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Die weite Ferne so nah

Von: Interview: Judith Schwentner

Urlaubszeit. Wenn die Sehnsucht der Wirklichkeit begegnet: Was passiert mit den Menschen und der Umwelt? Ein Gespräch mit dem Tourismusforscher, Reiseleiter und Buchautor Harald Friedl über das Reisen und seine Auswirkungen.

Was macht Reisen im besten Fall mit uns?
Im besten Fall in so sanfter Weise erschüttern, dass wir aus dem gewohnten Raum kontrolliert hinaus­torkeln und ohne hinzufallen Fremdem begegnen.

Sie beschäftigen sich ja auch beruflich und dann wohl weniger poetisch mit dem Thema. Was darf man sich unter Forschung über nachhaltigen Tourismus vorstellen?
Bei nachhaltigem Tourismus denkt man an umweltfreundliche oder soziale Tourismusprodukte wie „Ökotourismus“ oder „Projekttourismus“, die nachhaltig sein können, aber nicht müssen. Auch Besuche von Hilfsprojekten können negative Effekte auslösen, etwa die Mitarbeiter bei ihrer Arbeit stören. Nachhaltig können aber auch große Tourismusressorts sein, wenn sie gut geführt werden und wenn  dadurch die Umweltbelastung pro Kopf sinkt. Letztlich ist Nachhaltigkeit eine dauerhafte Kostenminimierung im weiten Sinne. Darum gibt es genaugenommen keinen „nachhaltigen Tourismus“, es gibt nur nachhaltige „Tourismusentwicklung“: eine Veränderung von touristischen Prozessen in Richtung weniger unerwünschte Auswirkungen – also soziale, ökonomische und ökologische Kos­ten.

Wie kann das gehen?
Ein Unternehmen muss sich innerhalb seines Umfeldes dauerhaft erhalten können. Ein Negativbeispiel dafür war die alte Nationalparkidee, die von der Vorstellung eines „unberührten“ Gartens ausging. Darum hatte man bei Nationalparks ursprünglich Einheimische vertrieben und sich dann gewundert, warum diese „Bösen“ wildern. Erst in den 80er Jahren verstand man, dass Einheimische ein integrierter Bestandteile der „geschützten Natur“ sind, und begann die Einheimischen einzubinden. Dadurch wurde Naturschutz längerfristig wirkungsvoller und billiger.
Gleiches gilt auch für den „Kulturschutz“. Früher warnten elitäre Tourismuskritiker: „Um Gottes Willen, nur keine Touristen! Die machen die Kultur kaputt.“ Nur ist Kultur jener Prozess, wie wir unser Leben gestalten und mit neuen Einflüssen umgehen. In Österreich etwa sind Touristen wesentlicher Bestandteil unserer Alltagskultur …

Sie selber sind über das eigene Reisen zur Beschäftigung mit dem Thema gekommen … Ich arbeite seit 1992 international als Reiseleiter, hauptsächlich im Orient. Durch meine Diplomarbeit in Philosophie konnte ich schließlich wissenschaftlich überprüfen, ob meine Tätigkeit auch vertretbar ist. Dabei begann ich einen schärferen Blick zu entwickeln.

Die Gretchenfrage: Rucksack- oder Pauschaltourist? Sind die „gut“, die sich unter die Leute mischen, mit ihrer Art des Reisens aber auch neuen Raum erobern, oder die, die einfach mehr Geld ausgeben?
Diese Frage hat mich seit meinen ersten Rucksack-Reisen in die Sahara in den späten Achtzigern bewegt: Ist man böse, wenn man abgelegene Gebiete bereist? „Zerstört“ man dabei etwas? Daraus entstanden mein Buch „Respektvoll reisen“ und mein Dissertationsprojekt bei den Tuareg. Interessanterweise hatten nur solche Tuareg den Tourismus generell kritisiert, die in Europa lebten und die Wüste bereits mit nostalgischem Blick betrachteten. Die von mir befragten Tuareg-Nomaden hingegen hatten jene Reisegruppen beklagt, die nicht anhalten und einkaufen …

Wann reist man Ihrer Ansicht nach sozial und ökologisch „richtig“?
Das ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Kurzstreckenflüge, etwa von Graz nach Wien, sind ökologisch betrachtet ein unnötiger Wahnsinn. Unvermeidbare Langstreckenflüge sollten wenigstens an einen längeren Aufenthalt gekoppelt werden, um die Emissionen mit einer entsprechend hohen regionalen Wertschöpfung aufzuwiegen. Unterm Strich geht es um die größtmögliche Minderung von Umweltschäden, um das Mehren von regionaler Wertschöpfung und um die größtmögliche soziale und kulturelle Rücksichtnahme.

Das wird uns allerdings über Reisebüros nicht vermittelt. In erster Linie geht es da um schnelles Buchen und schnelles Entspannen.
Genau genommen arbeiten auch Reisebüros für sich „nachhaltig“. Die sind – wie wir alle – eingebunden in ihren stressigen Alltag im Kampf ums wirtschaftliche Überleben. Man muss diese strukturellen Zwänge anerkennen und kann nicht nur sagen: Ihr Bösen! Veränderungen sind hier nur schrittweise möglich.
Jemand, der „Nachhaltigkeit“ in den Mund nimmt, wie der Friedl (lacht), muss erst vor der eigenen Haustür kehren und schauen, wie er die Zwänge so beeinflussen kann, dass die Betroffenen mehr Handlungsfreiheit erlangen. Von jemandem Öko-Verhalten zu erwarten, dem das Wasser bis zum Hals steht, wäre dumm und arrogant. Zielführender ist es, positive Entwicklungen zu fördern, aber auch kritisch aufzuzeigen, wenn jemand seine Spielräume rücksichtslos missbraucht.

Man könnte von großen Tourismusunternehmen aber doch die Einhaltung bestimmter Kodizes einfordern.
Ich halte wenig davon. Untersuchungen konnten zeigen, dass Verhaltensregeln in Betrieben nichts bringen. Wenn sie Ausdruck einer gelebten Betriebskultur sind, können sie als Orientierungspunkte dienen. Sind sie aber nicht stimmig, bleiben sie wirkungslos. Dann sind sie bestenfalls ein meinungsbildender Diskussionsanstoß. Als ein solcher hat der „Internationale Tourismus-Ethikkodex“ eine gewisse Berechtigung, nicht aber als Handlungsanleitung. Denn in der Praxis bleiben Regeln, damit sie überhaupt von einem Gremium gemeinsam beschlossen werden, allgemein gehalten, sodass sie auf den konkreten Einzelfall nicht anwendbar sind.
In der Wirtschaft bemerkbar macht sich jedoch ein wachsendes Engagement für medienwirksame Social Corporate Responsibility. Die Unternehmen spüren, dass Konsumenten sensibler werden für die unsozialen Auswirkungen von Produkten.

Was ist dann Ihrem Verständnis nach eine Politik der nachhaltigen Tourismusentwicklung?
Man darf den Diskurs nicht einschlafen lassen, sollte auf die Probleme aufmerksam machen, auf positive Beispiele und Alternativen, aber auch auf die Verknüpfungen zwischen verschiedenen Problemen. Migration etwa ist eng mit Klimawandel verbunden, denn häufigere Dürre verursacht mehr Migration.
In die Zukunft blicke ich als optimistischer Fatalist, weil ich glaube: Die Lösung finden wir sowieso nicht, doch ist es viel wichtiger, dass wir dranbleiben, unsere Verantwortung übernehmen und so weit wie möglich unsere Lebenswelt sinnvoll mitgestalten.

Sie haben soeben ein Buch über die Tuareg herausgebracht. Was hat das nun alles mit dem Nomadenvolk zu tun?
Salopp gesagt ist das Buch ein schönes „Abfallprodukt“ meiner Forschung (lacht). Ich versuche darin, diese eindrucksvollen Menschen in ihrer lebensfeindlichen Umwelt besser zu verstehen und ihre klischeehaft verwertete Kultur vielschichtig zu vermitteln. Dabei wurde das Buch zu einer Einladung, eigene Sichtweisen auf das Fremde zu hinterfragen und damit viel über sich selber zu erfahren. Das Spannende an der Beschäftigung mit einer vermeintlich so fremden Kultur ist ja die Erkenntnis, dabei bloß in den Spiegel zu blicken und zu entdecken: Der exotische Fremde … bin ich selbst.

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