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Gründerzeit

Von: Eva Reithofer-Haidacher

UNTERNEHMEN Immer mehr MigrantInnen machen sich selbständig, auch in der Steiermark. Über Gründe fürs Gründen, bevorzugte Branchen, Stolpersteine und mögliche Lösungen.

Der Duft nach Räucherstäbchen zieht durch den kleinen Verkaufsraum mit den bunten Kleidern, Tüchern, Taschen und Schmuckstücken in der Grazbachgasse. Zwei kleine Buben laufen aus dem neben gelegenen Privatraum. Geduldig schlichtet Feroz Goona den Streit seiner Söhne um das Fernsehprogramm, dann erzählt er: von seiner Flucht vor 16 Jahren aus dem bürgerkriegsgebeutelten Kashmir nach Graz, von seinem aus Geldmangel abgebrochenen Dolmetschstudium und von seiner Karriere als Unternehmer. Vor drei Jahren hat der 40-Jährige einen zweiten Laden am Jakominiplatz eröffnet. „Das Geschäft geht nicht schlecht“, sagt er. Doch sei es früher leichter gewesen. Heute habe jedes Großeinkaufszentrum seine orientalische Ecke. „Alles soll billig sein, Qualität ist wurscht“, bedauert er im besten Steirisch.
Als reiner Familienbetrieb und mit einem Nebenjob am Wochenende käme man aber über die Runden. Ob das Leben mit einem unselbständigen Job nicht bequemer wäre? Für Feroz Goona keine reizvolle Alternative: „Seit drei Generationen sind meine Vorfahren in Indien Unternehmer, das liegt mir im Blut.“ Der Handel läuft dort völlig unbürokratisch ab: „In Indien nehmen sie einen Korb, legen Süßigkeiten hinein und verkaufen sie. Keiner fragt, woher du kommst und was du da machst.“

Freie Gewerbe
Allzu groß sind die Hürden auch hierzulande nicht, wenn man sich für ein freies Gewerbe wie den Handel entscheidet. Mit der Gewerbeanmeldung ist man automatisch Mitglied der Wirtschaftskammer und muss üblicherweise der Pflichtversicherung beitreten. Grundvoraussetzung für Nicht-EWR-Bürger ist eine Niederlassungsbewilligung. „Gestern war ein Mann aus dem Nahen Osten bei der Beratung, der nur ein Studentenvisum hat und daher nicht selbständig tätig sein kann“, erzählt Markus Reiter vom Wirtschaftskammer Gründer-Service aus seinem Arbeitsalltag. Etwa fünf Prozent seiner Kunden sind Migranten. Die Informationsbroschüre gibt es seit Jahresbeginn auch in englischer, türkischer und serbokroatischer Sprache. Selbst bei einer sehr konservativen Schätzung zeigt sich, dass über acht Prozent der Unternehmensgründer in der Steiermark einen Migrationshintergrund haben. Das geht aus  einer Erhebung im Rahmen des EU-Projektes Escape hervor. Damit sind Migranten auf der Überholspur. „Es gibt eine deutlich stärkere Dynamik bei Gründern nicht-österreichischer Herkunft“, weiß Michael Ploder von Joanneum Ressearch, der die Auswertung vorgenommen hat. Drei Viertel der Gründungen von Migranten verteilen sich auf die Branchen Gastronomie, Einzelhandel, unternehmens­bezogene Dien­st­­leistungen und Bauwesen. „Einzelne Nischen wie beispielsweise Gartenpflege, Reinigungsdienste oder Bauhilfstätigkeiten haben eine größere Bedeutung“, erklärt der Volkswirt. „So wie Migranten, unabhängig von ihrer Qualifikation, stark unter den Hilfsarbeitern zu finden sind, so sind sie auch im Gewerbe vor allem in solchen mit relativ niedrigen Eintrittsbarrieren tätig.“ Schwieriger ist es in den traditionellen handwerklichen Berufen wie Tischler, Bäcker und Installateur. Das sind so genannte reglementierte Gewerbe, für die Befähigungsnachweise notwendig sind und Ausbildungen nur in geringem Ausmaß anerkannt werden.  

Fachsprache
Diese nachzumachen ist nicht ganz einfach. „Das Ablegen der Unternehmer- oder Meisterprüfung scheitert oft an der Sprache“, beklagen Markus Reiter und Michaela Steinwidder von der Wirtschaftskammer. Den Ball spielt Regina Haberfellner zurück. Die Wiener Unternehmens- und Projektberaterin weist darauf hin, dass Kurse und Prüfungen auf Deutsch gehalten werden. „Um ein Lebensmittelgeschäft zu führen brauche ich keine hervorragenden Deutschkenntnisse, aber dort geht es um Fachsprache, die oft nicht einmal geborene Österreicher verstehen!“ In Wien wäre die Nahversorgung ohne MigrantInnen schon längst zusammen gebrochen. Der Wiener Naschmarkt gilt zudem als Touristenattraktion. „Viele dieser Händler leiden unter dem Mangel an Förderungen. Sie nehmen teure Steuerberater und Rechtsanwälte in Anspruch, weil sie mit dem System nicht zurechtkommen. Dieses Geld könnte weit besser investiert werden.“ Muttersprachliche Beratungen und Mikrokredite wären eine gute Hilfe.

Mikrokredite
Die Unterstützung beim Selbständigwerden durch Mikrokredit-Finanzierung ist das Ziel von Escape. Gerade für Migranten, die hauptsächlich in nicht investitionsintensiven Branchen zu finden sind, ist das eine interessante Option. „Durchschnittlich werden 8000 bis 10.000 Euro in Anspruch genommen“, weiß ISOP-Mitarbeiter Max Mayrhofer, einer der Projektverantwortlichen. Auch er plädiert für interkulturelle Beratungen bei jenen Institutionen, die mit Gründern zu tun haben: „Alle bieten standardisierte Programme an. Was fehlt, sind individuelle Angebote für Randgruppen.“  
Warum reizt es gerade MigrantInnen zunehmend, sich auf das Wagnis Selbständigkeit einzulassen? Max Mayrhofer sieht die Ursachen pragmatisch: „Migranten müssen als erste gehen wenn Firmen Beschäftigte abbauen und sie sind häufig unter ihrer Qualifikation tätig. Wenn man ohnehin nur mit Nacht- und Wochenenddiensten über die Runden kommt, kann man sich gleich selbständig machen.“ Außerdem ist es eine Möglichkeit, auf der sozialen Leiter aufzusteigen.

Nischenprodukte
In „Becky`s Afro Beauty Shop“ in der Rösselmühlgasse gibt es die Produkte, die die Kundschaft woanders vergeblich sucht: von Kosmetika für die dunkelhäutige Frau über künstliche Haarzöpfe bis zum afrikanischen Bier. Es ist einer jener Nischen-Läden, die man in den Bezirken Gries und Lend, mit je einem Ausländeranteil von rund 20 Prozent, besonders häufig findet. Becky, die aus dem Kamerun kommt und seit über fünf Jahren in Österreich lebt, hat aus der Not eine Tugend gemacht. „Hier geben sie Afrikanern keine guten Jobs“, musste sie bei der vergeblichen Arbeitssuche feststellen und hat deshalb vor zwei Jahren ihren Shop eröffnet. „Es ist schwierig, so zu leben“, seufzt sie. Wenn Strom, Miete, Heizung und Versicherung bezahlt sind, bleibt kaum mehr etwas zum Leben übrig. Doch aufgeben will sie deshalb noch lange nicht: „Ich will beschäftigt sein und mich und meine Kinder selbst ernähren.“

Höhere Bildung
Für Regina Haberfellner sind viele Probleme von Jungunternehmern Schichtprobleme: „Es gibt zunehmend auch junge Österreicher, die sich aus Not selbständig machen und auf das Unternehmerleben einfach nicht vorbereitet sind.“ Höher Qualifizierte sowohl unter Migranten als auch unter Einheimischen hätten es leichter. Daniel Diakiese ist ein Beispiel dafür. Der 42-jährige Innenarchitekt ist vor 15 Jahren aus dem Kongo nach Österreich gekommen. „Ich bin ein flexibler Mensch und hatte immer mehrere Jobs gleichzeitig“, erzählt er in exzellentem Deutsch. Bei einem Kinoausstatter hat er ebenso gearbeitet wie in einer Druckerei – wo er übrigens während eines Pflegeurlaubes für den kranken Sohn gekündigt wurde – und als Vortragender bei interkulturellen Schulprojekten. Seit Anfang 2005 ist er als Taxiunternehmer selbständig und hat dabei Höhen und Tiefen erlebt: „Die Ablehnung wegen meiner Hautfarbe wird immer häufiger. Aber es gibt auch solche, die nur mit mir fahren wollen.“ Das Ein-Mann-Unternehmen fordert. Rund 80 Stunden pro Woche verbringt Daniel Diakiese in seinem Wagen. Nun überlegt er, einen zusätzlichen Fahrer zu beschäftigen. Damit er mehr Zeit für seine Familie hat und der Sohn nicht mehr fragen muss: „Papa, du bist doch Chef. Warum bleibst du nicht einfach zu Hause?“

Workshops zum Thema
„MigrantInnen als UnternehmerInnen“ für alle Interessierten:
Freitag, 29. September, und Freitag,
6. Oktober, ganztägig,
Dreihackengasse 1/I, 8020 Graz
Anmeldung erforderlich unter:
max.mayrhofer@isop.at
Infos: www.escape.co.at

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