STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2007/Februar/Bitteres Erbe/
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Bitteres Erbe

Von: Eva Reithofer-Haidacher und Alina Stockinger

KINDERARMUT
Mehr als ein Viertel der Armutsgefährdeten in Österreich sind Kinder und Jugendliche. Benachteiligungen sind ihnen in die Wiege gelegt. Wie sie leben, was sie prägt und wohin sie steuern.

Wissen‘s wie unangenehm das ist, wenn man die Nachbarin fragen muss, ob sie vielleicht was mitwaschen kann?“ Beate H.* und ihre drei Kinder teilen sich eine 100-Quadratmeter-Wohnung mit Karin M., einer guten Freundin, und deren zwei Kindern. Eigene Zimmer für die Kinder sind da nicht drin, es gibt keine richtige Küche und die Wäsche muss bei der Nachbarin gewaschen werden, da das Geld für eine neue Waschmaschine fehlt. Frau H. arbeitet 40 Stunden in der Woche als Taxifahrerin und kommt mit 570 Euro im Monat nicht besonders weit. Schon gar nicht ins Ausland, denn die Familie ist noch nie auf Urlaub gefahren. Nur die Kinder verbrachten einmal drei Wochen in Italien am Meer, wofür Beate H. drei Monatslöhne hinblättern und Tag und Nacht arbeiten musste.

Allein und krank
Alleinerziehende haben es besonders schwer. Je größer die Kinderschar, je geringer die Bildung, je höher die Überschuldung und je schlechter die Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen desto größer ist auch die Gefahr, in die Armut abzurutschen. Wenn die Gesundheit dann auch noch nachlässt, scheint die Situation oft ausweglos. Auch Karin M. klagt über ihren Gesundheitszustand. Sie leidet an Depressionen und bezieht Invalidenpension. Beate H. war erst vor ein paar Jahren wegen einer Hirnblutung und einer Blutvergiftung im Krankenstand, was die finanzielle Lage der Familie so sehr verschlechterte, dass sie um Sozialhilfe ansuchen musste.  
Insgesamt steigt die Zahl der Sozialhilfebezieher in ganz Österreich an. Ende 2004 waren es um elf Prozent mehr als im Vorjahr, in der Steiermark um fast 20 Prozent. Als Gründe nennt die Armutskonferenz unter anderem die zunehmende Zahl an „working poor“, gestiegene Lebenserhaltungskosten bei Wohnung und Energie, eine hohe Arbeitslosigkeit und den Anstieg an psychischen Erkrankungen.

Wenig Selbstwert
Das verheißt nichts Gutes für die Zukunft. Denn aus armen Kindern werden oft arme Erwachsene. Die Armutsspirale dreht sich: Kinder aus armen Familien haben meist ein geringeres Selbstvertrauen, bringen schlechtere Leistungen in Schule und Ausbildung und kompensieren das häufig durch ein negatives Gesundheitsverhalten. Isabella Baumgartner und Gudrun Markusch haben dazu ihre Diplomarbeiten an der Uni Graz verfasst und geben darin auch die Gründe an: In finanziell schlecht abgesicherten Familien wird meist Wert darauf gelegt, dass die Kinder rasch selbst verdienen. Eine oft autoritäre Erziehung und ein eingeschränkter Sprachstil im Elternhaus tun ihr übriges, dass diese Kinder dem Ausleseprozess in der Schule zum Opfer fallen. „Nirgends wird die soziale Vererbbarkeit von Zukunftschancen – eine Erblichkeit, die nicht genetisch, sondern soziokulturell bestimmt ist – deutlicher als in der Verfasstheit des Schulsystems. Das Haushaltseinkommen bestimmt in Österreich maßgeblich den Bildungsweg der Kinder“, so Diakonie-Sozialexperte Martin Schenk. Zahlen belegen das: Kinder von Eltern mit einem Einkommen von über 2500 Euro besuchen zu fast 70Prozent eine Oberstufe. Bei einem Erwerbseinkommen von unter 1500 Euro sind es nur mehr knapp 35 Prozent. Sprösslinge von Hilfsarbeitern haben nur eine 25-prozentige Wahrscheinlichkeit, in die Oberstufe zu gelangen. Solche von Hochqualifizierten marschieren zu fast 75 Prozent auf die Matura zu.
Viele Kinder aus ärmeren Verhältnissen  leiden auch an sozialer Ausgrenzung, weil sie an Schulveranstaltungen nicht teilnehmen können, gebrauchte Kleidung tragen müssen und in beengten Verhältnissen leben. Auch gesundheitlich sind arme Kinder benachteiligt. Eine Studie des Gesundheitsministeriums bestätigt das. Kinder aus sozial schwächeren Familien essen weniger Obst, Gemüse und Vollkornprodukte und weit häufiger ungesunde Produkte wie Chips, Pommes frites und Coca Cola. Sie sind daher auch mehr als doppelt so häufig übergewichtig, was die soziale Isolation verstärkt und das Selbstwertgefühl schwächt. Kaputte Zähne sind eine weitere Folge dieser Mangelernährung und auch der schlechteren Zahnhygiene. Zwar hat heute fast die Hälfte aller Kinder weder Karies noch fehlende Zähne, jedoch sind 62 Prozent aller Kariesschäden bei 21 Prozent der Jugendlichen zu finden – und diese stammen weit überdurchschnittlich aus benachteiligten Familien.

„Muss gehen“
Zum Beispiel aus der von Sabira K. Ihr dreijähriger Sohn läuft mit geschwollener Backe durch die Wohnung, am Nachmittag will sie mit ihm zum Zahnarzt. „Er isst so gerne Süßigkeiten“, erklärt die 42-jährige gebürtige Bosnierin. Als Alleinerzieherin mit vier Kindern und Migrantin hat sie es besonders schwer. Das Durchschnittseinkommen von Zuwanderern ist in der Steiermark um über ein Viertel geringer als das von EU-Bürgern. Sabira K. ist wie die meisten MigrantInnen unter ihrer Qualifikation beschäftigt. Die gelernte Schusterin und Schneiderin arbeitet Teilzeit als Reinigungskraft und verdient 680 Euro im Monat. Die 20-jährige Tochter ist halbtags als Zahnarzthelferin ebenfalls in einer der schlechtest bezahlten Branchen tätig. Sie kann mit ihrem Monatseinkommen von 380 Euro nur wenig zum Familieneinkommen beitragen. Doch Frau K. ist nicht unzufrieden. „Muss gehen“, sagt sie. Sie ist dankbar für die Hilfe, die sie in Österreich bekommen hat. Die 84-Quadratmeter-Wohnung der Familie ist für fünf Personen klein, aber sie hat vier Zimmer, ist sauber und gemütlich. Sabira K. ist Spezialistin im Schnäppchenfinden und durchforstet Flohmärkte und die Fundgrube auf der Suche nach billigen Schätzen. So hat sie zum Beispiel eine Küche um 200 Euro, ein neuwertiges Bett um 80 Euro und einen gebrauchten Geschirrspüler, der immer wieder seinen Geist aufgibt, ergattert. Sie erreicht mit wenig Mitteln viel und sagt stolz von sich selbst, dass sie eine Kämpferin ist: „Ich kann vielleicht nicht gut Deutsch, aber ich kann klopfen und bitten.“ So hat sie auf der Suche nach einer besseren Wohnung  vom Mieterschutz Unterstützung bekommen. Um Sozialhilfe will sie aber nicht ansuchen, weil durch die Regress-Regelung die Gefahr besteht, dass sie selbst oder die Kinder später das Geld zurückzahlen müssen. Auch wenn Sabira K. nicht klagen will, tragen ihre Kinder schon jetzt die Folgen der schlechten finanziellen Situation. Beide Söhne leiden an Bronchitis, mitverursacht durch die feuchte und schimmelige frühere Unterkunft und wahrscheinlich auch durch das Passivrauchen in der Wohnung. Die Zahnspange für den zehnjährigen Sohn ist ebenso wenig drin wie die notwendige Nachhilfe für die 15-jährige Tochter, eine Handelsschülerin.

Was tun?
In Österreich, einem der zehn reichsten Länder der Welt, gibt es durchaus Möglichkeiten, die ungleichen Chancen von Kindern aus ärmeren und solchen aus wohlhabenderen Familien zu reduzieren. Gesundheitsangebote für sozial Schwächere nennt die Armutskonferenz als eine Maßnahme gegen die Armutsspirale. Mit der von der neuen Bundesregierung geplanten Vereinheitlichung der Sozialhilfe ist ein erster Schritt zu einer Grundsicherung für Familien getan, weitere Schritte sollten rasch folgen. Vor allem muss nun gleichzeitig auch die in einigen Bundesländern verankerte Rückforderung der Sozialhilfe abgeschafft werden. Schulinterne kostenfreie Nachhilfe und flächendeckende Kinderbetreuungs- und Hortangebote würden ebenso die Chancengleichheit fördern wie die Gesamtschule. Denn Gesellschaft und Politik sind gefordert, den Schwächsten die Chance zu geben, die Erbpacht Armut loszuwerden.


*Alle Namen sind geändert.

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