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Kleinkaufsbummel

Von: Pia Moser

Konsum. Klein, aber fein. Viele winzige Läden der Innenstadt trotzen dem Shoppingwahn der Großen – und das meist mit Erfolg. Ein Einkaufsbummel durch das Franziskanerviertel.

Donnerstagnachmittag, die Parkplätze des Einkaufszentrums „Shopping Nord” in der Wienerstraße sind voll. Auf den unfreundlichen Betonwänden des Parkhauses erzählen bunte Plakate von den aktuellen Angeboten des Hauses. Im Einkaufspalast angekommen, macht sich Reizüberflutung breit. Massen an Einkaufswütigen ziehen hektisch vorbei. Da der neueste LCD-Fernseher im Angebot, dort eine Strickweste zum halben Preis – das Plastik­sackerl gibt’s heute gratis dazu. Das, was man auf der 23.000 Quadratmeter großen Einkaufsfläche eigentlich erwerben wollte, hat sich schon längst wieder aus dem Gedächtnis verabschiedet. Doch während hier bunte „Sale“-Schilder zum Konsumwahn auffordern, gibt es anderswo noch Plätze, wo man den Tag mit Körbchen und Einkaufsliste gelassen verbummeln kann. Man muss sie nur kennen …

Hektik? „So etwas gibt es bei uns nicht“, bestätigt Werner Raunacher, während er mit einem Geschirrhangerl behutsam den Staub von einer schwarzen Stehlaterne entfernt. Herr Raunacher ist seit 1999 stolzer Inhaber von „Werner’s Elektroladen” am Franziskanerplatz 13, wo an diesem sonnigen Vormittag das Shoppingtreiben eher ruhig ausfällt. Verständlich, denn als eines der schönsten Stückchen der Grazer Altstadt ist das Franziskanerviertel doch eher touristische Sehenswürdigkeit als Ziel einer ausgiebigen Shoppingtour. In mittelalterlichen Zeiten passierte hier ja auch deutlich mehr. Und es waren nicht zuletzt die täglich stattfindenden Hinrichtungen und Kundgebungen, die das Grazer Stadtvolk auf den Platz und in die kleinen Gassen lockten. Was viele nicht wissen: Sogar die für den Franziskanerplatz typischen Verkaufsläden bestanden als Kammern bereits im 17. Jahrhundert. Aber dort, wo früher Hafner ihre Waren zum Verkauf anboten, gibt es heute vermehrt italienische Antipasti und feine Weinspezialitäten. Die kleinen Innenstadtläden, von denen man hier vor ein paar Jahren noch mehr zählen konnte, wirken dabei eher fehl am Platz.
Doch der Schein trügt. „Natürlich lief das Geschäft früher besser, aber ich kann mich trotzdem nicht beklagen“, meint Werner Raunacher. Obwohl sich die Laufkundschaft des netten Elektroladens eher in Grenzen hält, war hier noch nie die Rede von „über Wasser halten müssen“. Was auffällt: Das Sortiment lässt wirklich nicht zu wünschen übrig. In Werners Laden findet man 150 verschiedene Taschenlampen, Ersatzteile für dieses und jenes, sowie „70 Prozent aller Glühbirnen, die es überhaupt gibt“, wie der Elektrofachmann stolz versichert. Auf den Regalen stapelt sich ein bunter Mix aus Technik-Allerlei. Von der Decke baumeln Hunderte von Beleuchtungsteilen, von der altrosa Oma-Küchenlampe bis zum modernen Scheinwerfer. Auf die Frage, ob ihm größere Konzerne nicht die Kundschaft wegnehmen, reagiert Herr Raunacher gelassen: „Ach, wegen einer Leuchtstoffröhre fährt kein Stadtbewohner eine halbe Stunde zum Mediamarkt, wenn er die auch bei uns bekommt.“ Eine Ansicht, die in dieser Gegend nicht jeder teilen kann.

Kampf dem Konsumwahn. Maria Hütter sieht müde aus. Als Besitzerin der „Fleischerei Hütter” in der Franziskanergasse verbringt sie hier den Großteil ihrer Zeit. „Das war immer schon so“, erklärt sie. Bereits als Kind hopste Frau Hütter hinter der großen Vitrine herum, die auch heute noch Auslage für die verschiedensten Fleisch- und Wurstsorten ist. Die Lammkrone liegt neben einem Becher Leber. Im Eisschrank befindet sich kiloweise Geflügel. Gar nicht im Fleischhauer-Stil findet man hier zudem frisches Gemüse, selbstgemachte Fertiggerichte und Diabetiker-Marmelade. Die Wände sind geschmückt mit bunten Preis- und Angebotsschildern, die mit Filzstift-Farbe liebevoll angefertigt wurden. Dass der bankomatische Zahlautomat das Modernste in der kleinen Fleischerei ist, stört Frau Hütter nicht. Die Fleischerin gehört nun schon zur dritten Generation, die hier Tag für Tag das Hackbeil schwingt. Was früher anders war? „Damals bestand unser Personal aus zwölf Leuten, heute sind wir nur mehr zu dritt“, seufzt sie. Im Kälbernen Viertel, wie die Franziskanergegend wegen der vielen Fleischhauer-Buden des Mittelalters auch heute noch genannt wird, ist die Fleischerei Hütter die letzte überlebende. Großkonzerne sind Frau Hütter weniger ein Dorn im Auge als die Einführung der Blauen Zone, die die Kundschaft von Anfang an „verscheucht“ habe. Doch auch wenn Supermärkte ihre Öffnungszeiten verlängern, große Einkaufszentren Tag für Tag ihr Sortiment ausweiten – Maria Hütter zieht da nicht mit. Denn die Einkaufsfreude der Stammkundschaft gibt dem kleinen Familienbetrieb wie eh und je den nötigen Halt. Und damit muss man sich hier – wohl oder übel – zufrieden geben.

Im Gschirrgschäft. Ein paar Schritte weiter. Neben dem Gastgarten des Don-Camillo, wo Business-Menschen mit großen Sonnenbrillen auf der Nase ihre Aperol-Spritzer schlürfen, hat der 20 Quadratmeter kleine Küchenladen „Kerschbaumer” seinen Verkaufsraum kurzum nach draußen erweitert. Hier gilt es jeden Zentimeter zu nutzen. „Das machen wir keinesfalls nur bei Schönwetter!“, erklärt Anna Rauterer. Die Dame im blauen Arbeitskittel ist langjährige Mitarbeiterin des „Gschirrgschäfts“, das bereits seit 1840 in dieser Art besteht. Trotz der geringen Verkaufsfläche des Ladens findet sich für jedes der originellen Küchen- und Haushaltsgeräte ein geeignetes Plätzchen. Lustige Backformen für jeden (Nicht-)Anlass, italienische Espressomaschinen in fünf verschiedenen Größen, Gläser, Zuckerdosen oder Rextöpfe von einem halben Meter Durchmesser – die Zeit zum Schmökern darf hier nicht fehlen! Der Satz „Mei, das gibt’s nur bei euch!“ ist Frau Reiterer schon des Öfteren zu Ohren gekommen. „Die Leute kaufen gerne bei uns ein, weil sie wissen, was sie hier bekommen“, erzählt die Verkäuferin.

Alte Besen kehren gut. Beim Öffnen der Tür zum Schuhmacher-Laden der Familie Pucher in der Franziskanergasse ertönt eine laute Glocke. „Ich komm schon“, ruft eine vergnügte Stimme aus dem Hinterzimmer. Brigitte Pucher ist heute für den Verkauf zuständig. Zusammen mit ihrem Mann schmeißt sie den Laden fünf Tage die Woche. „Und wir haben sehr viel zu tun“, erzählt sie. Die ungewöhnlichen Öffnungszeiten schrecken die KundInnen – die, wie vielleicht erwartet, nicht bloß zu den älteren Semestern gehören – keineswegs ab. Massen an Schuhen, Taschen, Regenschirmen und Filzpatschen füllen die altmodischen Regale des Ladens. Auch die netten „Zoggeln“, schwere Holzpantoffeln, haben ihren Platz gefunden; das Geschäft konzentriert sich aber eher auf die Reparatur von Schuhen und anderen Gegenständen. Die Preise wirken mehr als angemessen. Hinter dem Verkaufsraum befindet sich die kleine Werkstatt, wo sich Brigitte Pucher hinter der uralten Riesen-Nähmaschine ans Werk macht und vom Geschäft erzählt. „Wissen Sie, ich kann da einen Trend erkennen. Immer mehr Menschen besinnen sich wieder auf alte Unikate und Lieblingsstücke. Das ist doch eine schöne Sache, oder?“ – und wir sagen ja. Denn dass Quantität nicht gleich Qualität ist, und dass alte Dinge oft ihren Reiz haben, sind auch im Konsumzeitalter keine schlechten Überlegungen. Vielleicht sollte man sich das bei der nächsten Schnäppchenjagd im Shoppingcenter ins Gedächtnis rufen …

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