsfilm entspricht auch nicht dem Überlebensmotto unserer Familie.

Ist Film für Sie ein Mittel zur geistigen Verarbeitung?
Es ist sicher ein Teil davon. Wenn ich jetzt aber zu einem Therapeuten gehen würde, hätte nur ich etwas davon, durch den Film haben aber andere Leute auch etwas davon und kriegen Einblick in etwas, wo sie sonst keinen Einblick bekommen könnten.

Für das Genre ist Exile Family Movie ungewöhnlich.
Das bezieht sich auch auf das Konzept der Distanz, das viele Dokumentarfilmer haben. Mein Prinzip bei diesem Film ist nicht Distanz, sondern Nähe. Wenn ich einen Film über einen Sandler machen will, dann muss ich mit ihm leben, dann muss ich mit ihm Monate verbringen, in sein Loch kriechen und einfach Teil seines Lebens werden. Nur dadurch kann ich sein Leben spüren. Man muss halt aufpassen, dass man nicht blind wird, weil man nahe ist. Das war auch eine wichtige Gratwanderung. Aber prinzipiell Angst davor zu haben, Nähe zuzulassen, macht meiner Meinung nach diese Art von Film unmöglich.

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