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Schafe im Gelände

Von: Norbert Mappes-Niediek

AKZENT. Wie deutsche StudentInnen in Graz zu MigrantInnen werden.

Komisch, sagt Johannes aus Aue in Sachsen: „Von zehn Leuten, die ich hier kenne, sind acht Deutsche.“ Es ist wirklich komisch mit ihnen. Sie heißen Verena, Julian, Isabelle, Günter, Caroline, Henrik, Michael, Nadine oder Jochen. Sie sprechen perfekt deutsch und sehen aus wie alle anderen. Nach Graz sind sie gekommen, weil man da leichter einen Platz kriegt. Oder  weil es da einen ganz bestimmten Studiengang gibt oder weil es einfach ein bisschen was anderes ist. Sie wollen Ärztin oder Arzt, Chemiker oder Betriebswirtin werden. Aber erst einmal werden sie alle, was sie sich nie hätten träumen lassen: MigrantInnen.
Ein paar Wochen oder Monate in Graz, und schon kann man selbst unter deutschen StudentInnen alle Klassen von  „Zuwanderern“ finden. Unter den MedizinerInnen herrscht Typ 1 vor: das Herdentier.
Die Grüppchen, die im Foyer  der Vorklinik tratschen, sind dem Akzent nach alle „ethnisch rein“: hier die ÖsterreicherInnen, da die Deutschen. „Es ergibt sich einfach so“, meint Caroline aus Dresden: „In den ersten Tagen, wenn die Kontakte geknüpft werden, läuft man sich eben immer wieder über den Weg.“ Man muss sich anmelden beim Land, man muss ein Bankkonto eröffnen. Wer in Deutschland auf einen Medizinplatz gewartet hat, kennt etliche künftige MitstudentInnen schon aus dem Internet. Oder von der Fahrt zum Zulassungstest, der im Juli stattgefunden hat – wie Henrik aus Marl im Ruhrgebiet, der in Köln ein Vorsemester für künftige MedizinerInnen absolviert hat und mit einem anderen von dort gleich eine Wohnung gesucht hat.
Nicht alles freilich „ergibt sich“. Die Chat-Gruppe „Deutsche Studis in Graz“ in der Internet-Kontaktbörse Studi-VZ, in die man nur nach einem Check durch die ModeratorInnen hineinkommt, muss jemand gegründet haben. Und es gibt, in loser Folge, sogar einen „deutschen Stammtisch“ – der immerhin an mangelndem Interesse einzugehen droht.
Aber gibt es einen triftigen Grund, dass man sich wie eine Herde im unwegsamen Gelände zusammenkuscheln müsste? Fragt man die Deutschen zu Graz und den GrazerInnen, muss jedem Tourismuswerber das Herz im Leibe lachen. „Schöner als in Bonn“ findet Sabine es hier, obwohl es dort, wie hier niemand weiß, auch sehr schön ist. „Mediterran“ und „total toll“, sagt Henrik. „Die Leute sind offener, gelassener, nehmen es nicht so genau wie bei uns“, meint Johannes. Auch die Unis – ob Karl Franz, die TU oder die FH Joanneum – kriegen von den kritischen Deutschen durch die Bank gute Noten.
Herden sind freundlich, neigen aber auch zur Panik. Um die Anmeldung bei der Aufenthaltsbehörde in der Wartingergasse zum Beispiel kursieren wilde Gerüchte. Man müsse das Einkommen der Eltern nachweisen, wer die Frist versäume, müsse 250 Euro blechen. Beim Land wiegeln sie ab. Man habe „wirklich anderes zu tun als EU-Studenten zu schikanieren“, sagt auf Anfrage der zuständige Beamte. Als Nachweis reicht ein „Einzeiler“ von den Eltern, und wer sich nicht anmeldet, bekommt bloß eine Ermahnung. Richtig benachteiligt werden die Deutschen nur bei den GVB: Studentenermäßigung kriegt nur, wessen Eltern in Österreich Familienbeihilfe beziehen. Darüber sei man selber „unglücklich“, heißt es aus der Stadtregierung, man habe die Vorschrift von den Vorgängern geerbt und wolle sie jetzt ändern. Absichtsvoll ist die Diskriminierung immerhin wohl nicht. Bloß fahrlässig: Je nach Heimatort des Studierenden wird das Semesterticket von der Stadt, vom Land oder vom Bund subventioniert – eine Bestimmung, erdacht von BeamtInnen, die nur ÖsterreicherInnen auf dem Bildschirm haben.
Wer nicht mitlaufen will, muss aus der Herde schon ausbrechen. Gelegenheit dazu bieten WG-Castings: Verena aus Stuttgart zum Beispiel wohnt jetzt mit drei Österreichern zusammen. Vor der Vorlesung steht die Stuttgarterin dann aber doch wieder bei ihren Landsleuten. Will man die anderen Migranten-Typen kennenlernen, muss man die Fakultät wechseln. Da findet man sie dann: Den Angepassten. Den Verleugner. Und das schwarze Schaf.
Günter zum Beispiel ist der einzige Chemiestudent in seinem Semester. „Mein Bekanntenkreis besteht eigentlich nur aus Österreichern“, sagt der 26-Jährige aus Biberach. Man neckt einander manchmal mit dem Akzent, sonst spielt der Unterschied nie eine Rolle. Schwieriger, scheint es, ist es zu zweit oder zu dritt. Jochen und Michael studieren Journalismus und sind die einzigen Deutschen im Semester. Michael, der aus Dresden kommt, wollte unbedingt nach Österreich – und das gewiss nicht, um dort mit einem Landsmann eine nationale Minderheit aufzumachen. Michael hat für alles Verständnis. Die Menschen sind hier höflicher, das gefällt ihm. „Bei uns kriegst immer gleich eins aufs Maul.“ Er hat Verständnis dafür, dass er doppelt so viel für die Monatskarte zahlt. Ein bisschen sogar versteht er die vielen und salonfähigen Rechten, über die alle anderen Deutschen nie den Kopf zu schütteln vergessen. Mit Jochen, mit dem er nicht in einen Topf will, kommt er „jetzt ganz gut klar“. Er fühlt sich „eher als Europäer“.
Bei Jochen dagegen hat das Verständnis schon einmal seine Grenze erreicht: bei der Fußball-EM. „Beim Spiel Deutschland-Österreich war der Gegensatz ja ganz natürlich“, findet er. Erschüttert aber hat ihn das Spiel Deutschland-Kroatien. Er stand in der Public-Viewing-Zone zwischen Kroaten, erzählt er, und hat sich gut mit denen verstanden. Die fanatischsten Kroaten aber waren die Österreicher. „Auch nach Österreichs Ausscheiden“, sagt Jochen, „haben sie immer für die Mannschaft gehalten, die gegen Deutschland spielte.“ Eine irritierende Erfahrung, denn er selbst war „immer ganz selbstverständlich für Österreich“, wenn es nicht gerade gegen Deutschland ging. Ein bisschen ein Gefühl für die potenzielle Macht der großen Mehrheit hat auch Julian sich schon vermitteln lassen müssen. „Eigentlich mag ich die Deutschen nicht, aber du bist in Ordnung“, hat er schon öfter gehört. Dass sich einiges an Druck hinter dem Lob verbirgt, ist dem Psychologie-Studenten jedenfalls nicht entgangen.
Nadine ist so weit, dass sie jetzt fast gar nichts mehr verstehen will. „Dinge gibt es“, sagt die BWL-Studentin, „da fasst man sich nur noch an den Kopf“. Nadine sammelt solche Dinge – wie neulich den Besuch beim Arzt, wo die Sprechstundenhilfe zu faul war, ihren Auslandskrankenschein zu bearbeiten und sie nach zwei Stunden Warten einfach wieder wegschickte. Oder die Sache mit der Afrikanerin und ihrer Tochter in der Bim, die von einer Oma in derbstem Steirisch die ganze Fahrt über beschimpft wurden. „Ganz fürchterlich“ findet sie auch das mit dem „Herrn Magister“, eine Anrede, die es in Deutschland nicht gibt. Die beliebte Frage: „Wo kommst du denn her?“, unter StudienanfängerInnen ganz natürlich, geht ihr nach anderthalb Jahren Graz nur noch auf die Nerven. Sie hört auch den Subtext: Du gehörst eigentlich hier nicht hin! Dass sie direkter ist als hier üblich, ist Nadine bewusst. Aber darf man im Lokal nicht einmal „Die Rechnung, bitte!“ sagen, ohne gleich für ruppig gehalten zu werden? Und auch, dass „sehr schlecht über die Deutschen geredet wird“, weiß Nadine inzwischen. In Niedersachsen dagegen, wo sie herkommt, hat sie „noch nie etwas Schlechtes über die Österreicher gehört“.
Auch Nadine haben sie das Semes­terticket nicht geben wollen. Da hat sie sich einfach von ihren Eltern den Bescheid über das deutsche Kindergeld schicken lassen und ist damit zu den GVB gegangen. Bitte, hat sie gesagt, das ist genauso gut wie die Kinderbeihilfe aus Österreich. Sie hat als Einzige ihr Semesterticket gekriegt.

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