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Trash mit Moral

Von: Fritz Aigner

NOLLYWOOD. Der nigerianische Film ist abseits von staatlicher Finanzierung zur Industrie angewachsen und hat sich über den gesamten Erdball verbreitet. Viele AfrikanerInnen lieben ihre „Home Movies“. Auch in Graz.

Mach Schluss mit dem Jungen – oder ich enterbe dich.“ Mit grimmiger Miene versucht ein nigerianischer Vater, das Schicksal seiner Tochter zu bestimmen. In seiner folkloristischen Kleidung wirkt er wie ein Mann von hohem Einfluss. Dramatische Musik. Gegenschuss: Die Tochter, eingeschüchtert zur Seite blickend, bleibt stumm, kämpft mit den Tränen. Die Musik wird noch dramatischer. Schnitt. Nein, diese Szene entstammt nicht einer Endlos-Seifenoper, sondern dem Streifen „Sons of thunder“, einer typischen Nollywood-Produktion.

Boom. Seit den 1990er Jahren erlebt die nigerianische Filmindustrie einen wahren Boom. Ausgehend von Lagos haben sich Nollywood-Filme über den Kontinent verbreitet und erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum – aber auch bei der afrikanischen Diaspora rund um den gesamten Erdball sind die Filme heutzutage heiß begehrt. Mit den „African Movie Academy Awards“ wird alljährlich sogar die afrikanische Variante der amerikanischen Oscarverleihung organisiert. Glanz und Glamour inbegriffen. Auch Nollywood feiert seine Stars. „Mittlerweile ist aus Nollywood so etwas wie eine gesamtafrikanische Filmindustrie geworden“, weiß Joseph Dim. „Auch in Ghana oder Südafrika werden schon zahlreiche Filme gedreht.“ Der gebürtige Nigerianer leitet das Grazer Kunstcafe „Nil“ und ist bekennender Nollywood-Fan. „Zu Nollywood gehören ausschließlich englischsprachige Filme“, klärt Dim auf. Filme in den nigerianischen Landessprachen wie Yoruba, Ibo und Hause werden nicht dazugezählt.

Massenware. Erst die digitale Video­technologie hat den Aufstieg der nigerianischen Filmindustrie, die heute mit geschätzten 200.000 Beschäftigten nach der Ölindustrie zweitgrößter Arbeitgeber des Landes ist, möglich gemacht. Die Filmschaffenden haben sich das Handwerk autodidaktisch beigebracht. Produziert wird vorwiegend für den afrikanischen Markt, und das billig und in Massen: Die Filme werden mit Digicams meist binnen zehn bis vierzehn Tagen mit LaienschauspielerInnen gedreht, oft in den Wohnungen und Häusern der Filmcrew. Auch Schnitt und Postproduktion erfolgen im eigenen Heim am PC mit handelsüblicher Software. Die Produktionskosten bewegen sich so meist zwischen 20.000 und 50.000 US-Dollar. Zum Vergleich: Ein Hollywood-Film kostet durchschnittlich mindes­tens 100 Millionen US-Dollar. Schätzungen zufolge werden 1500 Filme pro Jahr produziert (Hollywood kommt auf gerade einmal 500 Filme jährlich), die nicht wie hierzulande zuerst ins Kino kommen, sondern direkt als Video-CD oder DVD auf den Markt geworfen werden.
Unter diesen Produktionsbedingungen und der unüberschaubaren Quantität leidet mitunter die Qualität, wie gerade westliche Filmkritiker bemängeln. „Natürlich sind die Filme oft trashig“, lacht Joseph Dim, „aber sie sind authentisch“. Filme von AfrikanerInnen für AfrikanerInnen zu produzieren sei von Anbeginn an das Kernanliegen gewesen. „Sie spiegeln afrikanisches Leben wider und erzählen Geschichten aus der eigenen Perspektive für die eigene Bevölkerung“, betont Dim. Dabei gehe es auch um eine Umdeutung afrikanischer Geschichte: „Schon die ersten Nollywood-Filme haben die Kolonialisierung neu erzählt.“

Bunter Mix. Die Themen der Filme sind dem alltäglichen Leben ihrer MacherInnen entnommen: Von Liebe und Intrigen über Religion, AIDS, Korruption und Okkultismus bis hin zu Pros­titution reicht die Palette, die in den buntesten Genre-Mixturen abgehandelt wird. „Es sind Filme über das Leben und die afrikanische Kultur in all ihren Facetten“, schwärmt Mama Lee, Besitzerin eines Afro-Salons in der Grazer Feuerbachgasse, während sie einer jugendlichen Kundin eine Haarverlängerung verpasst. „Da ist alles drin“, stimmt die junge Dame lachend ein. „Wie man heiratet, wie man ein König wird.“ Im Shop der gebürtigen Ghanesin lassen sich Nollywood-Filme auf Video-CD für einen Euro pro Tag ausleihen, für fünf Euro kann man das Stück erstehen. Wer möchte, bekommt die Frisur vom Lieblingsstar dazu. „Ich habe schon alle Frisuren gemacht: vom Naomi-Campbell-Style bis hin zu dem der Nollywood-Stars“, prahlt Mama Lee mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Die zahlreichen Filme, die sich in einem Regal im hinteren Teil des Salons stapeln, hat sie direkt von einem Händler aus Ghana bezogen. Viele AfrikanerInnen in Graz zeigen großes Interesse an den Filmen aus der alten Heimat, nun will Mama Lee allerdings alle abverkaufen. „Das Geschäft damit ist nicht mehr so gut wie noch vor ein paar Jahren“, erzählt sie. „Die Leute holen sich die Filme jetzt aus dem Internet.“

Moralisch. Auch Onasuyi Godwin vom „Bless Favour Afro-Shop“ in Eggenberg verweist auf das große Sortiment an Nollywood-Filmen im Laden, den er gemeinsam mit seiner Frau führt. Auch er bestellt keine mehr nach, zu gering sei mittlerweile die Nachfrage. „Viele Afrikaner in Graz können bereits afrikanische Fernsehsender empfangen, auf denen die Filme laufen“, stellt der gebürtige Nigerianer fest. Er selbst schätzt vor allem den religiösen Aspekt der Nollywood-Filme. „Viele Filme zeigen, dass es falsch ist, im Namen Gottes nur für den eigenen Vorteil zu handeln“, so Godwin. „Sie verdeutlichen die Allmacht Gottes und stellen einen erzieherischen Anspruch.“ Das verwundert kaum, werden die Filme doch zumindest teilweise von den Religionsgemeinschaften mitfinanziert. „Sie sind Sprachrohr für alle Religionen“, weiß auch Mama Lee. „Vom Christentum über den Islam bis hin zu Voodoo.“ Die Ghanesin legt ihrer Kundin eine weitere Haarsträhne an, diese ergänzt: „Viele Streifen handeln von starken Personen, die an sich selbst glauben.“

Bedeutend. Viel stärker noch als in der westlichen Welt haben Filme eine Bedeutung für das Leben der Bevölkerung. „Sie eröffnen den Menschen die Möglichkeit, Dinge zu lernen und zu begreifen“, betont Joseph Dim. „Damit stärken sie auch ihr Selbstbewusstsein.“
Im „Nil“ lädt der umtriebige Nigerianer gerne zum gemeinsamen Filmschauen. In gemütlicher Atmosphäre lassen sich fünf afrikanische Sender nach Nollywood-Produktionen durchforsten, auch ein DVD-Player steht bereit. „Gerne beraten wir auch dabei, wie man die Satelliten-Schüssel daheim ausrichtet, um die Programme empfangen zu können“, lächelt Dim. Momentan arbeitet er gerade daran, einen seiner Lieblingsschauspieler aus Nigeria, Marcus Osuofia, nach Graz zu lotsen. „Mit ‚African China’ hatten wir schon einen Musiker bei uns, der für Nollywood Soundtracks produziert“, erzählt er stolz. Mit seinen Aktivitäten möchte Joseph Dim das kulturelle Selbstbewusstsein in Graz gestrandeter AfrikanerInnen stärken. „Die Filme können hier viel beitragen“, ist er überzeugt. „Viel mehr noch als das: Sie fördern den Kulturaustausch, da sie auch in Europa überall zu haben sind.“ Wenn Europa sich auf Nollywood einlässt, wird es auf jeden Fall schnell feststellen, dass sich Afrikas filmische Selbstbilder stark von jenem medialen Bild Afrikas unterscheiden, das sich Europa zurechtgezimmert hat.

Nollywood-Filmabend
Freitag, 7. November, 19 Uhr, MEGAPHON-Café im Auschlössl, Friedrichgasse 36, Graz
Faszinierende Einblicke in die Filmmetropole Lagos und die nigerianische Filmindustrie gewährt der Dokumentarfilm „Peace Mission“ von Dorothee Wenner (OmU). Im Anschluss daran präsentiert Joseph Dim (Baodo/Kunstcafé Nil), Kenner des nigerianischen Films, seinen Lieblingsstreifen aus Nollywood (engl. Originalfassung).

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