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Auf der lockeren Leine

Von: Jessica Maier

BALANCE
Die Winterpause ist vorbei, die Tricks sind raffiniert und der Spirit ist ansteckend. Slacklinen im Selbstversuch.

Ein Frühlingsabend im Augarten. Bewölkter Himmel, knappe 10 Grad Celsius. Nicht gerade optimale Bedingungen, um barfuß auf einem Seil hin- und her zu spazieren. „Wer einmal auf der Slackline stand, ist nie mehr derselbe“, erinnere ich mich an ein im Internet gelesenes Zitat aus der Feder von Bernie. Er wird mir gleich einen Einblick in den jüngsten Nachwuchs dessen geben, was Otto Zirkusbesucher wohl als Seiltanzen bekannt ist: „Slacklinen“ – das Balancieren auf einem zwischen zwei Bäumen oder ähnlichen Fixpunkten gespannten dehnbaren Kunststoffband, der so genannten Slackline (zu deutsch „lockere Leine“).
Bernie kommt angeradelt, packt seinen Rucksack aus und macht sich an den Aufbau: Erst wird etwas wie ein alter Teppich als Schutz um die Baumstämme gewickelt, dann zwei Schlingen herumgelegt, und dann die Line mit Hilfe einer Ratsche in etwa einem Meter Höhe straff gespannt. „Entstanden ist das Slacklinen in den 70er-Jahren in den USA, wo ein paar Kletterer im Yosemite-Nationalpark zum Zeitvertreib und als Gleichgewichtstraining auf Parkplatz-Absperrketten herumbalanciert sind“, plaudert Bernie aus der Welt der dynamischen Balance. In Österreich fanden, wie ich erfahre, im letzten Jahr bereits zwei Treffen der ständig wachsenden internationalen Slacker-Community statt.

Lockere Leine, lockere Laune
„Slacklinen ist wie Holzhacken – man bekommt sein Feedback sofort“, so Bernie, „und das macht es so großartig. Abgesehen vom hohen Spaßfaktor ist es eine Art Meditation, die dir auch zu innerem Gleichgewicht verhilft. Du musst loslassen können und lernen, die Schwingungen der Line auszugleichen.“ Notwendig sind dazu Konzentration, Koordination und Balance, und im Optimalfall der direkte, barfüßige Kontakt zur Line. In der Fußsohle sitzen nämlich Gleichgewichtsrezeptoren – die bei so frischen Temperaturen aber wohl noch Winterschlaf halten, denn heute behält auch Bernie seine Schuhe an. „Wenn es wieder wärmer ist, werden sich Slacker aus Graz und Umgebung wieder regelmäßig im Augarten treffen, und zwar jeden Montag ab 17 Uhr bei der großen Fußballwiese“, freut er sich auf die bevorstehende Slack-Saison. „Jeder ist willkommen vorbeizuschauen und mitzumachen, auch ohne eigenes Material und Vorkenntnisse.“

Aller Anfang ist schwer(kraft)
Jetzt ist es so weit. Bernie steigt auf die Line, macht mit ausgestreckten Armen ein paar Schritte, dann eine Drehung und springt wieder ab. Sieht gar nicht so schwer aus. Nun bin ich dran. Ich greife nach einer helfenden Hand, setze einen Fuß auf die Line, die plötzlich unkontrolliert zu zittern beginnt und ziehe den zweiten vorsichtig nach. Doch nicht so einfach. Unter Befolgung von Bernies Ratschlägen – „Fixier’ mit den Augen einen Punkt am anderen Ende! Geh ein wenig in die Knie!“ – und Klammern an sein Handgelenk beginne ich, vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen. „Wie wenn man aus der Küche ins Wohnzimmer einen randvollen Topf mit heißem Wasser trägt und versucht, nichts auszuschütten“, beschreibt Bernie das Gefühl beim Überqueren der Slackline. Ich nicke innerlich. Vor meiner ersten Solo-Begehung werde ich wohl noch einige Töpfe heißen Wassers verschütten. Ganz zu schweigen von Tricks wie auf die Line springen, rückwärts gehen, Drehungen und ähnlichem. Aber ich will es probieren, denn zwei Dinge sind sicher: Wer nie gefallen ist, kennt keine Höhen – und wer einmal auf der Slackline stand, ist nie mehr derselbe.

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