STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2008/August/Ehe wider Willen/
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Ehe wider Willen

Von: Eva Reithofer-Haidacher

Abhängig. Zwangsehe hat viele Gesichter. Auch die österreichische Gesetzgebung trägt dazu bei, dass MigrantInnen in schwer  erträglichen Beziehungen ausharren.

Drei Freundinnen in einem Wiener Kaffeehaus. Unbekümmert plaudern sie in ihrer türkischen Muttersprache, als ein am Nebentisch sitzender Mann sich einmengt. Ob sie denn auch zwangsverheiratet seien, fragt er. Eine ganze Nation im Verdacht, ihren Frauen Gewalt anzutun? Gamze Ongan, eine aus der Kaffeerunde, hat dieses Erlebnis aus dem Jahr 2006 journalis­tisch verarbeitet. Es stehe für sie „bis heute für die irritierenden Auswirkungen der österreichischen Debatte über die Zwangsehe“, schreibt die Chefredakteurin der Zeitschrift „Stimme“ und Obfrau der Migrantinnen-Beratungsstelle „Peregrina“. Denn: „Österreich steckt inmitten eines Diskurses, in dem die ‚Kultur’ der ZuwanderInnen für alle Bereiche herhalten muss, die im gesellschaftliche Zusammenleben nicht funktionieren.“ Die Rolle der österreichischen Gesetzgebung, die Frauen in Abhängigkeitsverhältnissen festhält und ein Entkommen aus Zwangsbeziehungen schwer macht, wird hingegen kaum thematisiert.

Den Alltag bewältigen. Der Staat Österreich und seine Gesellschaft als Komplizen männlicher Gewalt? Eine Frage, die sich den Mitarbeiterinnen von Beratungs- und Betreuung­seinrichtungen für Migrantinnen oftmals stellt. „Es gibt immer wieder Frauen, die in einer Beziehung bleiben, damit sie nicht zurück müssen“, weiß Petra Eyawo-Hauk von „Danaida“. Denn Frauen, die ihrem Mann nach Österreich gefolgt sind und keinen Beruf ausüben, verlieren mit der Scheidung das Aufenthaltsrecht. Und für die Mehrzahl der Migrantinnen, die Danaida-Kurse besuchen, sei Erwerbsarbeit kein Thema. „Der Alltag ist so schon stressig genug“, erklärt Geschäftsführerin Irene Windisch: das Eingewöhnen in eine neue Umgebung, das Erlernen der Sprache, die Beschäftigung mit Haushalt und Kindern. Dazu müssen noch rassistische Übergriffe verarbeitet werden, die in den letzten Jahren zugenommen haben.
Petra Eyawo-Hauk erzählt von einem Marktbesuch mit den Teilnehmerinnen ihres Alphabetisierungskurses. Die Stimmung sei so unangenehm gewesen, dass sie früher als beabsichtigt wieder aufgebrochen seien. Am laufenden Band seien Meldungen zu hören gewesen wie: „Was tun die da?“ oder „Wo sind denn die ausgekommen?“.
Auch Barbara Scherer, Juristin beim Frauenservice, weiß, dass der Alltag von Migrantinnen kein Honiglecken ist: „Kürzlich war eine Afrikanerin in der Beratungsstelle, die sich jahrelang durchgeschlagen hat. Jetzt hat sie resigniert: Wenn die Kinder groß sind, möchte sie nach Afrika zurück.“

Männer am längeren Ast. Die Jobsuche geht häufig über die Kräfte der Frauen. „Sich auf einem Arbeitsmarkt zu behaupten, der ohnehin schon eng ist, kostet wahnsinnig viel Energie“, so Eyawo-Hauk. Dazu kommt, dass Frauen mit einem Familienvisum in den ersten fünf Jahren ihres Aufenthaltes gar nicht arbeiten dürfen. Sie können sich keine eigene Existenz aufbauen und haben auch keinen Anspruch auf Sozialhilfe. „Frauen sind per Gesetz diskriminiert“, konstatiert Danaida-Geschäftsführerin Irene Windisch. „Männer sitzen immer am längeren Ast.“
Barbara Scherer arbeitet seit 18 Jahren beim Frauenservice und berät hauptsächlich zu den Themen Scheidung, Ehe- und Familienrecht. Zunehmend kämen Frauen mit Migrationshintergrund, erklärt sie, zurzeit machen diese mehr als ein Drittel in der Gesamtberatung aus. „Schwierig ist es vor allem bei jenen, die keine Ausbildung haben, immer schon Hausfrauen waren und nur einen geringen Unterhalt zu erwarten haben“, weiß die Juristin. „Wenn der Aufenthalt gefährdet ist, ist Scheidung nicht der erste Weg“, erklärt sie. Dann müsse in kleinen Schritten an der Selbständigkeit der Frau gearbeitet werden: eine Ausbildung gesucht, ein Weg in die Berufstätigkeit gefunden werden. „Nur wer finanziell unabhängig ist, kann frei eine Entscheidung fällen“, so Scherer.

Von Liebe keine Spur. Doch wenn körperliche Brutalität im Spiel ist, kann nicht so lange gewartet werden, dann ist Soforthilfe nötig. „Manche Frauen kommen direkt aus dem Spital zu uns“, sagt Ruth Tesselaar, inhaltliche Leiterin des Grazer Frauenhauses. Glücklicherweise seien ÄrztInnen und Sozialarbeiter­Innen in den letzten Jahren in Fragen häuslicher Gewalt sensibler geworden. Häufig bringe auch die Polizei die Frauen zu ihnen. Von den 25 Frauen und etwa gleich vielen Kindern im Haus kommen mehr als die Hälfte aus Migrantenfamilien. Häufigstes Muster: Ein junges Mädchen wird aus der Türkei geholt und mit dem Sohn eines hier lebenden Paares verheiratet. Sie lebt isoliert im Familienverband ihres Mannes, kann kaum Deutsch, kennt ihre Rechte nicht. Der Aufenthaltstitel wird befristet erteilt, für jede Verlängerung müssen die Papiere des Ehepartners vorgelegt werden. So hält die junge Frau durch – bis die Situation eskaliert.„Viele zögern, sich scheiden zu lassen, weil dann der Aufenthaltsgrund der Familienangehörigkeit wegfällt“, erklärt Monika Knonbauer, Juristin im Frauenhaus. Frauen ohne Aufenthaltstitel verlieren den Anspruch auf Familien- und Wohnbeihilfe, Kinderbetreuungsgeld und andere staatliche Unterstützungen. Eine Rückkehr in die erste Heimat kommt für die Betroffene meist nicht in Frage: „Dort hat sie als geschiedene Frau mit Kindern gar keine Chance. Bei uns hat sie wenigs­tens Aussicht auf einen Job in der Reinigung“, weiß Knonbauer. Auch der gesellschaftliche Druck sei im Herkunftsland oft hart.

In ständiger Anspannung. Viele der Frauen leiden unter psychosomatischen Krankheiten. Eine Asylwerberin im Haus, die 40 Euro im Monat für sich zur Verfügung hat, musste allein letzte Woche 30 Euro für Medikamente zahlen. Ruth Tesselaar kennt die Ursachen: „Diese Unsicherheit wegen Visum und Arbeit, die Angst, es nicht zu schaffen, die ständige Anspannung.“
Das Team im Frauenhaus unterstützt die Frauen, so weit es geht. Doch leicht wird es auch ihnen nicht gemacht. Die gesetzlichen Bestimmungen und ihre Auslegung änderten sich ständig, klagt Monika Knonbauer: „Besonders schlimm ist es zurzeit beim humanitären Aufenthalt.“ Der Sonderstatus, der den Aufenthalt befristet für besonders schutzwürdige Personen sichert, werde im Moment kaum verliehen. Der Grund: Die zuständigen Stellen seien wegen öffentlicher Fälle wie dem Arigona Zogajs verstimmt. Leidtragende sind all jene Frauen, die den auf sechs Monate befristeten Aufenthalt im Frauenhaus vor Augen haben und nicht wissen, wo sie danach Unterschlupf finden werden.
Dass dem österreichischen Staat bei der Lösung dieser existenziellen Probleme eine gewichtige Rolle zukommt, darin sind sich alle Gesprächspartner­innen einig: Ein eigener Aufenthaltstitel für Frauen, die sich ein Jahr im Land aufhalten, ist die Mindestforderung. Denn die Zwangsehe hat nicht nur ein Gesicht.

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