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Ein tanzender Mikrokosmos

Von: Alina Stockinger

BÜHNENWELT
Scheinwerferlicht auf den interkulturellsten Arbeitsplatz der Stadt - das Grazer Opernballett unter der Leitung des karibischen Denkers Darrel Toulon.

Darrel Toulon, Ballettdirektor, Choreograph und ehemaliger Tänzer und Schauspieler, läuft auf leisen und nach außen gedrehten Sohlen die Treppe hinunter. Sie führt zum Ballettsaal der Grazer Oper, wo gerade für das neue Stück „Dream­catcher“ geprobt wird. Stolz beobachtet er seine Schützlinge, die mit ihren bunten Flügeln graziös, schwerelos und mit ungewöhnlichen Bewegungen zu Café del Mar - Klängen durch den Saal wirbeln. Ihre Blicke sind suchend, als ob da irgendetwas in der Luft wäre…

Freundschaft
18 Tänzer aus zwölf Nationen treffen im Opernballettensemble von Graz aufeinander. Ein bunter Mix aus Kulturen, ein Mikrokosmos mit wenig Kontakt zur Außenwelt, dafür in umso engerer Beziehung zueinander. Sieben Stunden Training am Tag, Vorstellungen und dieses eine große Interesse, das Tanzen, verbinden eben. „Wir reden oft über andere Sachen, aber wir kommen immer wieder aufs Tanzen zurück“, lächelt die Japanerin Natsu Sasaki. Sie ist seit zwei Jahren in Graz und hat sich in ihren Kollegen Abel Cruz dos Santos, geboren in Angola, verliebt. Auch bei Livia Hyllova und Michal Zabavik aus der Slowakei hat es gefunkt, allerdings schon bevor sie vor sieben Jahren in Graz engagiert wurden. Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmt bei den Künstlerinnen und Künstlern, vielleicht auch wegen der körperlichen Vertrautheit. „Man hat die Hand am Körper des anderen und der Schweiß rinnt zusammen“, beschreibt Toulon. Er empfindet das Ensemble als „eine große Familie, die nach schweren Proben und Vorstellungen zusammen essen geht und feiert“. „I have nobody else to rely on“, meint Abel Cruz dos Santos über die Gruppe, auf die er sich immer verlassen kann. Die Tänzer sind ein stark in sich geschlossener Kreis und die Außenwelt beschränkt sich auf Arztbesuche und Immobilienfirmen. „Und natürlich auf den Pizzamann“, lacht Ardee Dionisio von den Philippinen, der zurzeit als Nussknacker in Toulons moderner Inszenierung seine enorme Sprungkraft unter Beweis stellt.

Individualität statt Einheitsmasse
Für Toulon ist es nicht wichtig, dass seine Tänzer und Tänzerinnen gleich groß und spindeldürr sind. So steht zum Beispiel der kleine Ardee Dionisio neben dem beinahe zwei Meter großen Abel Cruz dos Santos auf der Bühne. Die Normen traditioneller Ballettensembles, die ihre Mitglieder auch aufgrund von Größe und Körperbau auswählen, lehnt Toulon ab und rückt stattdessen den Menschen und dessen Persönlichkeit in den Vordergrund. Deshalb verlangt er von den KünstlerInnen neben perfekter Technik vor allem auch die Fähigkeit zu experimentieren, Emotionen zu zeigen und ein Stück ihrer Seele in den Tanz zu legen. Toulon wollte weg vom traditionellen, klassischen Ballett, in dem man mit „Oberflächlichkeit Perfektion erreichen kann“. „Hier hab ich mehr Inhalt, der mit den Menschen zu tun hat“, beschreibt er seine Einstellung zum modernen, experimentellen Tanz, der dem Zuschauer viel Platz für Interpretationen lässt. Der auf der Karibik-Insel Dominica geborene Ballettdirektor beschreibt sich selbst als Multi-Kulti Freak, den seine spanisch-irisch-französischen Wurzeln und seine Ausbildung am United World College in Wales geprägt haben.

Kulturelle Vielfalt
Das multilinguale Ensemble hat sich aus Englisch und Deutsch seine eigene Sprachmischung kreiert, die von Ardee Dionisio spaßhalber „Gerlish“ (German-English) genannt wird. „Let’s meet at the Haltestelle“ wäre so ein Beispiel dafür, meint Livia Hyllova, die zurzeit die Marie im Nussknacker verkörpert. Tänzerinnen und Tänzer sind sich einig, dass sie nicht so sehr von ihrem kulturellen Hintergrund geprägt sind wie von persönlichen Erfahrungen.  „Die Lehrer machen bei mir viel aus“, sagt Livia Hyllova, „und die Erziehung - ob du bei deinen Eltern gewohnt hast oder im Internat“. Abel Cruz dos Santos meint, im Ensemble Unterschiede in der Arbeitseinstellung zu erkennen. „Es kommt auf die Schule drauf an“, sagt er, „ob du nach der russischen, der englischen oder der französischen Schule unterrichtet worden bist“. So wirkliche Culture Clashes scheint es aber zwischen den TänzerInnen kaum zu geben und die interkulturelle Zusammenarbeit passiert irgendwie ganz selbstverständlich. Gestritten wird natürlich trotzdem hin und wieder, laut Toulon sogar „gleich viel wie umarmt, da alle ihren Gefühlen freien Lauf lassen“. „Wir sind keine Beamten, wir sind wie Tiere und nehmen das Theater so ernst als ginge es um Leben oder Tod“, erklärt der Direktor die große Emotionalität der Theaterwelt.

What about the future?
„Keine Ahnung, was in einem Jahr kommt, ich will mich nicht stressen“, meint Livia Hyllova. „Es braucht nur eine Kleinigkeit zu passieren und dein Leben geht in eine andere Richtung“. Die Verträge für die TänzerInnen haben nur ein Jahr Laufzeit und können jeweils nur für diesen Zeitraum verlängert werden. Abel Cruz dos Santos, der seit drei Jahren in Graz engagiert ist, will zum Beispiel im Sommer weggehen. „Ich will noch andere Länder sehen“, meint er. Die TänzerInnen sind noch jung, aber das Leben ist nicht immer leicht, wenn man die Zukunft nur ein Jahr vorausplanen kann. „Irgendwann will man irgendwo sein, wo man bleibt“, meint Livia Hyllova, die mit ihren 34 Jahren die Älteste im Ensemble ist. Sie und ihr Mann Michal Zabavik hatten das Glück, gleich beide ein Engagement in Graz zu bekommen. Das nomadische Tänzerleben ist in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen nicht immer ein Honiglecken. Ardee Dionisios Liebe lebt zum Beispiel in Taiwan und die beiden sehen sich nur im Sommer: „Aber es gibt ja zum Glück Handy und Skype“.


Das Stück „Dreamcatcher“ ist am 4. Mai (Premiere), sowie am 6., 11., 12., 19., 24. und 25. Mai  um 20 Uhr auf der Studiobühne der Grazer Oper zu sehen sein.

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