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Heft in Haft

Von: Gerhild Wrann und Eva Reithofer-Haidacher

INSIDER
Sechs Nummern pro Jahr, 600 Stück Auflage, 32 Seiten stark. Wie es die Redakteure der Haftzeitschrift der Justizanstalt Graz-Karlau trotz verschärfter Bedingungen schaffen, ambitionierte journalistische Arbeit zu leisten.

Piep! Piep! Piep! Ein ohrenbetäubendes, schrilles Geräusch begleitet das Eintreten in die Sicherheitsschleuse. Alles „was nicht unbedingt notwendig ist“ wird weggesperrt. Unter anderem die Kamera, denn zum Fotografieren braucht es eine Sondergenehmigung. Als Orientierungshilfe gibt’s ein flüchtiges „Die Stiege hinunter und geradeaus über den Hof“ eines jungen Beamten. Und schon geht’s ab hinter den Mauerwall der Justizanstalt Graz-Karlau. „Wer hierher kommt, weiß, er wird länger bleiben“, stellt Generalinspektor und Leiter der Justizanstalts-Bibliothek, Thomas Held, fest. Die Männer hier haben eine Freiheitsstrafe zwischen 18 Monaten und lebenslang abzusitzen. Mit 580 Insassen und 210 Beschäftigten gehört die Karlau zu den größeren Haftanstalten Österreichs. Ein Ort, abgeschottet von der Außenwelt, mit eigenen Spielregeln und mit einer internen Öffentlichkeitsarbeit der besonderen Art: dem Insider, der haus­eigenen Haftzeitschrift. Das professionell gestaltete Magazin mit Rubriken wie Haftaussichten, Rechtsberatung, Leserservice, Bücher, Häf´n Literatur, Sport oder Unterhaltung erscheint alle zwei Monate.

Mit beschränkten Mitteln
Die Heftmacher sind drei Insassen, die vieljährige Haftstrafen absitzen müssen, und ein paar lose Mitarbeiter. Ihre Motivation steht und fällt nicht nur mit der eigenen Stimmungslage, sondern auch mit den äußeren Umständen. „Das Schreib-umfeld ist begrenzt. Du kannst keine 50 Meter gehen und stehst schon wieder bei einem Gitter an“, beschreibt der dynamische Walter M.*, der für das Interview sein Marathon-Training unterbricht. Er hat in der Haft Publizistik und Philosophie studiert und zählt seit der ersten Ausgabe im Juni 2004 zu den Mitgliedern des Insider Kern-Teams. Walter M. lebt schon seit sieben Jahren in der Karlau und hat mit dem Erscheinen der Zeitschrift Veränderungen beobachtet: „Das Gefängnis ist gläserner geworden. Der Ton hat sich geändert.“ Schließlich habe man das Zeitungsprojekt auch initiiert, „um den Häftlingen ein Sprachrohr zu bieten und Probleme aufzuzeigen, die sonst unter den Tisch gekehrt werden.“ Dafür müssen die Redakteure einiges in Kauf nehmen: Für die Beschaffung von Informationen und Materialien sind sie auf Justizwachebeamte angewiesen. Telefon, Fotoapparat oder Aufnahmegeräte sind nicht gestattet. Internetrecherche gibt es nur zeitlich begrenzt im Beisein eines Beamten in der Bibliothek. Auch der Kontakt der Redakteure untereinander ist eingeschränkt, sieht man sich doch nur zu den wöchentlichen Redaktionssitzungen. Außerdem müssen sie die Arbeit am Heft in ihrer Freizeit erledigen. Denn auch hinter Gittern wird verschiedenen Berufen nachgegangen. Neben der hauseigenen Bäckerei und Druckerei finden sich unter anderem eine Feuerwehr und ein Call-Center in den Gebäuden der Justizanstalt.

Gehasst und geliebt
Hannes I.*, der aufgrund seiner jahrelangen beruflichen Tätigkeit im Marketingbereich die Position des Insider-Chefredakteurs inne hat, steckt gerade in einem Motivationstief: „Das Hauptproblem ist, dass wir nicht so können wie wir möchten.“ Gerade habe er einen Artikel zum Thema „Haft und Pension“ recherchiert, was sich mangels Telefon, Internet und ausreichender Unterstützung höchst schwierig gestaltet habe. Dabei sei das Thema äußerst brisant: „Wir arbeiten zwar, verdienen uns damit aber keinen Pensionsanspruch. Wenn ich in 18 Jahren hier heraus komme, bin ich ein Sozialfall.“
Doch auch wenn die journalistische Tätigkeit oft hürdenreich ist, möchte sie Hannes I., nicht missen: „Man bekommt ein bissl einen Selbstwert und kommt sich nicht ganz unnütz vor.“ Das Gefühl, eine frisch gedruckte Ausgabe in Händen zu halten sei „geil“.
Der Insider-Chef kann auch wirklich stolz sein: Als er vor eineinhalb Jahren zum Team gestoßen ist, hat er mit neuem Heftkonzept und einem umfassenden Relaunch einen offensichtlichen Qualitätssprung in der Gestaltung der Zeitung geschafft. Anerkennung gibt es dafür ebenso wie Neid und Missgunst. „Die einen hassen ihn, die andern lieben ihn. Dazwischen gibt’s nicht viel“, beschreibt der dritte Insider-Redakteur Herbert S.* die Reaktionen auf das hauseigene Printmedium.

Von Insidern für Insider
Medien dieser Art gibt es in Österreich in mehreren Justizanstalten. „An einem Ort, abgeschottet von der Öffentlichkeit, sind Printmedien entstanden, die bisher völlig unbeachtet geblieben sind“, konstatiert die Journalistin Silvia Schober in ihrer Diplomarbeit, die den Insider zum Thema hat. In Hirtenberg, Schwarzau und Salzburg werden beispielsweise die Haftzeitschriften ,Wir’, ,Jail News’ und ,Knast-News’ quartalsmäßig herausgegeben. Generell dienen Insassenzeitungen der Unterhaltung und der Information innerhalb der Justizanstalt. Bei den Lesern handelt es sich primär um Häftlinge, deren Angehörige und die Justizwachebeamten. „Ein Vertrieb außerhalb der Mauern ist nicht üblich“, so Herbert S., der seit acht Jahren eine Haftstrafe im Maßnahmenvollzug absitzt.
Die Finanzierung und die Infrastruktur für den Druck werden von der wohl gesonnenen Anstaltsleitung zur Verfügung gestellt. „Der Insider hat bei mir einen sehr hohen Stellenwert. Durch die Möglichkeit, sich zu artikulieren und auszutauschen, wird viel Verständnis auf beiden Seiten erzielt“, so Oberst Franz Hochstrasser, Leiter der Justizanstalt, in der Diplomarbeit.

Nie unzensiert
Pressefreiheit gibt es hinter Gittern von Rechtswegen nicht. Die endgültige Freigabe eines Artikels entscheidet laut Bescheid des Bundesministeriums für Justiz letztlich der Zensor. „Im Zusammenhang mit dem Insider untersage ich die Drucklegung, wenn sich im Text rechtlich fragwürdigen Formulierungen, Beleidigung oder Aufforderung zu gerichtlichen strafbaren Handlungen befinden“, wird der zuständige Hauptmann Rathmanner in Schobers Arbeit zitiert. Ein Instrument, das in der Realität kaum zum Einsatz kommt. „Eigentlich zensieren wir uns selbst“, gesteht Hannes I. „Ein einziges Mal ist ein Leserbrief nicht durchgegangen. Den Inhalt haben wir verpackt in einer Satireseite dann trotzdem bringen können.“ Ein wenig Stolz klingt durch, doch wissen alle Beteiligten, dass große Veränderungen eine Illusion sind.
Kleine Erfolge im Bereich der Liberalisierung der Kleidervorschriften und der Verbesserung des Kantinenangebots sind unter anderem der Aufklärung des Insiders zuzuschreiben, auf der strukturellen Ebene tut sich jedoch kaum etwas. „Die Hierarchie hier herinnen ist sehr steil, ein wenig wie in einer Diktatur. Die Haftzeitschrift ist ein Versuch, das System zu demokratisieren und das Leben im Gefängnis etwas mehr dem anzupassen, was draußen läuft“, schildert Walter M. Ein Bestreben, das mehr oder weniger gut gelingt. „Die Wirkungs- und die Wahrnehmungsebene gehen auseinander“, ergänzt Hannes I. „Wir können nur gewisse Vorgänge transparenter machen, um das Zusammenleben zu erleichtern.“

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