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Ach du Scheck!

Von: Eva Reithofer-Haidacher

FLOP
In drei Viertel der Grazer Trafiken wird der Dienstleistungsscheck selten oder nie verlangt, hat eine MEGAPHON-Umfrage ergeben. Woran ist die groß angelegte Maßnahme zur Bekämpfung von Schwarzarbeit in Privathaushalten gescheitert?

Zwischen Pogierbach und Parschlugerbach, wenige Kilometer von Kapfenberg entfernt, scheint die Welt noch in Ordnung. Ein schmaler Fußweg führt zum Haus der Familie Zoiner, das auf einem kleinen Hügel mit Fernblick liegt. „Es ist wie im Paradies“, schwärmt Charlotte Zoiner, die Haus und Garten in Schuss hält. Zur Hand geht ihr dabei Michaela Mayerhofer, eine 37-jährige Nachbarin, die einmal in der Woche für ein paar Stunden kommt, um die Fenster zu putzen oder den Boden zu wachsen. Sie hat ihren Bürojob aufgegeben, als ihre mittlerweile acht Jahre alte Tochter geboren wurde, und arbeitet jetzt maximal drei Stunden täglich in verschiedenen Haushalten. „Das ist optimal für mich, weil ich flexibel bin und die Termine auch verschieben kann, wenn mein Kind einmal krank ist“, meint die Handelsschulabsolventin. Bezahlt wird sie per Dienstleistungsscheck, dessen Wert sie in Absprache mit der Arbeitgeberin selbst bestimmen kann – in ihrem Fall neun Euro pro Stunde. „Wenn das mehr Menschen wüssten, würden sich auch mehr trauen, ihn zu kaufen“, ist Michaela Mayerhofer überzeugt.

Legal und genial?
Tatsächlich hat der Dienstleistungsscheck bis heute nicht die erhoffte Resonanz gefunden. Anfang 2006 mit dem Motto „Legal ist genial“ von Arbeits- und Wirtschaftsminister Martin Bartenstein unter lautem PR-Trommelwirbel ins Leben gerufen, ist es heute still um ihn geworden. „Über den Dienstleistungsscheck spricht niemand, weil er keine Rolle spielt“, konstatiert Bettina Schrittwieser, Frauenreferentin der steirischen Arbeiterkammer: „Die Umsetzung ist nicht geglückt.“
Das belegen die Zahlen: Monatlich werden in ganz Österreich durchschnittlich 10.000 bis 14.000 Schecks verkauft. Das entspricht rund 100 Beschäftigungsverhältnissen mit 30 Wochenstunden oder 400 geringfügigen Beschäftigungen. Zwar sei es positiv, wenn zuvor nicht sozialversicherte Beschäftigung zumindest teilweise von der Sozialversicherung erfasst werde. „Die Bedeutung des Dienstleistungsschecks ist jedoch mit 0,003 Prozent gemessen an den voll versicherungspflichtigen Dienstverhältnissen doch recht bescheiden“, so Helmut Mahringer vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung.
Das Ziel also, die Schwarzarbeit in Privathaushalten einzudämmen, ist bei Weitem nicht erreicht worden. Dass die Entwicklungs- und Herstellungskosten des Schecks in der Höhe von mehr als 1, 2 Millionen Euro – Bewerbungskosten nicht eingerechnet – aus den Mitteln der Arbeitsmarktpolitik finanziert wurden, ist umso problematischer.

Nicht scheckfähig
Wo liegen die Gründe für die geringe Akzeptanz des Dienstleistungsschecks? Für WIFO-Mitarbeiter Mahringer gibt es schlicht „zu wenig Anreize“. Einzig die verpflichtende Unfallversicherung und die Möglichkeit, sich günstig in die Kranken- und Pensionsversicherung einzukaufen, sind für die Arbeitnehmerinnen Vorteile gegenüber der Schwarzarbeit. „Für Arbeitskräfte, die vorher geringfügig beschäftigt waren, besteht kein Unterschied, außer dass der Verwaltungsaufwand, das Einlösen der Schecks, jetzt bei ihnen liegt“, erläutert Mahringer. Viele Frauen, die Haushaltsarbeiten leisten, sind überdies Migrantinnen ohne Arbeitserlaubnis und damit gar nicht scheckfähig. Andere fürchten zusätzliche Steuer- und Abgabenlasten oder den Verlust des Alleinverdienerabsetzbetrages ihres Mannes, wenn sie mit ihrem Job offiziell registriert und voll sozialversicherungspflichtig werden. Dass damit ihr Weg in die Armutsfalle geebnet ist, ist vielen Frauen nicht bewusst. „Das rächt sich mit der Zeit, weil die Wiedereinstiegschancen durch lange Auszeiten sinken. Auch geringfügige Beschäftigung erweist sich nicht als Sprungbrett für die weitere Karriere“, warnt Volkswirt Mahringer und folgert: „Ein wertvolles Angebot für die Volkswirtschaft würde darin bestehen, diese prekären Jobs in Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigungen zu bündeln.“ Konkret: Der Dienstleistungsscheck könnte verwendet werden, um haushaltsnahe Dienstleistungen professionell zu organisieren. Bei zertifizierten Unternehmen würden Haushaltshilfen angestellt und stundenweise gegen Einlösen eines Dienstleistungsschecks weitervermittelt werden. Die Dienstleistungsschecks könnten für bestimmte Zielgruppen von der öffentlichen Hand vergeben werden. Ein ähnliches Modell in Belgien, vom Staat massiv subventioniert, hat innerhalb kurzer Zeit 15.000 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Volles Vertrauen
Ähnliches hat es auch in der Steiermark schon gegeben. Von 2004 bis 2005 fungierte das M+H Service in Kapfenberg als Drehscheibe für die Vermittlung von Dienstleisterinnen an Haushalte, die mit dem Scheck bezahlten. Die Frauen, die Tätigkeiten wie Reinigung, Botengänge, Gartenarbeit oder Kinderbetreuung anboten, hatten den Vorteil einer fixen Anstellung, wurden zu möglichst passenden Stellen vermittelt und konnten auch Supervision in Anspruch nehmen. Die Arbeitgeber profitierten von den Beratungsgesprächen – und im Notfall vom Beschwerdemanagement. Das Pilotprojekt zur Erprobung des Dienstleistungsschecks, je zur Hälfte von der EU und vom Wirtschaftsministerium finanziert, hat funktioniert. Doch sein Herzstück, die Vermittlung und Beratung, wurde nicht ins Dienstleistungsscheckgesetz übernommen. Barbara Harold, als Geschäftsführerin des Integrierten Sozial- und Gesundheitssprengels (ISGS) Kapfenberg für das M+H Service verantwortlich, bedauert das. „Grundsätzlich ist der Dienstleistungsscheck sinnvoll“, meint sie. „Er ist eine praktikable Lösung für Frauen mit derzeit nicht nachgefragten oder niedrigeren Qualifikationen, zu Geld zu kommen.“ In einem so sensiblen Bereich wie dem Privathaushalt seien aber professionelle Beratung und Vermittlung unumgänglich.
Nachdem das Erfolgsprojekt vom Bund stillschweigend ad acta gelegt wurde, lebt es jetzt mit einer Landesförderung in kleinerem Rahmen weiter. Barbara Harold und ihr Team haben eine Beratungsmappe erstellt und bieten das Konzept nun auch anderen Gemeinden an.
Michaela Mayerhofer hat von der M+H-Vermittlung profitiert. Sie wohnt bei Familie Zoiner ums Eck, hätte die Stelle allein aber nicht gefunden: „Man weiß ja nicht, wer wen braucht.“ Renate Trippl, eine weitere Nachbarin, bei der Michaela Mayerhofer stundenweise arbeitet, ist überzeugt, dass der gute Ruf des ISGS zur Verbreitung des Dienstleistungsschecks in Kapfenberg entscheidend beigetragen hat: „Ich habe volles Vertrauen zur Frau Mayerhofer und kann sie auch alleine lassen. Es läuft super!“ Quantifizieren lässt sich die bessere Annahme des Dienstleistungsschecks vor Ort allerdings nicht. Das Wirtschaftsministerium, das übrigens für eine Stellungnahme nicht erreichbar war, verweigert die Herausgabe von regionalen Daten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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