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"Es gibt keine getrennten Lebenswelten"

Islam. Beängstigende Bilder über Moslems geistern durch Medien undKöpfe. Ein Gespräch über Feindbilder und Realitäten mit dem ­Nahost­experten und Journalisten Heinz Nußbaumer.

Viele ÖsterreicherInnen und  Österreicher haben Ressentiments gegenüber Moslems. Macht sich das in Ihrer Arbeit bemerkbar?
In Radio-Talk-Sendungen mit Hörer-Anrufen vereinbare ich meist mit den Technikern ein Zeichen, ob man den jeweiligen Anrufer überhaupt auf Sendung schalten kann. „Daumen oben“ heißt: Der Anrufer ist zumutbar. „Daumen unten“ bedeutet: schwere antiislamische Ausfälle. Oft – viel zu oft – ist der Daumen unten. Ich meine: Nach wie vor fehlt es an Interesse für die, die mit uns leben, für ihre Kultur und Lebensart. Und: Es fehlt an jeglicher Sympathie und Empathie.

Wo liegen die Ursachen dafür?
Auf westlicher Seite existieren drei historisch gewachsene Stereotypen über den Islam. Das eine ist das religiöse: Christliche Kirchen und Herrscher haben – sozusagen aus spiritueller Notwehr – den Islam über Jahrhunderte bewusst verketzert und dämonisiert. Das zweite ist das kulturell-soziale: Es stammt aus der Kolonialzeit, als Europäer versuchten, den Islam bewusst als rückständig und despotisch lächerlich zu machen. So wollten sie ihren Machtanspruch und die Ausbeutung als Wohltat an rückständigen Völkern rechtfertigen. Und schließlich das emotionelle und politische Stereotyp, das seit Khomeini 1979 den Islam als radikal und gewaltbereit beschreibt. Der Höhepunkt kam naturgemäß mit dem 11. September 2001.

Seither ist das Bild vom Islam vielfach auf das „Böse“ – Fanatismus, Diktatur und Gewalt – reduziert.
Es gibt heute leider eine klare, durchgängige Gedankenkette, die vom Islam zur Politik, von der Politik zum Fundamentalismus, vom Fundamentalismus zum Terrorismus und zur politischen Gewalt führt. Diese Gedankenkette blendet die überwältigende Mehrheit der Muslime – auch und gerade in unserem Land – einfach aus und kümmert sich wenig um den sozialen und politischen Kontext. Niemand wird sagen, dass es diese Zusammenhänge von Religion, Politik und Gewalt überhaupt nicht gibt. Aber ich möchte doch dagegenhalten, dass ich 35 Jahre lang durch die islamische Welt gereist bin und den Islam nahezu ausschließlich als eine Religion erlebt habe, die Menschen hilft, ihr Schicksal, ihre Not, ihre Unterprivilegiertheit, ihre Unfreiheit zu ertragen und die Hoffnungen auf eine bessere Welt in ein nächstes Leben zu verschieben.

Welchen Anteil haben die Medien an diesen Feindbildern?
Es kann nicht schaden, wenn wir uns dazu selbstkritisch ein paar Fragen stellen. Zum Beispiel: Ob nicht wir, die Medien, durch unseren Zwang zur Zuspitzung das Bild der islamischen Welt in Richtung „intolerant, gewaltbereit und sektiererisch“ verzerren – und damit bei uns jenen Schauer und jene Sicherheits-Phobie samt Einschränkung der demokratischen Freiheiten auslösen, die unmittelbar in die Hände Bin Ladens und Co arbeitet. Und die letztlich auch jenen dient, die diese Länder in Diktatur und Unterentwicklung halten wollen. Oder: Wie weit das „Feindbild Islam“ nicht auch – bewusst oder unbewusst – aufgebaut wurde, nachdem uns im letzten Jahrzehnt die „rote Gefahr“ des Kommunismus als einigendes Band verloren gegangen ist.

Wir brauchen Feindbilder also, um die eigene Identität zu stärken?

Eine These lautet, dass moderne Gesellschaften mit ihrem Trend zur Individualisierung Feindbilder mehr denn je brauchen – als sozialen Kitt zur Integration des Einzelnen in die Gesamtgesellschaft.

Welche Stereotypen gibt es auf islamischer Seite über den Westen?
Es ist das Fegefeuer der arabischen Welt, sich einer westlich geprägten Modernität ausliefern zu müssen, deren Gaben der Muslim zugleich bewundert und hasst. Als Sinnbild unserer Verderbtheit gelten Alkohol, Drogen und unsere permissive Sexualmoral. Millionen Muslime fragen sich: Wie kann Gott es zulassen, dass der Westen in all seiner Verkommenheit so wohlhabend werden konnte?

Ist das Gegensatzpaar Islam – Westen überhaupt zulässig?
Nein, ich halte das Gegenüber – oder Gegeneinander – von „Islam“ und „Westen“ für die Ebene der größten und gefährlichsten Missverständnisse. Denn beide Begriffe sind dramatisch unscharf und passen, obwohl wir sie ständig verwenden, in Wahrheit auch nur in Feindbildern zusammen; lassen also alles Gemeinsame, alle Nähe und Befruchtung, völlig außer Acht. Und seit dem 11. September 2001 ist der Begriff „Westen“ angesichts einer globalen Koalition gegen den Terror noch viel unschärfer und fragwürdiger geworden. Ich denke nur an Länder in Zentralasien, einst Teil der Sowjetunion, die heute alle Mitglieder der von Amerika geführten Anti-Terror-Allianz sind. Allerdings ist bis heute kein passender Terminus für diese Allianz – auch nicht für die Heterogenität der islamischen Welt – gefunden worden.

Kann man die Beziehungen der islamischen Welt zu den USA mit denen zu Europa in einen Topf werfen?
Nein, die Beziehungen zu den USA sind noch weit mehr vom Nahost-Konflikt überschattet. Die Niederlagen der arabischen Welt gegen das winzige, amerikanisch hochgerüstete Israel wurden und werden von Muslimen als traumatisch empfunden. Israel gilt ja als Protektorat und Brückenkopf amerikanischer Interessen. Die Lösung des Nahost-Konflikts würde der islamisch-westlichen Konfrontation sehr viel von seiner Schärfe und Brisanz nehmen. Bei den Beziehungen zwischen Europa und der Welt der Muslime geht es dagegen weniger um globale strategische Interessen, als um ein komplexes Gefühl von Nähe und Distanz, von Anziehung und Abstoßung.

Was sich ja besonders in der Diskussion über den Beitritt der Türkei zur EU äußert.
Ob die 70 Millionen Einwohner der Türkei EU-Bürger werden sollen, ist zu einer Schicksalsfrage geworden – für all jene vor allem, die sich an den klar christlichen Gründungsgedanken der Europäischen Idee erinnern. Und das tun heute, wenn Sie die Diskussion genau verfolgen, kurioserweise gerade jene in Europa, die mit dem Christentum recht wenig am Hut haben. Die tägliche Praxis sagt uns Europäern jedenfalls: Es gibt keine zwei getrennten Lebenswelten mehr – hier wir, dort die Welt der Muslime. Der Islam gehört zu den europäischen Lebensrealitäten. Das wird noch offenkundiger werden, wenn sich die Muslime aus ihren Ghettos stärker in unser Alltagsleben integrieren.

Was müssen beide Seiten leisten, damit das funktioniert?
Die wichtigsten Aufgaben für uns heißen: Ende der Ghettoisierung islamischer Bevölkerungsgruppen und Akzeptanz ihres Anders-Seins, so schwer das auch ist. Die wichtigsten Aufgaben für die Muslime sind: Anerkennung unserer säkularen Gesellschaft und klares Bekenntnis zum Pluralismus und zu dem Land, das ihnen einen Vorschuss an Vertrauen geschenkt hat. Hier hat jede Seite über ihre Defizite nachzudenken.

Haben Sie das Gefühl, dass viele Muslime in Österreich Probleme mit unserer Gesellschaft haben?
Die große Mehrzahl der hier lebenden Muslime hat mit unserer pluralistischen Demokratie keine unüberwindbaren Probleme. Einige aber doch: Unser liberaler Lebensstil überfordert sie. Und unsere Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten könnten sie ins Lager der Islamisten treiben, die mit finanzieller Hilfe und sozialer Wärme locken. Dieser bedrohlichen Dynamik müssen wir uns bewusst sein. Die überwältigende Mehrheit aber ist, wie sich zeigt, für Österreich als Lebensmodell und für unsere Grundwerte zu gewinnen. Ich halte im Übrigen unseren alltäglichen Umgang miteinander in Europa für viel schicksalhafter, als dies auf den ersten Blick scheinen mag. Denn hier und nur hier können wir den Muslimen – und über sie der ganzen islamischen Welt – beweisen, dass unsere Form von Aufgabenteilung zwischen Religion und Staat in Wahrheit keine Schwäche, sondern eine Stärke ist.  

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