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Die zweite Chance

Von: Eva Reithofer-Haidacher

Bankverbindung. Wer seine Bankschulden nicht bezahlt, bekommt kein Konto mehr. Wer kein Konto hat, findet keine Arbeit. Einen Ausweg aus der Schuldenspirale bietet die Zweite Sparkasse, ab Mitte Mai auch in Graz.

Die schwersten Jahre sind vorbei. Anna H.* hat es geschafft, sich von ihrem alkoholkranken Mann zu trennen. Sie hat drei Kinder allein großgezogen und sich mit ein paar Wochenstunden unangemeldeter Arbeit in einem Gasthaus gerade so über Wasser gehalten. Jetzt, mit 48, kann sie aufatmen: Ihr Chef will sie fix anstellen. Wie aber soll sie ihm beibringen, dass sie kein Konto hat, auf das er ihren Lohn überweisen kann? Denn es war eine fatale Fehlentscheidung,  als sie sich entschloss, für einen 35.000-Euro-Kredit ihres Mannes zu haften. Das Unternehmen, das er damit gegründet hat, ist längst Pleite gegangen, die Schulden sind geblieben. Anna H. kann nicht zahlen und steht deshalb auf der „schwarzen Liste“ des Kreditschutzverbandes. Wer dort aufscheint, gehört zu den unerwünschten BankkundInnen. Miete, Strom, Heizung, jede einzelne Rechnung muss Anna H. seither bar begleichen. Doch nicht mehr lange: Am 15. Mai eröffnet in Graz – nach Wien, Klagenfurt und Innsbruck – die vierte österreichische Filiale der Zweiten Sparkasse. Sie ermöglicht Menschen wie Anna H. einen Neustart.

Geburtstagsgeschenk. „Ohne Konto ist man aufgeschmissen“, bringt Barbara Kunzfeld-Muhr, Kommunikationschefin der Steiermärkischen Sparkasse, die Lage von geschätzten 12.000 Menschen auf den Punkt. Sie sind die Zielgruppe der Zweiten Sparkasse, deren erste Filiale auf den Tag genau zwei Jahre zuvor in Wien eröffnet wurde. Nicht zufällig, denn am 15. Mai 1825 wurde die Steiermärkische Sparkasse als „Verein für Menschenfreunde“ gegründet. Und bewusst am Geburtstag will man an den Gründungsgedanken der sozialen Verantwortung erinnern.
Die Steiermärkische Sparkasse steht heute unter dem Dach der Ersten Bank. Für die Zweite Sparkasse kamen sowohl die Initiative als auch das Startkapital in Höhe von 5,8 Millionen Euro von der Erste Stiftung. „Das Gründungskapital war notwendig, um überhaupt die Bankkonzession zu erhalten“, erklärt Gerhard Fabisch, Vorstandsvorsitzender der Steiermärkischen Sparkasse. Und ergänzt: „Die zu bekommen war gar nicht leicht, weil die Zweite ja keine Einnahmen hat.“ Die laufenden Kosten von 110.000 Euro im Jahr trage die Steiermärkische.

Immer im Plus. Tatsächlich ist der einzige – zumindest kurzfristige – Gewinn der Zweiten Sparkasse jener, Menschen zu helfen. 900 waren es im ersten Jahr in der Wiener Filiale, mit rund 100 Kunden wird in Graz gestartet. Sie werden von der Schuldnerberatung oder von der Caritas vermittelt, wenn sie glaubhaft machen können, dass sie ihre finanziellen Schwierigkeiten nachhaltig bereinigen wollen. Dann bekommen sie den Termin für ein Beratungsgespräch in der Bank, in der ausschließlich Ehrenamtliche tätig sind. Die Filiale in Graz wird an Werktagen von 17 bis 19 Uhr geöffnet sein.
50 pensionierte und etwa gleich viele aktive MitarbeiterInnen der Steiermärkischen Sparkasse haben sich in Graz bereit erklärt, drei bis vier Stunden ihrer monatlichen Freizeit für das Projekt zu opfern. Sie haben einen Dienstvertrag mit der Zweiten Sparkasse, die ein selbständiges Unternehmen mit eigenem Vorstand ist. Die KundInnen bekommen ein Konto auf Haben-Basis. Quartalsweise behält die Bank einige Euro Kaution ein, die der Kunde bei der Kontoschließung zurückerhält, wenn er nicht versucht hat zu überziehen. Behoben wird mit einer eigenen BankCard im Foyer der Steiermärkischen Sparkasse. Die Laufzeit beträgt drei Jahre, kann aber im Einzelfall verlängert werden. Dann, so die Hoffnung, haben die KundInnen wieder Halt gefunden und gehen eine reguläre Geschäftsbeziehung mit der Steiermärkischen ein.

Versichert. Zusätzlich wird den Zweite-KundInnen in Kooperation mit der Wiener Städtischen ein äußerst günstiges Versicherungspaket angeboten. Die Haftpflichtversicherung etwa kostet nur drei Euro im Monat. Diesen Basisversicherungsschutz streicht Christof Lösch, Geschäftsführer der Schuldnerberatung Steiermark, als besonders wichtig für seine KlientInnen hervor. Und die Tatsache, dass es nur einen Kontoinhaber geben kann. „Es ist sehr wichtig, Beziehungen nicht mit einem gemeinsamen Konto zu belasten“, spricht er aus Erfahrung. Immer wieder habe er auch erlebt, dass Menschen ohne eigene Bankverbindung die Kontonummer des Lebenspartners angeben, ohne selbst auf dessen Konto zugreifen zu können. Eine konfliktträchtige Situation.

Recht auf Konto? Ab Mitte Mai haben die Betroffenen eine Anlaufstelle: Annenstraße 20 ist die Adresse der Zweiten Sparkasse in Graz. Der Bezug zur Steiermärkischen Sparkasse ist nicht zu übersehen, ziert doch auch hier das zu einer Sparbüchse stilisierte S als Logo die Fassade. Eine Glasfront lässt den Blick ins durchaus geschmackvolle Innere zu: Sitzgruppen für Besprechungen, eine Kinderecke. An der Wand ein großer 2er, kein Kundenschalter, kein Bankomat. Eine Bank für Kunden zweiter Klasse? Für Christof Lösch kein abwegiger Gedanke: „Der Name macht sichtbar, was es ist.“
Die Notwendigkeit der Zweiten Sparkasse streitet er nicht ab: „Die Leute brauchen es, weil es kein Recht auf ein Konto gibt.“ Dieses fordern die österreichischen Schuldnerberatungen seit Jahren. Ein günstiges Konto für alle sozial Schwachen sollte im Rahmen des Normalbetriebes angeboten werden. Damit fiele auch das Stigma, eine Bankleitzahl angeben zu müssen, die einen als Gescheiterten ausweise. „Ein Produkt für alle Problemkunden in jeder Steiermärkischen Sparkasse wäre toll“, so Lösch. Dann kämen nicht mehr nur jene in den Genuss eines kostenfreien Kontos, die einst eine Bank geschädigt haben, sondern auch andere, die es brauchen.

Kein Negativstempel. Naturgemäß anders sieht das Vorstand Fabisch: „Man kann einem Unternehmen nicht zumuten, dass es eine Kundenbindung eingehen muss. Schließlich haben wir Aktionäre mit einem kapitalistischen Anspruch.“ Von Stigmatisierung könne keine Rede sein: In Wien habe sich herausgestellt, dass ein Konto bei der Zweiten Sparkasse sogar als Art Referenz bei der Arbeitssuche gelte. Schließlich bekommen nur ein Drittel der Zielgruppe ein Konto bei der Zweiten – jenes nämlich, das einen „erkennbaren Sanierungswillen“ zeige.
Caritas-Direktor Franz Küberl, laut Eigendefinition „Mitmotor“ des Projektes, sieht das ähnlich: „Die Zweite Sparkasse bringt eine stabilere Zukunft für einige hundert Menschen.“ Einen „Negativstempel“ für die Kund­Innen könne er nicht erkennen. Das grundsätzliche Recht auf ein Konto hält er aber für erstrebenswert: „Das wäre eine Lösung, die in Zukunft kommen soll.“ Eine entsprechende Gesetzgebung benötige allerdings eine längere Vorlaufzeit. Und Anna H. braucht ihr Konto heute schon. 

* Name geändert

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