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Die letzten Tage

Von: Christian Maier

HOSPIZ. Im Grazer Albert- Schweitzer-Hospiz verbringen Sterbende ihre letzten Tage. Hier können sie noch einmal auf ihr Leben zurückblicken, die ersten Sommertage genießen und sich über kleine Erfolge freuen. Ein Bericht über das Leben vor dem Tod.

An den Anruf ihres Sohnes kann sich Frau S. noch gut erinnern. Dieser war am Morgen losgefahren, um einen Wohnort für die letzten Tage seiner Mutter zu suchen. Am Telefon, schilderte er die Vorzüge des neuen Grazer Hospiz: ein Park, gute medizinische Versorgung und große, helle Einzelzimmer. Nach einer Pause fügte er hinzu: „Es sieht überhaupt nicht aus wie in einem Krankenhaus.“
Das war eine gute Nachricht. Denn Frau S. hatte, seit vor sechs Jahren Krebs bei ihr diagnostiziert wurde, viel Zeit in Krankenhäusern verbracht – sie musste sich zwei Strahlen- und einer Chemotherapie unterziehen. Kurz vor ihrem Tod wollte sie nun mit niemandem mehr ein Zimmer teilen. Frau S. war mit der Wahl ihres Sohnes sofort einverstanden.
  Der Umzug war sogar eine Erleichterung. Denn zu Hause hätte Frau S. eine eigene Pflegerin benötigt, was nicht leistbar war. Und in ein Altersheim wollte die 66-jährige lebenslustige Frau auf keinen Fall. Frau S.: „Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Wohnung für immer hinter mir lassen könnte. Aber als ich erfuhr, dass ich in ein Hospiz komme, war es leichter als gedacht.“

Gewohntes Leben. Es ist ein modernes Haus, in dem sie jetzt wohnt. Die Zimmer sind mit hellem Kieferholz gestaltet, an den Wänden hängen farbige Bilder und jeder Raum ist mit einem eigenen Flachbild-Fernseher ausgestattet. Erst im vergangenen Monat wurde das erste Grazer Hospiz eröffnet – zuvor hatte man Sterbende sechs Jahre lang auf einer kleinen Hospiz-Station im Geriatrischen Gesundheitszentrum betreut.
Das Konzept ist noch immer dasselbe: Im Hospiz legt man großen Wert auf Palliativmedizin, eine Medizin, die nicht heilen, sondern Schmerzen lindern möchte. Die Bewohner­Innen werden häufig von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen besucht und auf ihre letzten Wünsche wird besondere Rücksicht genommen: Sterbende können hierher sogar ihre Haustiere mitbringen.
Frau S. hat ins Hospiz aber nur wenige persönliche Dinge mitgenommen: lediglich ein paar Fotos von FreundInnen sowie einen Knut-Eisbären aus Berlin. Mit dem Umzug hat sie dennoch nicht alles aufgegeben: Aus ihrer Wohnung lässt sie sich weiter die Post nachschicken und jeden Tag überfliegt sie in der Früh die Zeitung. Das gewohnte Leben begleitet sie immer noch.
Zwar könnte sie sich hier auch fallen lassen und sich ganz auf den Tod vorbereiten, aber das würde nicht ihrem Wesen entsprechen. Frau S. war es immer gewohnt, Dinge zu organisieren und sich dem Leben zu stellen, ihr Motto lautete: „Probleme sind da, um bewältigt zu werden.“
Jetzt sitzt sie mit einer Sonnenbrille am Balkon und genießt die ersten Sommertage des Jahres. Früher, erzählt sie, hat sie selbst als Journalistin gearbeitet, doch nachdem ihr Sohn auf die Welt gekommen war, hat sie den Beruf aufgegeben. Denkt sie jetzt viel darüber nach, was in ihrem Leben anders laufen hätte können? „Eigentlich nicht, mir ist es wichtiger, die letzten Wochen sinnvoll zu verbringen.“

Letzte Ziele. Diese Einstellung ist nicht ungewöhnlich. Wenn das Ende naht, greifen Menschen häufig auf alte Strategien zurück, um normal weiterzuleben. Seraphine Isak, leitende Schwester des Hospiz, erzählt da gerne die Geschichte jenes Mannes, der bis kurz vor seinem Tod noch eine Reise nach Südamerika plante. Die fiktive Tour zu organisieren half ihm, sein Lebensende mit Sinn zu füllen.      
Manchmal haben Menschen auch letzte Bitten. So wünschte sich eine Frau, nicht vor Weihnachten zu sterben, weil sie da Nusskronen für die Krankenschwestern backen wollte. Und eine andere Patientin hoffte, die Geburt ihres Enkels noch zu erleben. In beiden Fällen gingen die Wünsche in Erfüllung. Seraphine Isak hält das nicht unbedingt für einen Zufall: „Es scheint, als könnten Menschen den Tod hinauszögern, wenn sie letzte Ziele erreichen wollen.“ In ihrem Beruf hat sie viele unterschiedliche Möglichkeiten gesehen, dem Tod zu begegnen: Sie hat PatientInnen betreut, die sehr ehrgeizig waren und so taten, als stünde ihnen immer noch die Welt offen, und solche, die eher ruhig, ja geradezu verschlossen wirkten. Sie weiß, dass nicht jeder Patient direkt über den Tod sprechen kann, deshalb hat sie auch gelernt, genau hinzuhören.

Die Zeit vergeht schnell. Auch Herr W., der im Zimmer links neben Frau S. wohnt, erzählt gern aus seinem Leben. Mit 18 Jahren kam der heute 60-Jährige von Niederösterreich in die Steiermark, seit damals ist er hiergeblieben. In Graz hat er sich zum ers­ten Mal verliebt, hier hat er vier Kinder großgezogen und viele Stunden in Wirtshäusern Karten gespielt.
An der Wand hängt die Firmenurkunde, die er zur Pensionierung bekam, und gleich daneben ein Bild von ihm und seinen Arbeitskollegen. Doch mit dem Mann auf dem Foto hat Herr W. äußerlich nur noch wenig gemein: Seit seiner Pensionierung hat der Arbeiter knapp zwanzig Kilogramm an Gewicht verloren. Wenn er zum Abendmahl zwei statt einem Stück Butterbrot isst, ist das schon ein kleiner Erfolg. Das Interesse am Leben hat er deswegen aber noch nicht verloren: Momentan schaut Herr W. gerade die Fußball-Europameisterschaft, auch Schlager-CDs hat er sich ins Zimmer mitgenommen. Zudem bekommt er häufig Besuch von seiner Familie. Eigentlich, sagt Herr W., vergeht die Zeit im Hospiz sogar ungewöhnlich schnell.

Offener und grundehrlich. Auch Frau S., die gerne mit geschlossenen Augen in ihrem Bett liegt, ist dieser Meinung. Gesprochen hat sie mit Herrn W. darüber aber noch nie. Denn obwohl es viele Sitzgelegenheiten im Gang gibt, suchen nur wenige PatientInnen den Kontakt zueinander. In den letzten Tagen ziehen sie sich eher zurück – das Leben spielt sich dann hauptsächlich in den eigenen Zimmern ab. Dabei haben sterbende Menschen viel miteinander gemein. Wie viel, zeigt das Gästebuch, das im zweiten Stock aufliegt und in dem Verwandte von ihren Erlebnissen im Hospiz berichten. Hier stehen Anekdoten aus den letzten Tagen neben Psalmen und Gedichten. Manche Angehörige haben die Seiten sogar extra mit Buntstiften verziert, während andere kleine Karten einklebten, auf denen „Danke“ steht.
Dieses Wort hört Seraphine Isak auch von den PatientInnen immer wieder, umso öfter, je weiter sich das Leben dem Ende zuneigt: „In den letzten Tagen bedanken sich Sterbende häufiger und sie lassen auch mehr Gefühle zu. Die Menschen werden dann offener und grundehrlich.”

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