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Raum zum Reifen

Von: Gerhild Wrann

FLÜGGE „aufwind“ bietet Jugendlichen mit belasteten Biographien eine zweite Chance. Wie es die innovative Betreuungseinrichtung schafft, so manchem Teenager den „Arsch zu retten“ und warum dabei eine Torte nicht fehlen darf.

Aufwind hat mir den Arsch gerettet“, kommt die Antwort des 17-jährigen Harald auf die Frage, was die Einrichtung für ihn bedeute, wie aus der Pistole geschossen. Harald sitzt mit vier anderen angeregt tratschenden Jugendlichen an einem gemütlichen Kaffeetisch mit selbst gemachten Mehlspeisen und zwei umsorgenden Erwachsenen. Ort des Geschehens: „aufwind“ – das Zentrum für Wohnen und Ausbildung des Landes Steiermark in Maria Trost. Es ist ein Heim für Kinder und Jugendliche zwischen elf und 18 Jahren, die sich eine Auszeit von ihren Familien nehmen. Nichts scheint zu fehlen. Oder doch? Ein kritischer Blick von Einrichtungsleiterin Gerhild Struklec-Penaso auf den Kuchenteller: „Wo ist die neue aufwind-Torte? Die müssen wir probieren.“ Der Mangel ist schnell behoben. Die mit gelbem Marzipan und blauem aufwind-Logo verzierte Eigenkreation wird begeistert verkostet. Mit Harald und Markus sitzen zwei der Tortenbäcker am Tisch. Beide absolvieren eine Lehre als Koch in einem der hauseigenen Ausbildungsbetriebe, stehen knapp vor dem Lehrabschluss und sind vor kurzem aus den sozialpädagogischen Wohngemeinschaften ausgezogen. Markus ging zurück zu seiner Familie. Harald zog in seine erste eigene Wohnung, vorerst noch in Form des nachbetreuten Wohnens, bei dem ihm eine Person unterstützend zur Seite steht. „Wenn alles gut läuft, wird die Wohnung den Jugendlichen nach dem Abschluss ihrer Ausbildung ganz übergeben“, erklärt Struklec-Penaso. Vor einem Jahr sah die Welt für Harald noch anders aus: „Ich hab meine Lehrstelle verloren und meine Mutter hat mich vor die Türe gesetzt.“ Nach Anlaufschwierigkeiten und einem Verstoß gegen die aufwind-Alkoholverbotsregel in der Schnupperphase erfolgte nach einer Bedenkzeit die feste Aufnahme. „Die Jugendlichen nehmen ihre Probleme mit und zeigen sie uns hier“, beschreibt die Psychotherapeutin Monika Wicher die Arbeit im Haus. „Gemeinsam wird eine Form gefunden, angemessen damit umzugehen.“ Familiäre Krisen, Schwierigkeiten in der beruflichen oder schulischen Orientierung, Essstörungen, Aggressionen oder sozialer Rückzug können für Eltern, Jugendliche und SozialarbeiterInnen Gründe für eine Kontaktaufnahme mit „aufwind“ sein.

Veränderungen
Insgesamt 40 Jugendliche leben in fünf Wohngemeinschaften auf der Anhöhe im Grünen. Ursprünglich als Kuranstalt Maria Trost genutzt, später zum Landesjugendheim für Mädchen, dem mythenumwobenen „Blümelhof“, umfunktioniert, steht „aufwind“ an einem Ort voll von Geschichte und Geschichten. „Wenn früher Männer in die Nähe des Geländes kamen, wurde gleich die Polizei verständigt“, erinnert sich Struklec-Penaso an die Aussage eines Polizisten. Ein gut gemeinter Versuch, die Mädchen, deren Biographien zum Teil von Gewalterfahrungen geprägt waren, vor weiteren Übergriffen zu schützen. Die Jahre vergingen, mit ihnen änderten sich auch die inhaltlichen und räumlichen Konzepte. Aus Mehrbettschlafzimmern wurden komfortable Wohneinheiten mit Einzelzimmern. Aus dem reinen Mädchenheim wurde ein buntes Zentrum für Wohnen und Ausbildung ohne Geschlechtertrennung. „Am Valentinstag 2004 sind hier nach 50 Jahren die ersten Burschen eingezogen“, erzählt die aufwind-Leiterin. Heute haben die WGs lustige Namen, farbenfrohe Wände, gemütliche Einrichtungen und – von Struklec-Penaso stolz präsentierte und für jede Einheit aufs Neue hart erkämpfte – Badewannen. Ob „Baumhaus“, „Burschen“, „Fraggles“, „Sombrero“ oder „Einhorn“, die WGs liegen zwar am selben Gelände, jedoch hat jede ihre eigenen Charakteristika, ihre eigenen Bezugspersonen und Betreuungskonzepte. Wie beispielsweise das „Baumhaus“, in das eine Aufnahme schon mit elf Jahren möglich ist und bei dem die psychotherapeutische Begleitung in den Alltag integriert wird. „Die Idee ist, Jugendlichen, die klassische Psychotherapie nicht mögen, eine Form zu bieten, die für sie passt“, erklärt die Psychotherapeutin Wicher, die im „Baumhaus“ die Prozesse begleitet. Durch Nachspielen von Situationen oder Filmen – „Herr der Ringe“ ist momentan sehr beliebt – schafft das Schauspiel auf kreative Weise Räume zur Erprobung neuer Handlungsebenen. Wicher: „Die Methode unterstützt die soziale Rollenentwicklung.“

Verwöhnen und fordern
Denise ist seit drei Jahren bei „aufwind“. Sie absolviert hier ihre Ausbildung zur Kosmetikerin und Fußpflegerin. Nach den ersten beiden Jahren entschied sie sich freiwillig für eine Verlängerung ihres Aufenthalts. „Ich wollte einfach noch weitermachen.“ Heute wohnt sie bei den „Fraggles“, begonnen hat für sie alles im „Baumhaus“. Worin liegen die Unterschiede? „Im ,Baumhaus‘ gibt es mehr Regeln“, antwortet Denise schmunzelnd. Regeln, die den Alltag strukturieren, Sicherheit geben und die Entwicklung unterstützen. Zu Beginn der Woche werden persönliche Ziele definiert. Zur Förderung der Selbsteinschätzung gibt es am Abend eine Reflexionsrunde mit Punktevergabe für sich und die anderen. Dienstags findet die psychotherapeutische Gruppe mit anschließendem Mittagessen statt. Und egal ob im „Baumhaus“ oder woanders: Bei „aufwind“ wird viel diskutiert. „Unser Ziel ist es, die Jugendlichen zu stärken, sie zu selbstständigen Persönlichkeiten zu machen“, erklärt Struklec-Penaso. Das Motto: verwöhnen und fordern. „aufwind macht alles. Vom Frühstück bis zum Freizeitprogramm.
Nur so können sich die Jugendlichen fallen lassen und nachreifen.“ Und trotzdem muss vieles erst erkämpft werden, sei es im Jugendforum, das Platz für Veränderungswünsche oder Verbesserungsvorschläge bietet, oder im Alltag mit den Gleichaltrigen. Struklec-Penaso: „Uns ist es wichtig, dass die Jugendlichen ihre Meinung sagen, sich wehren und sich nichts unreflektiert gefallen lassen. Sie müssen lernen, sich an allem zu reiben, um so stark zu werden.“
Abgrenzung ohne Gewalt
Ein zentrales Thema dabei: sich ohne Gewalt abzugrenzen. „Vor drei Jahren gab es noch viele Übergriffe unter den Jugendlichen“, erzählt Wicher. „Wir haben jeden Vorfall angesprochen und ausdiskutiert. Heute kommen solche Situationen seltener vor.“ Gespräche und ein offener Umgang miteinander helfen Vertrauen und Sicherheitsgefühl aufzubauen.  Sicherheit schaffen auch die klaren Tagesabläufe. Um 8 Uhr in der Früh gehen alle Jugendlichen einer Beschäftigung nach, sei es in der Schule oder in einer der drei hauseigenen Ausbildungsstätten, wo Lehren für KöchIn, FriseurIn, KosmetikerIn und FußpflegerIn angeboten werden. Jeden Mittwochnachmittag finden Feizeitaktivitäten wie Tanz, Schwimmen oder Volleyball statt und im Sommer wird eine Woche gemeinsam auf Urlaub gefahren. Die Zeit bei „aufwind“ wirkt sich bei vielen auch positiv auf ihre Beziehung zur Familie aus. „Die Eltern werden stolz auf ihre Kinder und sehen sie nicht länger als Versager“, beobachtet die Einrichtungsleiterin. Den Stellenwert von „aufwind“ im Leben der Jugendlichen bestimmen diese selbst. Für Nadine, die Kosmetikerin und Fußpflegerin lernt, ist „aufwind“ wie ein Internat, für ihre Kollegin Steffi ist es ein zweites Daheim.

Weiterführende Informationen unter:

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