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Viel Volk für wenig Garten

Von: Gerhild Wrann

VOLKSGARTEN
Sari, Kopftuch, Skatermütze – multikultureller Lebensraum oder sozialer Brennpunkt? Ein Lokalaugenschein im lebendigsten, buntesten und widersprüchlichsten Park von Graz. Über 4,6 Hektar polarisierende Grünfläche und deren Besucher.

Was man am Tage sieht: indische Frauen in prächtigen Saris, lachende Kinder unter als Naturdenkmal geschützten Platanen, begeisterte Jugendliche auf den Sportplätzen. Wovon man in der Nacht hört: rivalisierende Jugendbanden in den Alleen, Drogentote in der öffentlichen WC-Anlage, Todessprünge aus dem angrenzenden Hochhaus. Schauplatz Volksgarten. Ein kleiner Park mit großen Kontrasten. Eine Grünfläche zwischen Fakt und Fiktion mit einem gemeinsamen Nenner: Die Leute, die hier verkehren, finden andernorts oft schwer Platz. An sonnigen Tagen ist er Treffpunkt von Roma-Bettlern, jugendlichen Skatern in Kapuzenpullis, Kopftuch tragenden Frauen mit Kinderwägen, älteren Männern mit Dopplerflaschen und Kids aus der Türkei, Ex-Jugoslawien und der Dominikanischen Republik, die sich die Fläche zwischen Carl-Morre-Denkmal und buddhistischem Stupa teilen. Eine Mischung, die dem Volksgarten seine Lebendigkeit und seine spezielle Aura gelebter, urbaner Interkulturalität verleiht. Friedliche Koexistenz oder gefährliche Gruppenbildung? Ansichtssache. Für die einen ist der Volksgarten aufgrund dieser Heterogenität der schönste Park von Graz, für die anderen ein bedrohlicher Ort, den sie tunlichst meiden. Eine Grünfläche, die polarisiert wie keine andere.

Lend ist nicht Geidorf
„Die Besucher des Volksgartens repräsentieren die verschiedenen Bewohner des Bezirks Lend, was zu Spannungen führen kann“, weiß Christian Carli, zweiter Bezirksvorsteher-Stellvertreter. Carli: „Lend hat den zweit höchsten Ausländeranteil, ist von seiner Tradition her ein Arbeiterviertel mit vielen Sozialwohnungen und hat in Relation zur Anzahl der Bewohner sehr wenig Grünräume.“ Ein Ort mit einer konkreten Geschichte, in einem bestimmten Kontext, mit definierten Rahmenbedingungen. „Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Volksgarten als Gegenpol zum Stadtpark angelegt, um den Bewohnern der damaligen Murvorstadt einen eigenen Grünraum zu schaffen“, berichtet der erste Bezirksvorsteher-Stellvertreter Wolfgang Krainer. Ein Raum, der zwar immer wieder saniert und modifiziert wurde - zuletzt erst 2003 - in seiner flächenmäßigen Ausdehnung aufgrund der baulichen Lage im Vergleich zu Augarten und Stadtpark jedoch eindeutig benachteiligt ist. „Der Volksgarten ist ein sehr stark frequentierter Park, der zu klein für die verschiedenen Benutzergruppen ist“, analysiert Franz Payer vom Amt für Jugend und Familie der Stadt Graz. „Mehr Platz erleichtert ein spannungsfreies Miteinander.“
Trotz derartiger Determinanten gibt es Dinge, die aktiv getan werden könnten. Doch die Frage nach konkreten Aktivitäten wird von offizieller Seite eher vage beantwortet. „Gegenwärtig ist eine Abstimmung der Parkbetreuung geplant“, berichtet Payer. „Der Ort ist medial eindeutig negativ besetzt. Wir wollen die Fakten wissen und zu diesem Zweck Koordinationsgespräche mit jenen suchen, die eine Hand im Volksgarten haben.“ Kein leichtes Unterfangen, Vertreter zahlreicher Stellen wie Polizei, MigrantInnenbeirat, Drogenanlaufstellen, Kinder- und Jugendeinrichtungen im Dienst der Sache an einen Tisch zu bringen.

Brennpunkte
Wo liegen nun die eigentlichen Brennpunkte? „Das Risiko von Überfällen gibt es überall, aber die Dealer sind hier stärker als anderswo“, berichtet Chefinspektor Franz Pucher von der Polizeiinspektion Lendplatz. Fakten, die den Drogenstreetworkern des Kontaktladens der Caritas in der benachbarten Orpheumgasse bekannt sind. „Wir sind drei Mal die Woche im Volksgarten“, erzählt Nibaldo Vargas Arias vom Kontaktladen. Dabei wird das öffentliche WC – ein gängiger Konsumationsort – besucht, herumliegende Spritzen eingesammelt und das Gespräch mit Jugendlichen aufgenommen. Lösungsvorschlag: ein betreuter Konsumraum. Vargas: „Dieser Ansatz bietet mehr Sicherheit für alle Beteiligten. Die Bevölkerung würde vor den benutzten Spritzen geschützt und den Abhängigen könnten hygienische Rahmenbedingungen sowie eine medizinische Notversorgung garantiert werden. Todesfälle wie im Volksgarten-WC könnten durch einen betreuten Konsumraum verhindert werden.“
Weitere Augenfälligkeiten sind der hohe Anteil an Jugendlichen und Familien mit Migrationshintergrund. „Der Volksgarten ist stark unterteilt. Es fällt schwer, die verschiedenen ethnischen Gruppen zu integrieren“, so Payer. Eine Spielbetreuung wird zwar angeboten, jedoch primär für Familien und nicht für Jugendliche.
Dass ein interkulturelles Miteinander trotzdem möglich ist, berichtet Joschi (20), regelmäßiger Volksgarten-Besucher: „Das ist kein Stress. Die verschiedenen Nationalitäten sind kein Thema. Beim Skaten kommt man immer irgendwie ins Gespräch oder hilft sich gegenseitig mit einem Bier aus.“ Alles halb so schlimm? „Uns fällt auf, dass viele Jugendliche aus der Dominikanischen Republik den Park aufsuchen, jedoch keinen Gebrauch von den Sportanlagen machen und stark unter sich bleiben“, beobachtet Vargas. „Mir stellt sich die Frage, ob die Angebote den Bedürfnissen dieser Nutzergruppe entsprechen.“ Jugendliche, die aus Ländern stammen, die von anderen Nationalsportarten dominiert werden, spielen kaum Fußball. „Im Sinne eines Präventionsgedankens sollten diese Jugendlichen nach ihren Bedürfnissen befragt werden. Wenn sie erst einmal verwahrlost sind, wird Integration noch schwieriger.“

Anrainer
Unüberhörbar sind in diesem Zusammenhang die Gegenstimmen von Anrainerseite. „Ich höre immer wieder von Bewohnern: ,Für die Ausländer habt’s das Geld und für uns nicht!’“, berichtet Otto Trafella, Bezirksvorsteher von Lend. Der Vandalismus der letzten Jahre erschwert die Argumentation. „Wir stellen die Sportanlagen am Tag auf und in der Nacht werden sie zerlegt“, klagt Trafella. Von Seiten der Bezirksvertretung gibt es trotz allem Interesse, das Konzept Sport als Prävention weiter zu verfolgen. „In anderen Parks sollte in dieser Richtung auch mehr angeboten werden. Das würde die Situation bei uns entspannen“, regt Trafella an.

Nächtliches Treiben
Viele suchen den Volksgarten nicht nur aufgrund des Sportangebots auf, sondern weil sie sich dort einfach wohl fühlen. „Wenn ich ehrlich bin, hab ich in der Nacht im Stadtpark mehr Angst!“ bekennt Joschi. „Dort gibt es viel dunklere Flecken. Der Volksgarten mit seiner Beleuchtung ist übersichtlicher.“ Licht gibt Sicherheit. „Wir haben uns aus diesem Grund für umfangreiche Beleuchtung entschieden“, erzählt Krainer. Ein offensichtliches Sicherheitsgefühl will sich im Volksgarten trotzdem nicht so recht einstellen, das nächtliche Picknick-Treiben beschränkt sich primär auf den Stadtpark. Bestimmt mit ein Grund: Institutionen wie Parkhaus oder Forum Stadtpark, die wesentlich zur Eroberung des Stadtparkinneren beitragen, fehlen hier zur Gänze. Schade, wirken in Mondglanz getauchter Volksgartenpavillon, Mühlgang und Ententeich schließlich nicht unbeschaulich. Fast einladend zu verweilen, seine Decke auszurollen und vor seinem inneren Auge die bunten Tageseindrücke des vielleicht schönsten, mit Sicherheit mulikulturellsten und lebendigsten Parks von Graz Revue passieren zu lassen.

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