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Im Dienst der zweiten Heimat

Von: Heike Krusch

Wehrdienst.Ab Mitte des Jahres soll es muslimische Seelsorger beim österreichischen Bundesheer geben. Zwei steirische Grundwehrdiener, die dem Islam angehören, berichten über ihre persönlichen Erfahrungen. Eine Geschichte zwischen „verlorenem“ Glauben und fleischloser Kost.

Es ist ein wunderschöner Frühlingstag im Dultgraben, etwa zehn Kilometer nördlich von Graz. Ein strahlend blauer Himmel, Vogelgezwitscher und warme Temperaturen laden SpaziergängerInnen zum Flanieren ein. Doch der idyllische Schein trügt. Denn sie sind nicht hier, um die Sonne zu genießen. Für die Grundwehrdiener der dritten Nachschub- und Transportkompanie steht Gefechtsdienst auf dem Dienstplan und für heute ist ein Marsch befohlen.
„Am vierten Februar bin ich eingerückt“, erzählt Enver Daragan, einer der jungen Soldaten, der gerade seinen Rucksack ablädt, um eine kurze Pause zu machen. In militärischem Grün, ausgestattet mit Helm, Uniform und Gewehr, sieht er genauso aus wie alle anderen Soldaten in der Kompanie. Und doch gibt es einen Unterschied. „Ich bin in Bosnien geboren und erst im Alter von fünf Jahren nach Österreich gekommen. Seit Oktober letzten Jahres bin ich österreichischer Staatsbürger.“ Und damit genau rechtzeitig, um für den Grundwehrdienst eingezogen zu werden. „Österreich ist meine zweite Heimat, und deswegen ist es auch gut, sie beim Bundesheer verteidigen zu können.“

Spiegel der Gesellschaft. Enver Daragan ist einer von derzeit 69 muslimischen Grundwehrdienern in der Steiermark. Österreichweit sind es mehr als 1000 Soldaten, die dem Islam angehören. Ute Axmann, Pressesprecherin des Innenministeriums, zeigt sich von dieser Entwicklung nicht überrascht. „Das österreichische Bundesheer ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn es also unter der Zivilbevölkerung einen Anstieg an Muslimen gibt, zeichnet sich das auch beim Bundesheer ab“, meint sie und betont weiter, dass es eine logische Konsequenz sei, dass das Bundesheer auf diese Veränderung reagiert.
So wurde bereits 2004 in der Maria-Theresien-Kaserne in Wien der erste muslimische Gebetsraum eingerichtet. Seit dem Jahr 2006 verhandelt das Innenministerium mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft über muslimische Seelsorger beim Bundesheer. Zwei Imame sollen ihre Glaubensangehörigen in schwierigen Situationen und Glaubensbelangen unterstützen, die der Militärdienst mit sich bringt. Mouddar Khouja, Referent der Islamischen Glaubensgemeinschaft Öster­reich, kommen immer wieder Beschwerden muslimischer Rekruten zu Ohren. Erschwerte Bedingungen bei den täglichen Gebeten und monotones Essen wegen des Verzichts auf Schweinefleisch sind nur zwei Punkte. Er weiß auch, dass muslimische Soldaten in ihrem Dienst mit Rassismus und Vorurteilen konfrontiert sind.

Fleischlos zufrieden. Von solchen Erfahrungen ist Enver Daragan bisher verschont geblieben. Unverständnis hat aber auch er schon erlebt. Umringt von seinen Kameraden erzählt er: „Beim Essen fragen die immer wieder, warum ich nie Schweinefleisch am Teller hab.“ Schweinefleisch zu essen ist Muslimen streng verboten. Hungern muss Enver Daragan im Dienst jedoch nicht. „Schon zu Beginn wurden wir gefragt, ob wir irgendwelche Einschränkungen bei Speisen haben, und auf das wird Rücksicht genommen.“ Es gibt immer zwei Menüs zur Auswahl, wovon eines meist vegetarisch ist. Auch bei der Kaltverpflegung wird darauf geachtet, dass das muslimische Speisegebot eingehalten werden kann. Und Enver Daragan schmeckt es. „Beim Essen geht mir nix ab.“
Davon ist auch Hauptmann Jürgen Vorraber, Kompaniekommandant des Grundwehrdieners, überzeugt. Seit mehreren Jahren werde von den Truppenküchen Alternativverpflegung angeboten, die nicht nur von Muslimen gut angenommen werde. Er sieht die Stellung muslimischer Grundwehrdiener durchaus positiv: „Viele von ihnen sind engagierter als so mancher katholische Österreicher. Sie sind froh, in diesem Land gut aufgenommen worden zu sein und das schlägt sich auch in der Stimmung für den Dienst am Staat nieder.“ Von Beschwerden oder Streitigkeiten sei ihm nichts bekannt. „Nur manchmal kommt es vor, dass sich Kameraden unterschiedlicher Minderheiten darüber streiten, wer nun der bessere Österreicher sei“, meint er schmunzelnd.

Ein anständiger Moslem. Wenige Kilometer weiter, in der Hackherkaserne in Gratkorn, versieht Recep Karatay seinen Innendienst. Schüchtern setzt sich der Rekrut auf die schwarze Ledercouch im Aufenthaltsraum. Das Radio, das vorher bis in den Gang hinaus zu hören war, wird abgeschaltet. Es herrscht völlige Ruhe im Raum und Recep Karatay beginnt zu erzählen: „Meine Familie stammt aus der Türkei, aber wir leben seit 1997 in Österreich. Meine Eltern sind sehr gläubig und beten viel. Meinem Vater sieht man auch äußerlich an, dass er ein anständiger Moslem ist. Er trägt einen dichten, langen Bart.“ Karatay selbst hält es mit der Religion etwas anders. Die genauen muslimischen Festtage kann er nicht nennen. Und beten geht er dann, wenn er die Gelegenheit dazu hat. Doch Gelegenheiten sind während seines Grundwehrdienstes rar.
Der Gesetzgeber sieht vor, dass muslimische Soldaten ihre Gebete durchführen können, auch wenn sie in die Dienstzeit fallen. Vor allem die Abhaltung des Freitagsgebets, das mit der Gemeinschaft der Gläubigen in einem geschlossenen Raum abgehalten werden muss, ist zu gewährleisten. Im Verlautbarungsblatt I des Innenministeriums, Jahrgang 2006, steht wörtlich: „Aufgrund der besonderen Bedeutung des Freitagsgebets für die strenggläubigen Angehörigen der muslimischen Glaubensgemeinschaft sind die erforderlichen Dienstfreistellungen zur Teilnahme dieser Personengruppe zu gewähren. […] Als Ausgleich sind diese Personengruppen vermehrt zu Diensten an Sonntagen und christlichen Feiertagen heranzuziehen.“
Recep Karatay wirkt verwundert und etwas unsicher. Von einem derartigen Verlautbarungsblatt weiß er nichts. Aber er zählt sich selbst ja auch nicht zu den strenggläubigen Moslems. Damals in der Türkei sei das anders gewesen. „Dort haben wir gemerkt, dass wir richtige Muslime sind.“ Unterschiedliche Kultur und Lebensweise in Österreich haben den Glauben in seiner Generation jedoch in den Hintergrund gerückt. Und so macht sich Recep Karatay keine Gedanken über mögliche Dienstfreistellungen an muslimischen Feiertagen, sondern freut sich über die bevorstehenden freien Tage zu Ostern.

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