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Unterm Strich

Von: Christian Maier

PROSTITUTION. Frau O. schläft gegen Bezahlung mit Männern. Obwohl sie dies freiwillig tut, hat sie keine Chance auf einen Arbeitsvertrag und darf ihren Lohn nicht einklagen. Wie es ist, Prostituierte in Österreich zu sein.

Sie sitzt in schwarzer Unterwäsche auf ihrem roten Bett und wartet. Hinter dem Bett liegen Peitschen, Fesseln und Masken, neben dem Bett hängt ein großer Spiegel, davor ist die Tür.
Klopft es, öffnet sie lächelnd, fragt den Freier, was er wünscht, und kassiert ihren Lohn. Einem höflichen Kunden schenkt sie am Ende vielleicht ein paar Minuten extra, plaudert noch mit ihm, fragt, wie es so läuft bei der Arbeit. Einem ganz derben Kerl zeigt sie am Anfang schon die Grenzen: „Hey, schalt mal einen Gang runter!“, faucht dann die ansonsten sanfte und charmante Dame.
Frau O. hat gelernt, sich gegen die Männer durchzusetz­en, aber auch, sie zu verwöhnen. Viele erinnern sich nach dem ersten Mal gern an die Begegnung mit ihr, besuchen sie wieder im Laufhaus, zahlen auch mal die ganze Stunde zu 150 Euro. Solch treue Kunden zu gewinnen, ist Frau O. wichtig: Schließlich sorgen diese für ein gesichertes Einkommen – und die Miete für ein Laufhaus-Zimmer in Graz beträgt wöchentlich bis zu 500 Euro. Wie steht sie zu ihrem Job? „Naja, genießen tue ich den Beruf nicht gerade, außer vielleicht ganz, ganz selten, wenn mal ein besonders attraktiver Mann kommt. Aber das Gefühl, dass ich mich für Geld vergewaltigen lasse, das habe ich gar nicht. Meistens schalte ich ab und mache mein Programm.“

Die Polizei beruhigt. Frau O. ist eine von rund 300 aktiven Prostituierten in Graz. Wie fast alle Frauen ihres Berufs lässt sie sich wöchentlich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen. Sie arbeitet freiwillig, einen Arbeitsvertrag darf sie dennoch nicht abschließen, ihr Laufhausbetreiber würde sich damit sogar strafbar machen. Und sollte ein Freier sie jemals um ihren Lohn prellen, hat Frau O. keine Möglichkeit, diesen einzuklagen. Denn in Österreich gilt Prostitution als sittenwidrig, der Beruf stellt keine anerkannte Tätigkeit dar. Dabei hat ihr Milieu kaum mehr etwas mit jenem Milieu, das man aus Filmen kennt, gemein. Übersichtlich sei es in Graz, sagt Karl Strohmeier, Chef der Grazer Kripo für Prostitution und Menschenhandel. Das liege auch daran, dass die Steiermark zu jenen sechs Bundesländern zählt, in denen Bordelle und Laufhäuser erlaubt sind. Als der Rotlicht-Polizist vor zwölf Jahren die Bordelle in der Stadt zu kontrollieren begann, veränderte sich gerade die Szene. Prostituierte aus Tschechien und Ungarn nutzten die offenen Grenzen und verdrängten mit billigen Angeboten die österreichischen Frauen. Diese zogen weiter in den Süden, fuhren nach Spanien oder Italien, dorthin, wo der Straßenstrich boomte. Im Jahr 1996 eröffnete auch das erste Laufhaus in Graz. Es bot Frauen, die nicht in einer Bar arbeiten wollten, einen Ausweg aus der illegalen und gefährlichen Wohnungsprostitution.  

Das Leben im Laufhaus. Auch Frau O. arbeitet im Laufhaus und das bietet ihr zwei Vorteile: Erstens muss sie nicht mit den Freiern trinken, da es dort nur Zimmer, aber keinen Barbetrieb gibt, und zweitens ist sie ihre eigene Chefin, kann bestimmen, wann sie kommt, was sie anbietet und natürlich auch, mit wem sie nicht schläft. Der Betreiber verlangt nur, dass die Miete pünktlich überwiesen und der Stundenlohn nicht unterschritten wird, denn das ruiniert den anderen Damen das Geschäft.
So kommt Frau O. meist am frühen Nachmittag und geht, nachdem zumindest fünf Freier sie besucht haben. Sie nimmt sich jede Woche ein, zwei Tage Auszeit, schaut dann, dass sie sich erholt. Auch Zuhälter hat sie keinen. Wozu auch? Den Mietvertrag kann sie allein unterschreiben und gegen besonders zudringliche Gäste gibt es in ihrem Zimmer eine Klingel. Frau O. sagt: „Prostitution ist für mich besser, als arbeitslos zu sein. Im Endeffekt sehe ich es als Arbeit wie jede andere.“

Warten am Gesundheitsamt. Doch nicht in jedem österreichischen Bundesland kann sie ihrer Arbeit legal nachgehen. Da der Staat den Bundesländern bei der Gesetzgebung freie Hand lässt, entstanden neun unterschiedliche Regelungen. Streetworkerin Petra Gugler vom Frauenservice Graz kritisiert das, sie wünscht sich ein Gesetz, das die Rechte der Frauen einheitlich regelt:  „Der Staat sollte Sex­arbeit von Straftatbeständen wie Menschenhandel oder Kinderprostitution trennen und sie nach deutschem Vorbild als Tätigkeit anerkennen. Das würde die Frauen vor Ausbeutung schützen.“    
Auch am Grazer Gesundheitsamt, wo die Prostituierten wöchentlich untersucht werden, zeigt sich die Problematik der unterschiedlichen Gesetzgebung. Einmal musste die dortige Sozialarbeiterin Barbara Kleinhappl etwa ein Mädchen aus Oberösterreich wieder heimschicken. Die Betroffene war genau 18 Jahre alt, damit durfte sie in Linz legal als Prostituierte arbeiten, nicht aber in Graz. Wenn Frau O. das kleine Wartezimmer betritt, trifft sie dort fast ausschließlich Frauen aus dem Osten. Vor allem aus Ungarn, Rumänien und Bulgarien kommen sie, viele von ihnen haben eine abgeschlossene Ausbildung oder vor ein paar Jahren noch studiert. Manche gehen müde und betrunken von der Arbeit zur Untersuchung, andere sind stets korrekt gekleidet, auf der Straße würde sie niemand erkennen. Sozialarbeiterin Barbara Kleinhappl hat für alle Frauen dieselben Ratschläge: Sie sollen auf keinen Fall auf das Kondom verzichten, auch wenn die Freier dann bereit sind, mehr zu zahlen. Sie sollen hier in Österreich eine Krankenversicherung abschließen. Und sie sollen sich einen Plan für die Zeit nach der Prostitution machen, vielleicht auch etwas Geld sparen.

Probleme nach dem Ausstieg. Denn nach dem Ausstieg sind viele Frauen pleite. Haben sie nichts zurückgelegt und gefällt ihnen der neue Job als Putzfrau oder Kellnerin nicht, gleiten sie häufig wieder in die Prostitution ab. Um vorzusorgen, hat Frau O. deshalb zwei Lebensversicherungen abgeschlossen. Plant sie aufzuhören? Nein, nach einem Ausstieg würden ihr das selbstständige Arbeiten und die Aufmerksamkeit der Männer fehlen, sicher auch das viele Geld. Manchmal denke sie dennoch daran, ein Café aufzumachen. Es wäre dann ein anderes, vermutlich einfacheres Leben. Frau O. müsste den Vermieter nicht mehr belügen, wenn sie eine neue Wohnung sucht. Sie könnte ihre Schwester beruhigen, die Angst hat, dass ihre Gefühle durch den Beruf abstumpfen. Auch hätte sie mehr Zeit für Freundschaften außerhalb des Milieus. Innerhalb der Szene gebe es diese nämlich nur selten, da sich die Frauen häufig als Rivalinnen sehen würden.
Und noch etwas wäre einfacher: eine Beziehung zu führen. Weil die Partner in der Regel eifersüchtig sind und die Frauen nicht auf ihr gutes Einkommen verzichten wollen, gehen Liebesbeziehungen regelmäßig in die Brüche. Polizist Strohmeier erzählt zwar von Paaren mit vertauschten Rollen: Während der Vernehmung rufe dann etwa der Mann an und frage, wann die Frau nach Hause komme, er habe schließlich gekocht. Aber Frau O. macht sich keine Illusionen: „Beziehungen sind und bleiben für uns schwierig.“

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