STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2007/Juli/Immer am Sprung/
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Immer am Sprung

Von: Jessica Maier

FREERUNNING
Aquarienfische ändern die Richtung, sobald sie auf ein Hindernis stoßen. Freerunner nicht. Über eine etwas andere Art der Fortbewegung.

Eine Telefonzelle kann man betreten, um darin zu telefonieren. Man kann sie aber auch erklimmen, um dann mit einem spektakulären Rückwärtssalto wieder hinunterzuspringen. Wer so was macht? Christopher zum Beispiel, und Klaus. Die beiden sind nämlich Free­runner – und sie sehen die Welt mit etwas anderen Augen. Was für die meisten ein Hindernis darstellt, ist für die beiden eine Herausforderung, und wo keine offensichtlichen Hindernisse vorhanden sind, da werden eben Dinge dazu umfunktioniert. Freerunner bahnen sich ihren eigenen artistischen Weg durch den urbanen Dschungel, und zwar gemäß der Motto-Triade Nervenkitzel, Körperbeherrschung und Spaß. Spaß, das ist auch der wesentliche Punkt, in dem sich Freerunning von seinem französischen Urvater „Le Parkour“ unterscheidet: Während es bei letzterer Disziplin darum geht, so schnell, effektiv und geradlienig wie möglich von A nach B zu kommen, versuchen Freerunner, die Überwindung von Stiegengeländern, Bänken, Mauern und Zäunen akrobatisch zu untermalen.

Querstadtein und -parkaus
„Die Philosophie von Parkour ist sehr extrem – ‚unnötige’ Kunststücke sind absolut verpönt. Uns ist das aber zu langweilig“, erklärt Christopher. „Natürlich wenden wir auch ein paar ‚unverschnörkelte’ Techniken aus dem Parkour an – die wir aber um Flickflacks, Salti und ähnliche Sprünge ergänzen.“ „Stell’s dir mal so vor“, ergänzt Klaus: „Du spazierst durch die Stadt, siehst plötzlich einen geeigneten Spot – also einen Platz, der sich besonders gut fürs Freerunning eignet – und dann legst du los.“ Graues Betonambiente ist keine zwingende Voraussetzung, auch im Stadtpark lassen sich tolle Spots finden. Diese bestehen meist aus nicht zu vielen Elementen, da so viel Akrobatik ganz schön aus der Puste bringen kann. „Turner waren wir ohnehin nie“, schmunzelt Klaus, „die Tricks haben wir uns alle selbst beigebracht“. Das Beibringen, also das Trockentraining für den Sprung unter realen Bedingungen, findet regelmäßig in der Schaumstoff-Schnitzelgrube im Landessportzentrum statt. Dort können waghalsige Sprünge und (Hals-)Über-(Kopf-)schläge so lange geübt werden, bis sie sicher genug sitzen um auf unbarmherzigerem Untergrund ohne Verletzungsgefahr durchgeführt werden zu können.

Nervenkitzel mit Spassfaktor
Und weil dem Spaßfaktor als Hauptkriterium in einer Gruppe Gleichgesinnter meist leichter nachgekommen werden kann, haben Christopher und Klaus vor einem Jahr das Team der „Rocketpants“ gegründet, das aktuell 20 aktive Mitglieder zählt. „Der Andrang ist nach wie vor groß, aber mehr Mitglieder können wir im Moment aus organisatorischen Gründen leider einfach nicht aufnehmen“, stellt Christopher mit leichtem Bedauern fest. „Wir möchten aber bald einen Verein gründen – dann stehen unsere Türen wieder weiter offen.“ Willkommen ist bei den Rocketpants jeder leidenschaftliche Anhänger einer der Variationen davon, was unter den Oberbegriff „L’art du déplacement“ – „Die Kunst der Fortbewegung“ – einzuordnen ist. Von der Scheuklappenphilosophie des Parkour haben sich nämlich mittlerweile schon einige Interessensgruppen abgespalten, die Ästhetik und Akrobatik großschreiben. Neben Freerunning gibt es hier noch Yamakasi, Tricking, Martial Arts Freestyle und einige andere Gruppen, deren Anhänger – die Künstler der Fortbewegung – alle dasselbe Motto verfolgen: Hindernisse sind dazu da, überwunden zu werden. Denn die Welt ist kein Aquarium.

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