STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2008/Oktober/„Wie hast du’s mit der Religion?“/
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„Wie hast du’s mit der Religion?“

Von: Joachim Hainzl

ISLAM. Im Nationalratswahlkampf beinhalteten die Wahlprogramme von FPÖ und BZÖ bereits wie selbstverständlich die kulturkampfideologische Forderung nach dem Moscheebauverbot. Wer meint, dass diese stillschweigende Duldung von Aussagen zur Aushöhlung verfassungsmäßiger Rechte keine nachhaltigen negativen Effekte zeitigt, dem empfehle ich die Diskussion mit Menschen auf der Straße oder mit SchülerInnen in steirischen Pflichtschulen.

Canan und Özge sind 22 Jahre alt, sie studieren beide erfolgreich Medizin in Graz. Sie sind österreichische Staatsbürgerinnen und sprechen den Dialekt ihrer Geburtsorte in Oberösterreich und Vorarlberg. Doch da gibt es – aus der Sicht von vielen – einen schwarzen Fleck in diesen Biografien: denn sie sind auch Musliminnen und ihre Eltern stammen aus der Türkei. Vor einigen Monaten begleitete ich Canan und Özge im Rahmen von Schulworkshops in steirische Pflichtschulen. Dabei zeigte sich, dass das Wissen über den Islam reduziert ist auf Kopftuch und Minarett. Immer wieder kamen Aussagen, dass es in der Türkei auch nicht erlaubt sei, Kirchen zu bauen und dass man dort geköpft werde. Warum also sollte man dann Moslems in Österreich ihre Religion erlauben?

Muslim ist gleich Migrant. Obwohl der Islam bereits seit fast 100 Jahren in Österreich als Religionsgemeinschaft anerkannt ist und sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet nicht „exotischer“ ist als das des Judentums oder Christentums, wurde von den SchülerInnen die Gleichung aufgestellt, dass jemand, der muslimischen Glaubens ist, AusländerIn sein müsse. Jene in fast jeder Klasse vorhandenen SchülerInnen, die vehement gegen Muslime auftraten, verlangten, dass die Muslime dorthin ins Ausland zurückkehren sollten, wo sie hergekommen seien. Da sitzt man dann in einer Klasse mit Canan und Özge, die beide schon viel länger in Österreich sind als diese Schüler­Innen. Wo sollen diese beiden waschechten Österreicherinnen hingehen? Es scheint, dass ihnen, den „Menschen mit Migrationshintergrund“, das „echte“ ÖsterreicherInnensein und die „wirklich“ gelungene Integration erst dann abgenommen werden, wenn sie ihre Religion, den Islam, aufgegeben haben.
Der in der Steiermark weit verbreitete Eindruck, dass es keinen österreichischen Islam gibt, wird wohl bleiben, solange sich steirische Moslems nur in unscheinbaren Gebetsräumen treffen können und es kein sichtbares Gotteshaus gibt. Vielleicht sollte man bis dahin die Möglichkeit nutzen, dass Schulklassen beim Wienausflug die bereits seit 1979 bestehende Wiener Moschee mit dem 32 Meter hohen Minarett besuchen.

Tauschpfand für Kirchenbauten. Vor rund zwei Jahren begann das BZÖ in Kärnten seine Kampagne gegen Muslime mit der Forderung nach einem Bauverbot für Moscheen. Anstatt dieser Forderung, die die allen anerkannten Religionen in Österreich zugesicherte Religionsfreiheit beschneidet, entschieden entgegenzutreten, begann eine bundesweite Diskussion, die sogar einzelne VertreterInnen der ÖVP und der katholischen Kirche erfasste. Plötzlich reduzierte sich das garantierte Verfassungsrecht in Österreich in vielen Aussagen auf ein Tauschpfand für die Forderung nach der Erlaubnis christlicher Kirchenbauten in islamischen Ländern. Und die unbestreitbare Existenz einzelner IslamistInnen sollte plötzlich genügen, um allen Moslems ihr garantiertes Recht auf eine uneingeschränkte Religionsausübung zu beschneiden.
Im letzten Grazer Gemeinderatswahlkampf plakatierte die studierte Juristin und Spitzenkandidatin der FPÖ, Susanne Winter, in Graz ohne Probleme schamlos in der Öffentlichkeit ihre Forderung nach einem Moscheebauverbot. Was soll man sich da anderes denken, als dass - nachdem dies ungestraft geschehen durfte – so eine Forderung wohl rechtmäßig sei?

Ortsbildschutz und Kulturkampf. Ausgehend von den Erfahrungen mit Canan und Özge habe ich in den letzten Monaten steiermarkweit weitere Schulworkshops durchgeführt. Dabei habe ich in den Klassen geheime Abstimmungen organisiert zur Frage, ob in der Gemeinde ein Moscheenbau erlaubt sein solle oder nicht. Die Ergebnisse sind erschreckend: Die Ablehnung  eines Moscheenbaues reichte von 40 bis 100 Prozent. Die in der folgenden Diskussion vorgebrachten Argumente waren ein Spiegelbild jener üblichen Vorurteile, die sich auf den LeserInnenbriefseiten der größten Tageszeitung und den Wahlprogrammen rechter Parteien finden. Plötzlich mutierten 14-jährige SchülerInnen zu OrtsbildschützerInnen und KulturkämpferInnen.
Nicht nur die teilweise sehr hohe Quantität der Ablehnung ist erschreckend, sondern auch die damit verbundene Emotionalität. Alleine die Formulierung der Frage „Soll es in unserer Gemeinde eine Moschee geben?“ sorgte bereits für lautes Murren. In einer Klasse, in der vier Schüler­Innen geheim für die Möglichkeit eines Moscheebaus gestimmt hatten, wurde gleich eine Diskussion gestartet, wer denn diese vier „AbweichlerInnen“ sein könnten.

Dringender Handlungsbedarf. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es sind dies Erfahrungen aus „nur“ rund 20 Pflichtschulklassen in der Steiermark. Die Vorurteile der SchülerInnen sind zum Großteil noch nicht gefestigt und haben sich bis zum Ende des Workshops nach einem Informationsinput und dem Einsatz sensibilisierender Methoden auch großteils gewandelt. Dennoch ist festzustellen, dass die Öffentlichkeit und die Politik dringenden Handlungsbedarf haben, klar und deutlich gegen die grassierende und äußerst ansteckende Islamophobie vorzugehen. Das bedeutet nicht nur Sensibilisierungsworkshops für SchülerInnen und das Kennenlernen des gelebten Islam und seiner Gläubigen in der Steiermark, sondern auch Weiterbildungsmaßnahmen  für LehrerInnen. Wenn es auch nur zweimal vorgekommen ist: Dass LehrerInnen den SchülerInnen während meiner Workshops mit islamophoben Argumentationen „zu Hilfe“ kommen, ist gelinde gesagt nicht hilfreich beim Abbau von Vorurteilen.

Die Gretchenfrage. Aktuell befinden wir uns in der Frage nach dem Respekt für den Islam in Österreich in etwa auf dem Stand des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Denn statt Gleichstellung ist höchstens von Toleranz die Rede. So wie ab 1781 das Toleranzpatent den ProtestantInnen den Bau von Gebetshäusern nur dann erlaubte, wenn sie ja nicht nach außen hin als solche erschienen und das sichtbare Monopol des katholischen Glaubens beschränkten.
Auch sonst scheint sich in den vergangenen 200 Jahren in unseren Einstellungen leider nicht viel getan zu haben. Im 1808 erschienenen Faust von Johann Wolfgang von Goethe stellt Gretchen die alles entscheidende Frage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Die Religion, egal wie sehr sie nun tatsächlich von den Menschen gelebt wird, scheint für viele immer noch oder schon wieder ein entscheidendes Kriterium bei der Bewertung und Wertschätzung von Menschen zu sein. Denn noch viel eindeutiger als die Ablehnung eines Moscheebaues wurde von den Jugendlichen in den Workshops die Frage beantwortet, ob sich die SchülerInnen eine Liebesbeziehung mit einem Moslem/einer Muslimin vorstellen können. Wenn man die Frage nach interreligiösen Liebesbeziehungen Jugendlichen muslimischen Glaubens stellt, ist das Ergebnis übrigens ähnlich.

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