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Wer früher stirbt, war meistens arm

Von: Von: Eva Reithofer-Haidacher, Mitarbeit: Christopher Mavric

MARIENAMBULANZ Krankenversicherung ist keine Selbstverständlichkeit: 100.000 Menschen leben in Österreich ohne sie. Mit der Rollenden Ambulanz den Betroffenen in Graz auf der Spur.

Der Rumäne schweigt. Er sagt nichts, als er den kleinen quadratischen Raum mit dem Geruch nach Linoleumboden betritt, und er sagt nichts, als der Arzt ihn abtastet. Nur ein leichtes Zucken der Gesichtsmuskeln gibt Auskunft, dass ihm etwas wehtut. Christoph Grandits kann damit umgehen. Der Allgemeinmediziner ist schon lange ehrenamtlich mit der Rollenden Ambulanz in Graz unterwegs, um jenen Menschen entgegenzukommen, die den Weg in eine Arztordination nicht gehen können oder wollen. Er weiß, dass er es bei seiner Station im Vinzinest vor allem mit Menschen aus Rumänien zu tun hat, die nicht oder schlecht deutsch sprechen. Und die von schwerer körperlicher Arbeit gezeichnet sind. „Ich hab den ganzen Tag geschaufelt und gegraben“, sagt einer. Die Symptome wiederholen sich: Rücken- oder Schulterschmerzen, geschwollene Füße oder Knie. Aus einem Metallkoffer, der randvoll mit Medikamenten ist, nimmt der Arzt eine Schachtel und beschreibt mit wenigen Worten und Gesten, wo und wie oft die Salbe aufgetragen werden soll.
Christoph Grandits ist in guter Gesellschaft. Wie er wollen viele Medizinerinnen und Mediziner nicht tatenlos hinnehmen, dass in einem Land, in dem jedes Auto versichert ist, Menschen ohne Krankenversicherung leben müssen.

Schwester UNd Hebamme
„Es ist ein Wahnsinn!“ sagt Christine Anderwald und es klingt, als könne sie selbst nicht fassen, was sie in den letzten acht Jahren geschafft hat. Die „Hebamme“ der Caritas-Marienambulanz, die eigentlich Krankenschwester ist, spricht von den rund 50 ÄrztInnen, Ambulanzen und Krankenhäusern in Graz und Umgebung, die der Einrichtung kostenlos ihre Dienste anbieten. Mit zahlreichen Projekten, von denen die Rollende Ambulanz nur eines ist, hat sich die Marienambulanz als Anlaufstelle für jene, die in der Gesellschaft nicht Fuß gefasst haben, etabliert. 1999 wurde die Ambulanz gegründet, um die damals noch unversicherten AsylwerberInnen zu behandeln, die Klientel hat sich im Laufe der Jahre geändert. Menschen, die um Asyl ansuchen, haben seit 2004 mit der Grundversorgung auch einen Krankenversicherungsschutz. Andere sind nachgerückt. Über tausend Patienten und Patientinnen aus 63 Nationen haben im vergangenen Jahr in der Marienambulanz Hilfe gesucht. Viele kommen aus den neuen EU-Ländern wie Polen, der Slowakei, Rumänien und Ungarn. Sie dürfen sich zwar in Österreich aufhalten, aber nicht arbeiten. „Mit diesen Ländern gibt es keine Abkommen über die Krankenversorgung“, erläutert Christine Anderwald. Aber auch Einheimische fallen zunehmend aus dem System: Menschen, die sich schämen, die Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen oder Angst vor der Rückzahlungspflicht haben. Menschen, die sich mit dem stigmatisierenden Sozialhilfe-Krankenschein nicht in eine Arztpraxis trauen. Und Drogen- oder Alkoholabhängige, die weder das Problembewusstsein noch die Kraft haben, sich um Amtstermine zu kümmern.

Keine unangenehmen Fragen
Jutta gehört dazu. Sie ist knapp über 40 und sieht aus wie 60. Ihr Haar ist strähnig, ihr Gesicht aufgedunsen. Sie ist froh, dass die Rollende Ambulanz wöchentlich im Ressidorf, ihrer Wohnstatt, Halt macht. Denn hierher kann sie kommen, ohne angestarrt oder abfällig behandelt zu werden. Hier werden keine unangenehmen Fragen gestellt. „Höchstens nach dem Namen, für den Bericht“, so Christoph Grandits. „Mir ist es aber egal, welchen sie nennen. Von mir aus können sie auch Micky Maus sagen.“
Jetzt schaut er sich Juttas Krankenhaus-Befund an. Da wird selbst der erfahrene Randgruppen-Doktor emotional: „Was? Das hast du alles? Du musst aufhören zu trinken, sonst stirbst du!“ Jutta zeigt sich einsichtig: „Ich weiß, ich schwör es.“ Aber eigentlich will sie nur Ruhe haben. Ruhe von den Schmerzen haben, endlich wieder schlafen können. „Habts kein Parkemed oder eine Schlaftablette?“, fragt sie. Der Arzt weiß, dass die Wirkung dieser Medikamente in Kombination mit Alkohol verhängnisvoll ist und gibt ihr ein pflanzliches Mittel. Und er weiß auch, dass Jutta ihre Leberzirrhose nicht überleben wird.
Warum sich das Team der Rollenden Ambulanz diese belastenden Dienste antut? Die Krankenschwester Anneliese Pfeifer, die Christoph Grandits begleitet, sagt: „Um den Leuten das Gefühl zu geben, dass es doch jemanden gibt, der sich um sie kümmert.“ Und: „Weil ich dabei das andere Graz sehen kann.“

Weltspitze mit Makel
Das andere Graz, das arme Graz, in dem die Menschen nicht nur ein stressigeres und ungesünderes, sondern auch ein kürzeres Leben führen. Reichere leben in Österreich zwischen fünf und sieben Jahre länger als Arme, gibt die Armutskonferenz bekannt. Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, haben einen dreimal schlechteren Gesundheitszustand als solche mit hohem Einkommen und sind doppelt so oft krank wie Angehörige der Mittelschicht. Das sind die trockenen Zahlen zu dem, was Christine Anderwald täglich live erlebt: „Soziales und Gesundheit sind nicht zu trennen. Menschen im sozialen Abstieg sind gesundheitlich gefährdet und umgekehrt: Menschen mit schlechter Gesundheit sind vom sozialen Abstieg bedroht.“ Sie wünscht sich ein Grundrecht auf Krankenversicherung unabhängig von Asylrecht und Aufenthaltsstatus. Sorge bereitet Christine Anderwald die deutliche Zunahme der Armut. Immer mehr Menschen mit einer Krankenversicherung kommen in die Marienambulanz, weil sie sich die Rezeptgebühren oder die Ambulanzkostenselbstbehalte nicht leisten können. „Das Gesundheitssystem ist höchst verschuldet. Es werden immer mehr Leistungen selbst zu tragen sein“, prognostiziert die organisatorische Leiterin der Caritas-Einrichtung.
Christoph Grandits teilt die Befürchtung. Zwar sei unser Gesundheitssystem eines der weltbesten – „Freunde aus den USA sind immer ganz begeistert davon, wenn sie auf Besuch kommen“ – doch die Selbstbehalte werden wohl steigen. „Zum Glück gibt es bei uns viele Ärzte und Firmen mit  einem sozialen Gewissen.“ Der anschauliche Beweis findet sich in dem großen Medikamentenkoffer, den Grandits mit sich führt. „Ärztemuster und Spenden von Arzneimittelherstellern“, erklärt der junge Arzt. In dem Koffer findet sich fast alles. Außer einem Heilmittel gegen den eigentlichen Schmerz des schweigenden Rumänen: Seine Frau ist vor kurzem gestorben.

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