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Frau Doktor räumt auf

Von: Eva Reithofer-Haidacher

BLICKWECHSEL
Wir brauchen endlich gut qualifizierte Zuwanderer, wird geklagt. Irrtum, die gibt es bereits.  Migranten sind im Durchschnitt besser ausgebildet als gebürtige Österreicher - worüber beharrlich hinweggesehen wird.

Fariba Farhangian muss sparsam leben. Als die gläubige Muslimin und Kopftuchträgerin beim Einkaufen Preis und Ablaufdatum auf einer Packung studiert, wird sie von einer Frau angesprochen: „Können Sie überhaupt lesen?“ Nur eine Kränkung mehr im Exil-Leben der gebürtigen Iranerin, die in ihrem Herkunftsland als Krankenschwester gearbeitet hat. Das Kopftuch hat sie mittlerweile abgelegt und auf dem Papier ist sie Österreicherin. Doch das Stigma der Ausländerin bleibt, was hierzulande heißt: als ungebildet wahrgenommen werden, schlechte Jobchancen haben und in der Folge eine Arbeit weit unter dem gelernten Beruf ausüben müssen.
„Österreich hat sich bisher als unfähig erwiesen, die Qualifikationen der Einwanderinnen und Einwanderer zu nutzen, und sich bisher sogar unwillig gezeigt, sie zur Kenntnis zu nehmen“, konstatiert der  Migrationsforscher August Gächter vom Zentrum für Soziale Innovation in einer aktuellen Studie zur beruflichen Stellung qualifizierter Einwanderer in Österreich. Dazu liefert er anschauliches Datenmaterial: Über zehn Prozent der erwerbsfähigen Migranten, die in Österreich leben, haben eine Hochschule abgeschlossen, bei den Österreichern sind es um zwei Prozent weniger. An der Spitze der Herkunftsländer gebildeter Einwanderer liegen Rumänien, Polen, Tschechien, die Slowakei, Polen und Ungarn. „Österreich muss auf eine Einwanderung von qualifiziertem Personal nicht warten, sondern hat sie in den letzten 20 Jahren durchaus gehabt“, so Gächter.

„Is nix wert“
Mit rund 30 Prozent haben mehr Menschen mit Migrationshintergrund einen höheren Bildungsabschluss als gebürtige Österreicher mit knapp 21 Prozent. Dass Fariba Farhangian dazu gehört, hilft ihr nicht viel. „Ich habe immer versucht, Neues zu lernen“, erzählt die 46-Jährige. Vor zwei Jahren hat sie in Österreich die Operationsgehilfinnenausbildung noch einmal gemacht und ist seither auf Jobsuche. Ihr Mann, ein Arzt, war politisch engagiert und wurde verfolgt, weshalb die Familie flüchten musste. Neben den Schuldgefühlen seinen Kinder gegenüber muss er mit der Tatsache leben, dass seine Berufschancen äußerst begrenzt sind. Seit kurzem ist er als Krankenpfleger in einem Altersheim beschäftigt. Er teilt damit das Los von fast der Hälfte aller aktiven Migranten, die nicht aus einem EU-Land stammen: 48 Prozent von ihnen sind unter ihrer Ausbildung – in der Fachsprache „dequalifiziert“ – beschäftigt.
Silvia Göhring, Leiterin der ISOP-Arbeitsassistenz, kennt die Ursachen: „Es gibt bei uns keine Schiene, über die für Neuankömmlinge ein gut koordinierter und geplanter Transfer von Qualifikationen möglich ist.“ Barrieren gibt es dafür genug: vom viel zu geringen Angebot an Deutschkursen bis zu fremdenrechtlichen Bestimmungen, die für eine oft jahrelange Wartezeit auf die Arbeitserlaubnis verantwortlich sind. „Auf einem schnelllebigen Arbeitsmarkt passiert in dieser Zeit Dequalifizierung von selbst“, stellt Göhring fest. Das gesellschaftliche Bild von Ausländern trägt außerdem zum sozialen Abstieg bei. „Zuwanderer werden als Analphabeten wahrgenommen, die den Sozialstaat belasten. Es wird bezweifelt, dass ihre Ausbildungen mit unseren vergleichbar sind“, so die ISOP-Mitarbeiterin. Von der EU geforderte „Validierungssysteme“, die den Wert von Qualifikationen und Kompetenzen und den Nachschulungsbedarf beschreiben, müssten endlich eingeführt werden. Doch Modelle dieser Art wurden in Österreich bislang noch nicht entwickelt. Leidtragende sind Menschen wie der topqualifizierte rumänische Schlosser, der bei uns als Hilfsarbeiter beschäftigt ist, weil die landläufige Meinung lautet: „Is nix wert“. Aber neben dem individuellen sei auch der volkswirtschaftliche Schaden groß, meint Silvia Göhring: „Wie reich muss eine Gesellschaft sein, die Akademikerinnen in der Reinigung beschäftigt?“

Aufsteigen
Schlechtes Deutsch, fremde Bräuche, andere Sitten – die Assoziationen zu Zuwanderern sind bei uns landläufig negativ besetzt. In einer immer kleiner werdenden Welt mit weit reichenden internationalen Beziehungen ist eine Umdeutung längst fällig: die Kenntnis anderer Sprachen und Kulturen als Chance. Ein aktuelles Projekt, das ISOP gemeinsam mit NOWA im Auftrag des AMS Steiermark durchführt, setzt genau dort an. 20 Frauen mit Matura, acht davon mit Universitätsabschluss, aus 14 Nationen, die insgesamt 23 Sprachen sprechen, werden zu Interkulturellen Marketing- und Sales-Managerinnen ausgebildet. Die Frauen bekommen die Möglichkeit, aus ihren derzeitigen Berufen in Reinigung oder Gastronomie aufzusteigen, die Unternehmen gewinnen durch das muttersprachliche und interkulturelle Wissen der Frauen. „Solche Ausbildungen haben derzeit noch Pilotcharakter. Sie müssten zum Regelwerk werden“, fordert Silvia Göhring. Ein ähnliches Projekt, das 2004 abgeschlossen wurde, bestätigt die hohen Erwartungen: An der damaligen Ausbildung zu Logistik-Assistentinnen haben 16 Frauen teilgenommen, die heute fast alle in diesem Bereich in guten Positionen beschäftigt sind.

Orientierungslos
Davon kann Madina Eldarova nur träumen. Die 38-jährige Tschetschenin hat Schreckliches erlebt: Ihr Mann wurde erschossen als sie mit der zweiten Tochter schwanger war, sie musste allein mit den beiden Kindern flüchten. Schwere Depressionen, Misstrauen und Angst vor der Zukunft haben sie durch die ersten Jahre begleitet, als sie während des Asylverfahrens drei Jahre lang nicht arbeiten durfte. Seit einem halben Jahr ist sie nun anerkannter Flüchtling und damit den Österreichern zumindest rechtlich am Arbeitsmarkt gleichgestellt. Mit beachtlicher Selbstdisziplin hat sie Deutsch gelernt, Kontakte geknüpft, sich ehrenamtlich in einer Seniorengruppe und bei einer interkulturellen Frauengruppe in Kapfenberg, wo sie lebt, engagiert. Zur Zeit besucht sie einen Kurs bei OMEGA zur Arbeitsintegration und Nostrifizierung. Die studierte Biologin hat nämlich bis jetzt keine Informationen, welche Berufschancen sie in Österreich hat. Bevor sie die Nostrifizierung, also den langwierigen Prozess der Anerkennung ihres Studiums, beginnt, möchte sie wenigstens Antworten auf zwei Fragen: Wie lange dauert es? Welche Arbeit kann ich hier bekommen? „Ich habe schon drei Jahre für die Pension verloren und habe nicht viel Zeit“, erklärt Madina Eldarova. Christina Unterberger, Projektleiterin bei OMEGA, kennt das Problem: „Nur vier der 14 Leute in unserem Projekt haben sich bereits definitiv für die Nostrifzierung entschieden, die meisten sind orientierungslos und wollen einfach einmal Informationen. Dafür gibt es keine Anlaufstelle in der Steiermark.“ Dazu kommt, dass offizielle Informationen in einer schwer verständlichen wissenschaftlichen Sprache abgefasst sind. Mit muttersprachlichen Unterlagen möchte Unterberger nun Abhilfe schaffen. Fariba Farhangians Mann hat sich entschieden: Sobald die Probezeit vorbei und seine Stelle als Krankenpfleger fix ist, beginnt er mit der Nostrifizierung. Sie kostet viel Geld und die Chancen auf einen Job als Arzt sind gering. „Bis er fertig ist, ist er 50 Jahre alt. Wer nimmt ihn dann?“ fragt sich seine Frau. Die Hoffnung wollen sie dennoch nicht aufgeben. „Auf einer 100-stufigen Leiter waren wir im Iran auf der 60. Stufe. Jetzt sind wir ganz unten gelandet und müssen von dort wieder hinaufklettern.“


Die Studie von August Gächter ist abrufbar unter www.zsi.at/attach/desk-dp.pdf

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