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Große kleine Welt

Von: Jessica Maier

Ausstellung. Stefanie Erjautz' Puppen sind Kunstwerke aus Strumpfhosen. Ein Blick in einen unzensur­ierten Minimundus zwischen Märchen und Milieu.

In gebeugter Haltung steht er da, Mitte fünfzig etwa, mit einer Hand in der Hosentasche und einem Aktenkoffer an seiner Seite – und starrt mit lüsterner Neugier durch das Fenster eines Kinderzimmers, in dem ein Mädchen gerade verspielt seinen Rock lüpft. „Die Aktentasche hab ich dazugestellt, weil vielleicht muss er ja noch reingreifen, für ein Taschentuch.“ Stefanie Erjautz, die Stimme aus dem Off. Eine quirlige kleine Frau mit kurzen grauen Haaren und leuchtenden braunen Augen, die lebenslustig und ein wenig spitzbübisch funkeln und seit 75 Jahren mit offenem Blick ins Leben sehen. Und nicht nur das. In einer Gesellschaft, in der wir  sorgfältig darauf bedacht sind, unbequemen Wahrheiten großräumig auszuweichen und vor menschlich-moralischen Makeln kategorisch die Augen zu verschließen, hat Stefanie Erjautz eine kleine Welt der ausnahmslosen Aufmerksamkeit erschaffen. Dort gibt es kein Beschönigen, Wegschauen oder Aussortieren. Die Bürger ihrer Welt sind Puppen – nicht solche zum Herzeigen und Gernhaben a là Elli Riehl jedoch, sondern wesenhafte Persönlichkeiten aus Watte, Stoff und Strümpfen, mit Schwächen und Schicksalen, frivolen Freuden und einsamem Elend, mit Warzen, Zahnlücken und Schambehaarung, die Frau Erjautz in liebevoller Detailarbeit selbst erschaffen hat.

Ohne Wenn und Aber
Da findet sich das „Flinserl“ vom Ausseer Fasching. „Aber das echte Flinserlkostüm hat zwei Mohrenköpfe am Hintern. Ich find’ das so diskriminierend! Deshalb hab ich sie bei meinem Flinserl auf den Rücken genäht“, sagt Frau Erjautz, und durch die lebhaften Augen sprühen Nuancen von Trotz und Verachtung. Da gibt es auch eine Wirtshausszene, in der ein Lederhosenträger der Wirtin gierig auf den Hintern greift. „Schaun S’ den nur einmal an. Das ist so ein geiler Kerl!“ Ein glucksendes Kichern. Dann die christliche Krippe mit dem kopftuchtragenden Adam und der barbusigen Eva, und einem Kind mit Down-Syndrom als Besucher. Die Szene aus den New Yorker Slums, in der man beinahe den Geruch muffiger Steppdecken riechen kann. Die Damen „im voll erblühten Alter und mit jung gebliebenen Herzen“, die ekstatisch den Chippendales zukreischen. Und die nackte schwangere Frau, die zärtlich ihren Bauch streichelt, neben der verzweifelten Mutter, die mit schmerzverzerrtem Gesicht das tote Kind in ihrem Schoß beweint. Natürlich gibt es auch fröhliche, hübsch anzuschauende Puppen. Aber selbst diese „schönen“ Exemplare haben alle ein gewisses Etwas, ein unscheinbares Fältchen vielleicht, das ihnen eine eindringliche Individualität verleiht.

Stehenbleiben, hinschauen
Ursprünglich musste die in bescheidenen Verhältnissen lebende Stefanie Erjautz ihre Puppen verkauften, um sich und ihre beiden Söhne mit dem Erlös über Wasser zu halten. Ihre Söhne waren es nun auch, die durch einen großen Aufruf etwa 300 Werke ihrer Mutter wieder aufspürten und sie für eine Hommage-Ausstellung im Volkskundemuseum „ausborgten“. Eine späte, aber verdiente Ehrung für die Puppenkünstlerin, die mit ihren Werken keine heile Welt, sondern die nackte Realität darstellt – ohne jedoch zu urteilen. Wertung und Zensur bleiben den BetrachterInnen überlassen. Vielleicht können die Werke der Puppenkünstlerin dazu beitragen, dass wir, indem wir unseren Blick für ihre kleine Welt öffnen und schärfen, auch unsere große Welt mit anderen Augen sehen.

Kleine Welten – Zwischen Märchen und Milieu. Werke von Stefanie Erjautz. Noch bis 10. Februar, Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr,
Volkskundemuseum Graz.

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