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Alles bewusst versäumen

Von: Christian Maier

OHNE WORTE
Seit sieben Jahren stellt Christian Eisenberger seine Botschaften in Form von Pappfiguren auf die Straße. Jetzt will der steirische Künstler schweigen. 40 Tage lang.

Christian Eisenberger ist kein Freund halber Geschichten. Fast 8000 Pappfiguren, für jeden Tag seines Lebens eine, hat er bislang auf Brücken, Straßen oder Bäumen montiert. Hier zu Lande sind seine Kunstwerke, die historische Persönlichkeiten oder Bettler zeigen, meist nur kurz zu sehen. Die Grazer Müllabfuhr mag die Standbilder nicht und Sammler tragen die Kartonfiguren gerne unter dem Arm nach Hause. Wo Eisenbergers Arbeiten letztendlich landen, ist nur in den seltensten Fällen eruierbar. Wichtig ist dem vielseitig begabten Künstler ohnedies anderes: „Für mich liegt der Reiz im Arbeitsprozess, darin etwas Neues zu schaffen.“ Den Rohstoff für seine Arbeiten findet er in Papiercontainern. Was ihn an dem industriellen Abfallprodukt fasziniert? „Karton ist ein soziales Material, er bietet Bettlern Unterschlupf und hat einen warmen Farbton.“ In China beobachtete Eisenberger zudem, wie seine Pappfiguren von Straßenkindern aufgelesen wurden. Durch den Verkauf von Karton sichern diese sich ihr Überleben.  

Am offenen Meer
Nicht zuletzt auf Grund solcher Erlebnisse sind Eisenbergers favorisierte Ausstellungsorte öffentliche Straßen und Plätze. Galerien, die geschmackvolle Waren hinter Glas anbieten, steht er skeptisch gegenüber. „Mit der Grenzenlosigkeit der Kunst haben diese Räume wenig gemein. Das wahre Leben spielt draußen.“ Freilich, ganz verweigern kann sich auch Eisenberger dem Kulturbetrieb nicht: Um seinen Unterhalt zu verdienen, muss der Künstler seine Bilder verkaufen, was nicht immer einfach ist. „Ich lebe am offenen Meer, abhängig von den Launen des Wetters.“ Momentan hat sich die See beruhigt und in gewisser Weise wurde das zu Eisenbergers größtem Problem. Denn wer zufrieden ist, der droht sich nicht mehr zu bewegen. Abhilfe soll da ein radikaler Schritt schaffen: Eisenberger hat sich vorgenommen, in die Kirche St. Andrä zu ziehen und 40 Tage lang zu schweigen. Jeden Tag will er zur selben Zeit aufstehen, jeden Tag gleich lang arbeiten, jeden Tag dasselbe essen. Eisenberger plant einen einzigen Tag zu wiederholen, 40 Mal.

In der Holzhütte
Seine Ernährungsberaterin war nicht die Einzige, die den Plan zunächst verwundert aufnahm. Auch manche Freunde reagierten ablehnend, als sie von seinem zukünftigen Einsiedlerleben hörten. Der Künstler ist von seinem Vorhaben dennoch überzeugt: „Mir geht es um eine veränderte Selbstwahrnehmung. Ich will ein neues Gefühl für Zeit und Raum bekommen.“ Dass die knapp sechs Wochen zu einem einzigen Deja Vu verkommen könnten, glaubt Eisenberger nicht. „Gerade weil ich alles bewusst versäume, werde ich mich verändern.“  Was tatsächlich passiert, wenn Eisenberger erstmals die Tür seiner Holzhütte hinter sich schließt, ist noch nicht absehbar. Bis erst der Rhytmus gefunden ist, wird der Semriacher wohl öfters dem Abend entgegenharren, wo um 19 Uhr mit ihm Tee getrunken werden kann, schweigend versteht sich. Unterstützung erhält Eisenberger dabei von Freunden, die die Fastenzeit ebenfalls nützen wollen, sei es um mit dem Rauchen aufzuhören oder um abzunehmen. Trotz der vielen Solidaritätsbezeugungen wird sich sein größter Wunsch vermutlich nicht erfüllen. „Das Schönste wäre, wenn ganz Graz mit mir mitschweigen würde."

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