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Ernüchternde Bilanz - Im Aloisianum weg vom Alkohol

Von: Eva Reithofer-Haidacher

ALOISIANUM. Raus aus der Alkoholsucht: Warum Beziehungen wichtiger sind als die ­Therapiemethode und was die Volksdroge Nummer eins mit Revolutionen zu tun hat.
Text: Eva Reithofer-Haidacher, Fotos: Christopher Mavric

Er hat es geschafft. Stolz sitzt Heinrich Reinisch im Korbstuhl, die Arme um die hohe Lehne gelegt, und erzählt aus seinem Leben. Im Hintergrund ein Garten mit allem, was dazugehört: ein Holzblockhäuschen, zwei Pavillons, geschmückt mit Pelargonien, Schwimmbad, Trampolin, und hinter dem gepflegten Gemüsebeet leuchten sattgelbe Sonnenblumen. Es ist nicht sein Haus und nicht sein Garten, aber das tut nichts zur Sache. Heinrich Reinisch hat es geschafft: seit 15 Monaten keinen Tropfen Alkohol angerührt, die Pension erreicht, den Führerschein zurück und eine Gemeindewohnung bekommen. Eine stolze Bilanz nach Jahrzehnten der Alkoholabhängigkeit, nach gescheiterten Partnerschaften, verlorenen Arbeitsplätzen, Schulden, Einsamkeit und Depression. Seit er trocken ist, hat der Grazer auch wieder Kontakt zu seiner 28-jährigen Tochter. „Das ist jetzt super“, sagt er. „Alleinsein ist nichts für mich.“

Schutzzone und Lernfeld. Mit 17 anderen Menschen, die vom Alkohol loskommen wollen, bewohnt Heinrich Reinisch seit mehr als einem Jahr das Aloisianum, eine Therapieeinrichtung der Caritas in der Grazer Herrgottwiesgasse. Die ehemalige Notschlafstelle hat sich zu einer erstaunlichen Oase in der verkehrsreichen Gegend zwischen Griesplatz und Schönaugürtel gemausert: Vollkommen saniert, sind auf zwei Ebenen geräumige Einzelzimmer, mehrere geschmackvoll eingerichtete Aufenthaltsräume, Wirtschaftsräume, Werkstätten und Büros untergebracht. „Die Menschen sollen in einem wunderschönen Umfeld Wertschätzung bekommen“, erklärt Leiterin Petra Schulz. Diese wissen es zu würdigen: „Das Haus ist super, es tut meiner Psyche gut“, sagt Heinrich Reinisch.
Wie wichtig das ist, weiß auch Bernhard Krajnc, der als Psychotherapeut in der Einrichtung arbeitet. Das Haus solle als Schutzzone und soziales Lernfeld dienen, hier gehe es vor allem um das Trainieren von Eigenverantwortung: „Wer beispielsweise seine Wut im Alkohol ertränkt, könnte lernen, seinen Ärger konstruktiv einzusetzen.“ Mit den Emotionen anders umzugehen, neue Mus­ter zu entwickeln und eigene Ressourcen zu entdecken seien das Um und Auf. Die Wege dahin sind unterschiedlich. In Einzel- und Gruppentherapien wird mit integrativen Methoden gearbeitet. Das Angebot reicht von Kreativ- und Freizeitgruppen über soziales Kompetenztraining bis hin zu Arbeiten in Haus und Garten. „Die Beziehung ist viel wesentlicher als die Methode“, erklärt Bernhard Krajnc, der auf individuelle Lösungen setzt, die mit den Betroffenen in Betreuungs- und Therapiegesprächen erarbeitet werden. Er hält es mit dem amerikanischen Psychiater Milton Erickson: „Zu viele Therapeuten gehen mit einem zum Essen aus und sagen dann, was man bestellen soll. Ich sage: ‚Bestellen Sie selbst!’“

Tröster und Problemlöser. Offenheit und Eigenverantwortung prägen das Klima im Aloisianum. Doch wer rückfällig wird, muss mit Sanktionen rechnen. Zweimal tägliche Alkoholkontrolle und die Verpflichtung, das Wochenende in der Einrichtung zu verbringen, hat Sieglinde Schriebl ihr wiederholter Griff zur Flasche gebracht. „Die Konsequenzen muss man tragen für das, was man vermasselt hat“, sagt die gelernte Schneiderin selbstkritisch. Besonders wichtig sind ihr die Einzeltherapiestunden: „Ich habe viele familiäre Probleme aufzuarbeiten.“ Wie Heinrich Reinisch stammt die Weststeirerin aus einer Familie, in der der Alkohol als Problemlöser Tradition hat. Auch sie leidet unter Depressionen. Seit zehn Jahren versucht sie, diese in den Griff zu bekommen. Ihren Arbeitsplatz im Möbelhandel hat sie verloren, die zwölfjährige Tochter ist auf einem Pflegeplatz untergebracht. Geplant war, nach der Therapie gemeinsam in eine Gemeindewohnung zu ziehen. Der Schock war groß, als das Jugendamt den Aufenthalt des Mädchens in der Pflegefamilie um zwei Jahre verlängert hat, der Rückfall der Mutter vorprogrammiert: „Alkohol ist ein Trost, da kann ich abschalten.“ Die Hoffnung, den Promillen endgültig abzuschwören, hat sie nicht aufgegeben. Kürzlich wurde ihr Aufenthalt im Aloisianum auf die maximale Dauer von 18 Monaten verlängert.

Die Notbremse ziehen. Alkoholismus ist keine Charakter- oder Willensschwäche, sondern eine chronische Erkrankung. Sieglinde Schriebl ist seit drei Jahren in Invaliditätspension und hatte Glück: Sie ist noch vor der Novellierung des Behindertengesetzes hergekommen, seit der PensionistInnen in voll stationären Einrichtungen bis zu 80 Prozent der Kos­ten zurückzahlen müssen. „Fatal“, meint Petra Schulz dazu. „Eine Frau im Aloisianum hat jetzt nur mehr 70 Euro im Monat zur Verfügung. Für sie stellt sich die Frage, ob sie weitermachen kann.“  Viele Alkoholabhängige haben Schulden, versuchen, diese gemeinsam mit SozialarbeiterInnen in den Griff zu bekommen – „und gehen mit mehr Schulden hinaus als herein“, meint die Sozial- und Berufspädagogin. Noch eine Kürzung tut weh. „Früher hat es über eine Stiftung ein Nachbetreuungsangebot gegeben, damit Leute in Krisen wieder herkommen können“, erzählt Petra Schulz. Damit sei es jetzt vorbei und somit auch mit der Chance, „wieder rechtzeitig die Notbremse zu ziehen, damit es nicht mehr so tief runter geht“.

Leben vom Alkohol. „Eine gut funktionierende Nachbetreuung ist ganz, ganz wichtig“, meint auch Joachim Berthold, Leiter der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen der Landesnervenklinik Sigmund Freud (LSF). Dafür sollten bestehende Einrichtungen genutzt werden.
Die Zusammenarbeit zwischen Aloisianum und LSF ist eng: Die BewohnerInnen müssen einen ein- bis achtwöchigen körperlichen Entzug in der Klinik machen, bevor sie sich überhaupt für einen Aufenthalt in der Therapieeinrichtung bewerben können. Primar Berthold schätzt das Aloisianum, an dessen Konzeption er selbst mitgearbeitet hat: „Menschen mit weniger Ressourcen brauchen mehr Zeit, um Boden unter die Füße zu bekommen.“
Aus seiner Erfahrung weiß der Psychiater: Einem Drittel der Alkoholabhängigen gelingt eine nachhaltige Veränderung, ein Drittel schafft es mit Hochs und Tiefs, ein Drittel kommt nicht heraus. Der Alkohol spiele in unserer Kultur eine große Rolle, das gesamtgesellschaftliche Bemühen, ihn zu bekämpfen, sei enden wollend: „Sehr, sehr viele Menschen leben gut davon, dass es Alkohol gibt.“ Neben den Gasthäusern etwa die Krankenhäuser: 32 Prozent der PatientInnen auf Interne-Stationen sind Opfer von Alkoholfolgen. Auch der Finanzminis­ter kann auf die Einnahmen aus diesem Bereich schwer verzichten, denn zwei Milliarden Euro aus  alkoholbezogenen Steuern gehen jährlich an ihn. Die beruhigende Wirkung des Alkohols, meint Joachim Berthold, habe auch politische Folgen: „Ohne Alkohol hätten wir schon fünf Revolutionen in Österreich gehabt.“  Sein ernüchterndes Fazit: „Jedes System versucht, an der Macht zu bleiben. Es zu ändern ist fast unmöglich.“

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