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Baustelle Wohnbau

Von: Eva Reithofer-Haidacher

WOHNUNGSNOT Der soziale Wohnbau stagniert, die Fördertöpfe sind fast leer, die Verteilung der
geringen Mittel passiert ohne Ziel und Phantasie. Ist die Lage hoffnungslos?

Luftballons, Clowns, Fahnen, der Duft nach Gegrilltem und eine ausgelassene Menschenmenge – Anfang Juli herrschte in der sonst leer stehenden Andrä-Schule in der Grazer Grenadiergasse Partystimmung. Doch die 70 meist jugendlichen HausbesetzerInnen hatten ernsthafte Anliegen: Es sollte ein offenes Soziales Zentrum hier entstehen und gleichzeitig auf überteuerte Wohnungen aufmerksam gemacht werden. Nach vier Tagen räumte die Polizei das ehemalige Schulgebäude, das mittlerweile im Besitz einer privaten Immobiliengesellschaft ist. Die Transparente mit Slogans wie „Wohnen ist ein Menschenrecht“ wurden zusammengerollt und verstaut, die Probleme aber bleiben.

Jeder gegen jeden
1421 Familien und Singles warten derzeit in Graz auf eine Gemeindewohnung, 40 Wohnungen sind frei. Zwar sollen in den nächsten drei Jahren knapp mehr als 200 Wohneinheiten gebaut werden, angesichts eines Bedarfs von über 1000 ist das aber bei weitem nicht genug. Leidtragende sind vor allem sozial schwache Singles und Familien mit zwei und mehr Kindern. Sie warten ein Jahr und länger auf eine Gemeindewohnung, die nicht mehr als ein Drittel des Einkommens kosten darf. Mit der Personenzahl steigt die Wartezeit, Familien mit neun Personen müssen sich auf open end einstellen.
Kleinstwohnungen und Großwohnungen sind Mangelware, ebenso politische Vision und Gestaltungswille. „Es gibt keine Wohnbauplanung und keine sinnvolle Stadtplanung“, konstatiert Heribert Sitter von der Wohnplattform Steiermark. „Die Grazer Stadtregierer tun jeweils alles, um den Erfolg der anderen Abteilungen zu torpedieren. Es fehlt ein gemeinsames Paket für Wohnungspolitik.“ Die SP-Abteilung für Liegenschaftsverkehr gegen die VP-Stadtplanung gegen das KP-Wohnungsressort – fröhlich grüßt der Proporz.

Leere Töpfe
Dazu kommt die prekäre finanzielle Lage auf Stadt- und Landesebene. Der Stadt Graz fehlt das Geld, um Grundstücke anzukaufen, auf denen Sozialwohnungen entstehen können. Das Land Steiermark, für die Wohnbauförderung zuständig, setzt ebenfalls andere Prioritäten. „Die Steiermark hat den Wohnbautopf ausgeräumt, um das Doppelbudget 2007/2008 zustande zu bringen“, so der Grüne Abgeordnete Peter Hagenauer. Er hat dazu bei der Landesregierung Zahlen erhoben: Aus den vom Bund für Wohnbau zweckgewidmeten Mitteln wird hierzulande ein Viertel für andere Maßnahmen verwendet. Im laufenden Jahr bedeutet das eine Kürzung um 111 Millionen Euro. Ein ernüchterndes Zukunftsszenario dazu: Wenn weiterhin radikal eingespart wird und etwa eine Kürzung um 30 Prozent erfolgt, gibt es gar keine Mittel für Wohnbauprogramme in der Steiermark mehr.
Ernest Kaltenegger, KP-Klubobmann und seit vielen Jahren im Wohnbereich engagiert, kritisiert diese Vorgangsweise scharf: „Wohnbaufördermittel müssen Wohnbaufördermittel bleiben. Wenn nichts mehr neu gebaut wird, geht die Preisspirale in die Höhe, der Markt kippt.“

Der Traum vom Haus
Auch bei der Vergabe der Wohnbaumittel sind politische Phantasie und Weitsicht gefragt – bisher vergeblich. Immer noch fließen steiermarkweit gewaltige Summen in Eigenheime: 2006 wurde der Bau von knapp 1500 Einfamilienhäusern gefördert, im Gegensatz zu nur rund 1000 Wohneinheiten im Geschoßbau. Gabu Heindl, Wiener Architektin, sieht das kritisch: „Die Politik übererfüllt den Wunsch nach einem Einfamilienhaus und fragt sich nicht: Was zieht das energiewirtschaftlich nach sich?“ Der Preis für die nötige Infrastruktur – Geschäfte, Verkehrsmittel – werde nicht mitbedacht. Trotz immer geringer werdender Mittel werden Häuser, in denen nur je eine Familie wohnt, gefördert, wenn sie nur ordentlich gedämmt sind. „Die Reduktion von Wärmeaustausch steht aber in keiner Relation zu Zersiedelung, überdimensionalen Erschließungsmaßnahmen und Verkehrsbelastung durch den Typus Einfamilienhaus“, so Heindl. Während in der Steiermark viel Geld dafür verwendet werde, Wohngebäude auf thermische Undichtheiten zu prüfen, gebe es kaum Initiativen zu gesellschaftlichen Veränderungen und der Frage, wie Menschen gerne wohnen würden und wie sie es sich leisten können.
Gabu Heindl plädiert dafür, förderungstechnisch andere Maßnahmen zu entwickeln. Bei neuem Objektbau etwa müsse Freiraum großzügig eingeplant werden. „Große Terrassen und gleichzeitig im urbanen Gefüge zu wohnen, schafft Wohnzufriedenheit“, ist sie überzeugt. Außerdem sieht die Architektin ein großes Potential bei der Mischung von Wohnen und Arbeit: „Neubauten sollten entsprechend gestaltet werden. Die Unterstützung von Einzelunternehmern durch die Stadt wird immer wichtiger.“
Einen möglichen Anreiz für den Geschoßbau sieht Peter Hagenauer, der jahrelang in der Raumplanung tätig war, in einer Staffelung der Eigenheimförderung. „Warum soll im Ballungsraum Graz das wegen hoher Infrastrukturkosten und Landschaftsverzehr nicht mehr erwünschte Eigenheim gleich gefördert werden wie im Bezirk Murau?“ Geschoßbauten verbrauchen etwa die Hälfte an Heizenergie und vor allem seien die Kosten für die Mobilität viel geringer.

Renaissance der Urbanität
Die Förderung von Wohnungen in gut erschlossener Stadtlage käme einem demografischen Trend entgegen: Graz ist nach Jahren der Abwanderung wieder zum Bezirk mit dem größten Bevölkerungszuwachs geworden. „Das städtische Wohnen erlebt eine ungeheure Renaissance“, so Hagenauer. Ältere Menschen, die des Schneeschaufelns und der Gartenarbeit müde sind, zieht es ebenso in die Landeshauptstadt wie Singles und Migrantenfamilien.
Hält der Trend an, wäre es auch an der Zeit zu überlegen, wie die leer stehenden oder von nur einer Person genutzten Einfamilienhäuser für die soziale Wohnraumschaffung nutzbar gemacht werden könnten. Hagenauers Idee: Die Stadt übernimmt die Kosten für den Umbau, um mehrere Wohneinheiten zu gestalten, zahlt die Miete für den freien Hausanteil und bekommt das Einweisungsrecht für sozial Bedürftige.
Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, dem politischen Spielraum schon. Experten erhoffen sich im Herbst einen Schritt zur Verbesserung der Situation. Da befasst sich ein Konvent auf Landesebene mit der Verfassungsreform, zentral mit der Abschaffung des Proporzes. Fällt er auf Landesebene, müsste Graz wohl nachziehen. Ob der soziale Wohnbau dann endlich in Schwung kommt, bleibt abzuwarten.

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