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Reiten auf Rezept

Von: Judith Schwentner

Hippotherapie. Ordination im Reitstall: Wie sehr Pferde bei körperlichen und sozialen Problemen helfen
und ganz heitlich heilen können. Ein Besuch in der Praxis.

Einmal pro Woche hebt Sebastian ab. „Bist du bereit zu fliegen?“, fragt ihn seine Therapeutin. Er bejaht und wird über eine spezielle Hebevorrichtung aus seinem Rollstuhl gehoben – direkt auf den Rücken eines Pferdes. Und er vergisst. Dass ihn seine Beine normalerweise nicht tragen. Dass er sonst immer zu allem und allen raufschauen muss. In dieser wöchentlichen halben Stunde tragen ihn gleich vier Beine und er kann von oben ein ganz anderes Raumgefühl erleben, ein erhebendes. Veronika Promitzer sitzt dabei hinter ihm. Sie hält ihn und hilft ihm, sich bei den Schwingungen und den Impulsen durch den Schritt zu entspannen.
Sebastian leidet seit seiner Geburt an einer infantilen Cerebralparese, einer Behinderung des Nerven- und Muskelsystems. „Die Therapie auf dem Pferd macht ihm so viel Spaß, dass er die Anstrengung gar nicht spürt“, erklärt die beim Verein Mosaik tätige Hippotherapeutin. Der dem Menschen ähnliche Schritt gibt dem Buben Impulse wie beim Gehen. Sebastian lacht.
Es reguliert den Muskeltonus, senkt den Blutdruck und gleicht Spannungszustände aus. Was wie die Angaben zur Wirkungsweise eines Medikaments klingen, vermag ein Pferd im Menschen zu erreichen. Kein exklusives, keine besondere Rasse, „einfach einen sensiblen Charakter muss es haben und mitdenken“, erklärt Dagmar Zidek. Seit 15 Jahren ordiniert die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie im Reitstall, seit 2007 im Reitstall Hofbauer, und setzt dabei die Hippotherapie und das heilpädagogische Reiten bei ihren PatientInnen ein. Denn drei Eigenschaften sind es, die das Pferd so geeignet im Einsatz bei körperlichen Behinderungen, Verhaltensauffälligkeiten, aber auch emotionalen und sozialen Problemen machen: „Es ist ein Herdentier wie wir, ein Meister in nonverbaler Kommunikation, und es kann sich gut bewegen.“ Dass es zudem ein schönes und auch Respekt einforderndes Tier ist, hat eine nicht unwesentliche psychische Auswirkung auf den Menschen.

Subtiles Aufrichten. Pferden ist es außerdem egal, wie man aussieht. Sie reagieren nicht auf Äußerlichkeiten. „Sie schauen ins Herz“, ist Dagmar Zidek überzeugt. Eine Eigenschaft, die bei der Konfrontation mit Verhaltensauffälligkeiten besonders zum Tragen kommt. Wenn einer ihrer hyperaktiven Patienten zappelig auf das Pferd zugeht, so weicht es zurück und dieser ist irritiert. „Die Irritation löst mehr in ihm aus, als wenn ihm zum hundertsten Mal jemand sagt, er soll nicht zappeln“, erklärt die Ärztin. „Es hält ihm einen Spiegel vor und tariert mit Gefühl.“
Vanshi Sproemberg hatte Kinderlähmung. Erst vor einem Jahr hat die über 60-Jährige die Therapie begonnen und „nie gedacht, dass das so wirkt und auf so subtile Weise stärkt“. Sie baut nicht nur Ängste ab, sondern „wird innerlich wie äußerlich aufgerichtet“, erzählt sie begeistert und lobt ihr Pferd mit Karotten.
Durch die emotionale Kontaktaufnahme zum Tier und gezielte Übungen können beim heiltherapeutischen Reiten und Voltigieren unerwünschte Verhaltensweisen positiv beeinflusst werden. Daher umfasst in diesem Fall eine Therapieeinheit auch wirklich alles rund ums Pferd. Vom Streicheln bis zum Füttern und Stallausmisten sind die PatientInnen bei der Betreuung des Pferdes miteingebunden. Immer unter Aufsicht. Die fünf Mitarbeiter­Innen von Dagmar Zidek haben eine entsprechende Ausbildung als tiergestützte Therapeuten, Sozialpädagogen oder Übungslehrer.

Sozialer Umgang. Wie sehr die Einbeziehung von Tieren als Co-Therapeuten auch das soziale Kontaktverhalten zu beeinflussen und Aggressionen abzubauen vermag, macht ein Projekt mit jugendlichen Strafgefangenen aus der Justizanstalt Jakomini deutlich. Der Umgang mit dem Pferd hat gerade bei Jugendlichen, die wegen Gewalt oder Körperverletzung eine Haftstrafe absitzen, nachhaltigen Einfluss auf deren Sozialverhalten. Aggressivität ist ebenfalls eine Form der Muskelanspannung, die aus einem Gefühl der Angst und Unterlegenheit resultiert. Der den Muskeltonus entspannende Aspekt spielt demnach nicht nur in der Hippotherapie mit Behinderten, sondern auch im heilpädagogischen Reiten eine wesentliche Rolle.
„Pferde stellen sich zudem instinktiv auf die Seite des Schwächeren, sie spüren die innere Angst, auch bei Burschen, die sich besonders hart geben“. Ein Pferd reagiert nur auf gute oder schlechte Behandlung und setzt natürliche Grenzen. Ein Jugendlicher beispielsweise, der stark selbstverletzendes Verhalten zeigte und auch auf die Umgebung nur mit aggressivem Verhalten reagierte, trat bei seiner ersten Begegnung mit dem Pferd gegen die Stalltür. Indem dieses ihn daraufhin mit sanftem Druck gegen die Wand presste, forderte es den nötigen Respekt ein.

Nähe spüren. „Je basaler die kommunikativen Defizite und Bindungsstörungen, desto besser kann die Beziehung zwischen Mensch und Tier helfen“, erklärt die Psychologin Alexandra Wabnegg-Harnisch, die die nachhaltigen Auswirkungen tiergestützter Therapie auf das Verhalten ihrer KlientInnen nur bestätigen kann. Derzeit werden in der Haftanstalt bei verhaltensauffälligen Jugendlichen vor allem Therapiehunde eingesetzt. Wie bei den Pferden stehen hier die Konzentration auf das Tier, der fürsorgliche Umgang und die emotionale Verbundenheit im Vordergrund. Der Körperkontakt, das einfache Halten und Streicheln eines Pferdes kann in einem jungen Menschen, der im Prinzip aus dem sozialen Netz gefallen ist, laut Wabnegg-Harnisch „Wunder wirken“.
Sowohl die Hippotherapie als auch das heilpädagogische Reiten sind mittlerweile in Österreich anerkannt und die Kosten sind durch die Versicherung gedeckt. Während man allerdings in den USA schon weiter geht und in sogenannten Stadtzoos auch Suchtkranke behandelt, ortet Dagmar Zidek hier ein Defizit. Ihnen werde in Österreich in der Regel keine Therapie genehmigt, obwohl sie nach dem Behindertengesetz darauf Anspruch hätten. Und auch Jugendliche, deren Betreuung in die Jugendwohlfahrt fällt, haben keinen Zugang zum heilpädagogischen Reiten auf Rezept. „Dabei ist gerade bei ihnen oft die Sehnsucht nach Beziehungen da“, konstatiert die Ärztin, die mit ihrem Verein „Schlossgeister Reintal“ diesen jungen Menschen über Spenden eine Therapie zu ermöglichen versucht. 

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Von: Gertraud Enzinger
[2008-08-31 10:33:23]
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Hippotherapie

Es ist wunderbar zu sehen wie Menschen sich gegenseitig aufrichten und es ist ein Segen, dass auch Tiere uns dabei behilflich sind.
Gertraud Enzinger
Von: Lisa
[2008-08-20 23:41:01]
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Ich kann nur bestätigen, dass der Umgang mit Pferden zur inneren Ausgeglichenheit führt und einem hilft die eigenen Probleme kleiner erscheinen zu lassen. Zusätzlich wird wie gesagt ganz einfach dank dem zu-einem-stehen des Tieres der eigene Mut in allen Lebenslagen verstärkt.
Schön, dass diese Therapien heute so vielfältig angeboten und genutzt werden.
Übrigens, wer Rückenprobleme hat, sollte das Reiten auch mehr oder minder regelmäßig in Erwägung ziehen. Ich litt als Kind und Jugendliche jahrelang an einem Hohlkreuz und konnte dieses durch das Reiten bekämpfen.
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