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Arbeit auf Zeit

Von: Eva Reithofer-Haidacher

LEASING
Schon ein Drittel aller Unternehmen arbeitet mit Leiharbeitern. Auf den Spuren der Sonnen- und Schattenseiten einer wachsenden Branche.

"Leicht ist es nicht. Aber wo ist es heute schon leicht?“ Ingrid Jöbstl spricht von ihrem Job bei einer Firma für Elektronikbauteile in der Weststeiermark. Seit drei Jahren arbeitet sie dort als Handstaplerin im Reinraum, was bedeutet: in Anzug, Haube und Handschuhen in einem Glaskasten ohne Tageslicht Folien zu stapeln, den ganzen Tag. „Am Anfang habe ich gedacht, ich halte es nicht aus. Aber man muss sich gewöhnen“, sagt die 42-Jährige. Sie ist froh, mit Ende 30 den Wiedereinstieg überhaupt geschafft zu haben – auch wenn das Damoklesschwert der „Freistellung“ ständig über ihr schwebt. Denn Ingrid Jöbstl gehört zu den 8400 Leiharbeitern in der Steiermark und damit zu jenen, die als Erste gehen müssen, wenn die Auftragslage schlecht ist.

Rechtlich abgesichert
Sie ist bei der Leasingfirma ZAT angestellt, der größten in der Steiermark. „…und der bravsten“, ergänzt Hermann Gössinger, Pressesprecher des AMS Steiermark, mit dem ZAT eng kooperiert. Die größten Kunden des AMS sind heute bereits die so genannten „Arbeitsüberlasser“, die hier ihre Mitarbeiter rekrutieren. ZAT beschäftigt über 1500 Arbeitskräfte. Das Unternehmen gehört zu 51 Prozent dem BFI Steiermark, das wiederum im Besitz der Arbeiterkammer und der Gewerkschaft steht. „Wir können uns kein unsoziales Verhalten leisten“, sagt ZAT-Betriebsratsobmann Johann Bernsteiner. Schließlich wurde die Firma - ursprünglich als gemeinnütziges Unternehmen - auch gegründet, um den Schwarzen Schafen unter den Leasingunternehmen entgegen zu treten. Seit 2002 gibt es einen eigenen Kollektivvertrag für Zeitarbeiter, nach dem sie die volle soziale Absicherung wie Kranken-, Renten-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung haben. Es gibt den gesetzlichen Kündigungsschutz, bezahlten Urlaub und Zuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit. „ZAT hält sich an alle gesetzlichen Rahmenbedingungen“, so Bernsteiner. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einer Branche, in der Geschäfte mit menschlicher Arbeitskraft gemacht werden.

Schwarze Schafe
Von den 1550 österreichischen Leasingfirmen sind rund 150 in Graz aktiv. „20 bis 30 davon arbeiten seriös“, weiß Gössinger. Der Rest sind Ein-Mann-Unternehmen, die ihn in Sprache und Verhalten nicht selten an Zuhälter erinnern. „Wenn ich 15 Leute habe, kann ich schön davon leben“, so einer von ihnen. Er gehört zu denen, die „wahnsinnig keilen und den Betrieben fürchterlich auf die Nerven gehen“, wie der AMS-Pressesprecher konstatiert. In der Praxis heißt das: Die Leaser suchen sich Stellenangebote aus den Zeitungen und bombardieren sowohl AMS als auch die ausschreibenden Betriebe, um Arbeitskräfte zu vermitteln. Mit ihren Mitarbeitern gehen diese Überlasser nicht immer zimperlich um. „Manche verweigern die Bezahlung“, weiß Gössinger. Andere zahlen zwar, rechnen aber falsch ab, stufen nicht richtig ein oder berechnen keine Zuschläge. Ausländische Arbeitskräfte sind besonders gefährdet, solchen Praktiken zum Opfer zu fallen – immerhin haben 20 Prozent der Leiharbeiter nicht die österreichische Staatsbürgerschaft. „Manche Unternehmen zahlen den Leuten irgendeine Hausnummer“, so Betriebsrat Bernsteiner. Doch die Gewerkschaft und die Wirtschaftskammer seien dahinter und deckten jährlich sieben bis acht Fälle in der Steiermark auf.  In der Statistik der arbeitsrechtlichen Verfahren, die die Arbeiterkammer führt, nimmt die Arbeitskräfteüberlassung bereits den dritten Platz ein. Meistens gebe es eine außergerichtliche Einigung, so Bernsteiner, doch müsse auch immer wieder geklagt werden. Die Folge reiche bis zum Entzug der Gewerbeberechtigung. Bernsteiner hofft, dass sich so der Markt bereinigt: „Die, die übrig bleiben, müssen korrekt arbeiten.“

Fix übernommen
Die Ausbeuter unter den Leasingfirmen sind für den zweifelhaften Ruf einer ganzen Branche verantwortlich – zu Unrecht, wie Hermann Gössinger meint: „Zeitarbeit ist nichts Schlechtes, es ist für viele Arbeitslose ein Einstiegstürl.“ Geschätzte 15 bis 20 Prozent werden von der Firma, in die sie vermittelt werden, fix übernommen.
Dieter Faller ist einer davon. Der gelernte Automechaniker wollte nach 20 Jahren im Verkauf in einen weniger stressigen Job wechseln und ist über ZAT in der Industrie gelandet, wo er nach vier Jahren übernommen wurde. Die Unterschiede? „Es gibt Abteilungen, in denen Leiharbeiter als Menschen zweiter Klasse behandelt werden“, erzählt er. Ängste werden geschürt und Mobbing betrieben: „Wenn die Krise kommt, bist du weg!“ Er selbst musste 2001 erleben, dass es sich dabei um keine leere Drohung handelt. Damals steckte der Industriebetrieb in einem Tief und er war von heute auf morgen freigestellt. Drei Monate lang musste er zu einer anderen Firma pendeln, dann hatte sich die Auftragslage beruhigt und er konnte zurückkehren. Dieter Faller weiß, dass er großes Glück hatte: „Das lauft nicht immer so, normalerweise landest du gleich beim AMS.“ Wenn es für einen Leiharbeiter keinen Job gibt, wird eine einvernehmliche Lösung des Dienstverhältnisses angestrebt, manchmal kann die Zeit aber auch mit Weiterbildungsmaßnahmen überbrückt werden.

In der Zwickmühle
Ingrid Jöbstl kennt die Zwickmühle vieler Zeitarbeiter aus eigener Erfahrung. In ihrer Abteilung werden täglich die erreichten Stückzahlen mitgeschrieben, manchmal wird auch die Zeit gestoppt: „Das lassen sich die Stammarbeiterinnen nicht bieten, die Leiharbeiterinnen müssen sich alles gefallen lassen.“ Die Leiharbeitskräfte bemühen sich auch besonders und kommen damit wieder in ein Dilemma: „Wenn man die vorgeschriebene Stückzahl nicht erreicht, kommt man in einen Konflikt mit dem Vorarbeiter. Wenn man sich anstrengt und dann die Stückzahlvorgabe erhöht wird, schimpfen die Kolleginnen und geben uns die Schuld, weil wir zu schnell sind“, beschreibt Ingrid Jöbstl. Sie arbeitet mit acht Frauen zusammen, Leiharbeiterinnen und Stammarbeiterinnen gemischt, und bezeichnet die Stimmung als „großen Konkurrenzkampf“. Sie selbst leide nicht mehr so, weil sie schon lange in der gleichen Firma arbeite und sich bewährt habe, aber: „Die Letzte, die hineingekommen ist, hat immer Stress.“ 90 Prozent der Leiharbeiter wollen übernommen werden, sagt sie. Die Entscheidung liege letztlich beim Vorarbeiter.
Hermann Gössinger bestätigt: „Zeitarbeiter sind Mitarbeiter zweiter Klasse. Sie machen alles, was sonst niemand machen will und sind in der Rangordnung ganz unten.“ So will das ZAT-Betriebsratsobmann Johann Bernsteiner nicht stehen lassen: „Das war vor etlichen Jahren vielleicht so. Heute werden Zeitarbeiter auch von Stammarbeitern als gleichwertige Arbeitskollegen gesehen, denn viele Beschäftigte haben ihren beruflichen Werdegang ebenfalls als Zeitarbeiter begonnen.“

Natürliche Grenze
Vor zehn Jahren gab es in der Steiermark erst etwas über 2500 Leiharbeiter, seither hat sich ihre Zahl weit mehr als verdreifacht. Arbeitsmarktexperten der Arbeiterkammer vermuten, dass es eine natürliche Grenze im Verhältnis Stammarbeiter zu Leiharbeitern in einem Unternehmen gibt, da die fix Beschäftigten normalerweise eine engere Bindung haben. Damit erklären sie auch den eingebremsten Zuwachs in den letzten beiden Jahren. Johann Bernsteiner hingegen glaubt nicht, dass der Plafond erreicht ist: „In ein bis zwei Jahren haben wir 100.000 Beschäftigte in Österreich.“ Der Präsident der Arbeiterkammer, Walter Rotschädl, sieht die Situation gelassen. Er bezeichnet die Zeitarbeit als „Beitrag zu einem funktionierenden Arbeitsmarkt – allerdings wenn der Rahmen überschaubar bleibt und sich Verleiher und Beschäftiger an die Spielregeln halten.“

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