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Nico will es wissen

Von: Eva Reithofer-Haidacher

Grenzgänger. Warum die Schule anders heißen sollte, acht Kinder mehr als eine Lehrerin brauchen und wie man einen möglichst sanften Weg aus Wut und Angst findet. Ein Vormittag in der Allgemeinen Sonderschule Pes­talozzi.

Heller und heimeliger ist es hier als man es mit dem Begriff Schulkorridor gemeinhin verbindet: eine Glasfront, mannshohe Zimmerpflanzen, Rattanstühle. Und ruhiger. Doch das liegt wohl weniger an den SchülerInnen selbst als an ihrer Anzahl. In der Allgemeinen Sonderschule Pestalozzi, am Rande der Grazer Triestersiedlung gelegen, gibt es nur zwei Klassen mit insgesamt 14 Kindern. Und als die Türe eines Klassenzimmers aufgeht, ist es mit der Ruhe auch schon vorbei. Aufgeregt wird der angekündigte Pressebesuch kommentiert. „Tun Sie so wie andere Zeitungen auch was dazudichten?", will Nico wissen. Und stellt nach der scheinbar nicht ganz überzeugenden Verneinung mit in die Hüften gestemmten Armen resolut fest: „Das will ich hoffen!“ Auch andere zeigen, was sie drauf haben und geben markige Sprüche von sich.

Hin und zurück. Die 15-jährige Nadine, die Älteste und das einzige Mädchen in der Klasse, möchte Essentielleres anbringen: Am Montag be-ginnt ihre Schnupperlehre als Malerin. Sie freut sich schon sehr darauf. Nadine ist im letzten Schuljahr und hat zwischendurch eine Integrationsklasse besucht. Doch die Reizüberflutung war zu viel für sie. Nachdem das Mädchen sechs Wochen lang den Schulbesuch verweigert hatte, kam sie wieder in die Sonderschule. „Ich bin eine Befürworterin der Integration, aber manche Schüler sind in den I-Klassen überfordert“, sagt Klassenlehrerin Edith Schweiger. Sie ist seit 20 Jahren als Sonderschullehrerin tätig und erinnert sich an die Anfänge: „Ich habe mit 18 Schülern in der Klasse begonnen, aber das Arbeiten mit den Kinder war auch viel einfacher.“ Jetzt unterrichte sie nur mehr jene, die massive Probleme hätten und bei denen vorher alles andere versucht worden sei.

Einzeln am Tisch. „Wir sind Exoten im Schulsystem“, stellt Direktorin Melitta Gypser fest und blättert in der Schulchronik. Mehr als 100 Jahre reicht die Geschichte ihrer Schule zurück: 1903 als „Manfred Graf Clary Schule“ gegründet, wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg in „Hilfsschule Pestalozzi“ umbenannt. Als sie 1960 den Namen „Allgemeine Sonderschule Pestalozzi“ bekam, gab es noch 13 Klassen mit 185 Kindern. Heute würde sich die Direktorin dringend eine neuerliche Umbenennung wünschen: „Eine zeitgemäße Bezeichnung wäre notwendig.“ Denn mit verstaubter Pädagogik hat auch der Alltag in der ASO Pestalozzi nichts zu tun. Hundetherapie wird ebenso wöchentlich angeboten wie Gruppentherapie, Elternworkshops sind in Planung. Auf die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes wird größter Wert gelegt, schließlich ist die Reintegration ins Regelschulwesen das Ziel.
Die Kinder sitzen an Einzeltischen, um Konflikte zu vermeiden, mit Blick zum Fenster. „Viele Kinder haben Raumlageschwierigkeiten und können nicht von der Tafel abschreiben“, erklärt Edith Schweiger. Jedes Kind bekommt eine eigene Aufgabe. Während die einen die Schreibschrift üben, lösen andere Rechenaufgaben. Die Lehrerin wandert von Tisch zu Tisch. „Außer dem Datum hast du noch nichts geschrieben. Das ist ein bisschen wenig“, meint sie zu einem Buben. Nadine hingegen braucht Aufmunterung. „Ich komm nicht weiter, ich drück immer die falschen Knöpfe“, beklagt sie sich über die Tücken des Taschenrechners. „Aber das stimmt eh“, beruhigt sie die Lehrerin nach einem Blick auf ihr Arbeitsblatt. Dazwischen muss sie immer wieder eingreifen, wenn die Kinder unruhig werden, vom Platz aufspringen und sich gegenseitig belästigen.

Wut und Angst. „Es ist sehr anstrengend. Das Aggressionspotential ist hoch“, seufzt Edith Schweiger. Um mit Wut und Angst besser umgehen zu lernen, wird den Kindern in der ASO Pestalozzi seit vier Jahren eine wöchentliche Gruppentherapie mit bis zu drei PsychologInnen angeboten. Antiaggressionstraining, Frus­trationstraining und Verbesserung der sozialen Interaktion stehen auf dem Programm. „Die Kinder müssen Spaß dabei haben“, betont Wolfgang Binder, Klinischer und Gesundheitspsychologe vom Institut für Kind, Jugend und Familie. Spielerisch lernen die Kinder, sich zu konzentrieren, sich an Regeln zu halten und auch zu verlieren. „Das ist für manche der Weltuntergang“, weiß Binder. Doch im Vordergrund steht die positive Bestärkung. „Jedes Kind hat Stärken und Schwächen. Es kann vielleicht nicht gut rechnen, aber es ist hilfsbereit.“ Das müsse erkannt werden. Am Ende der Stunde stehe deshalb auch immer das Positive. „Entweder die Kinder loben einander, wir loben sie oder sie loben sich selbst“, erklärt der Psychologe. Das falle vor allem jenen Kindern nicht leicht, die zu Hause wenig Aufmunterndes hören.

Gemeinsam stark. Edith Schweiger weiß um die schwierigen Lebens­umstände vieler ihrer Schützlinge. Durch beeinträchtigte Rahmenbedingungen haben die Kinder wenig Perspektiven. Manche leben unter der Woche in betreuten Wohngemeinschaften, um zur Ruhe kommen zu können. „Das heißt aber nicht, dass die Eltern sich nicht bemühen“, betont Edith Schweiger. „Wir haben einen sehr engen Kontakt mit den Eltern, sonst geht gar nichts. Wenn sie nicht mitarbeiten, stehen wir auf völlig verlorenem Posten.“
Das erlebt auch Wolfgang Binder. Er erzählt von einem 17-jährigen Burschen, dessen Mutter anfangs mit einer Therapie nicht einverstanden war. Seine Angststörungen haben ihm den Einstieg ins Berufsleben unmöglich gemacht, Praktika hat er immer gleich abgebrochen. Schließlich stimmte die Mutter der Therapie zu. Nach einem gezielten Angsttraining und der Beratung und Betreuung im Rahmen des Projekts „Start?Klar!“ kann der junge Mann heute relativ problemlos im Arbeitsleben bestehen. „Durch die Zusammenarbeit von Mutter, Schule und vielen Helfern hat es funktioniert“, betont der Psychologe.

Am Limit. Doch die Netzwerkarbeit und die Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Kind, seinen Eltern und BetreuerInnen brauchen viel Zeit, Energie und Engagement. Direktorin und Lehrerinnen stoßen dabei immer wieder an ihre Grenzen. „Die Schule ist unterbesetzt. Es fehlen Personal und Ressourcen“, hat Wolfgang Binder beobachtet. Mit den acht SchülerInnen in ihrer Klasse ist Edith Schweiger am Limit – und manchmal darüber: „Jedes Kind braucht so viel Zuwendung. Man kann sich nicht achteln.“  Heute hat sie ein wenig Entlastung. Zwei Hunde und ihre TrainerInnen üben mit je drei Kindern im Turnsaal. Ganz ruhig werden die Kinder, als sie ihren Kopf auf das Fell des Tieres legen dürfen. Für wenige Augenblicke scheint die Welt in Ordnung.

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