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Den Hunger stillen

Von: Birgit Schweiger

LEBENSMITTEL KUNST. Vielen Menschen, die sich Theaterabende, Museums- oder Konzertbesuche nicht leisten können, fehlt ein Stück Lebensqualität. Der „Kulturpass“ gibt es ihnen zurück.

Ich halte Kultur für lebensnotwendig. Es darf einfach nicht sein, dass Menschen in ein bestimmtes Bildungs- und Kulturverhalten hineingeboren werden und finanzielle Grenzen das kulturelle Leben stark einschränken“, stellt Isabella Holzmann klar. Tatsächlich aber befinden sich immer mehr Menschen aus unterschiedlichen Gründen in finanziellen Zwangslagen – in denen nach Abzug von Miete und Essen kaum noch Geld für Konzerte oder Museumsbesuche übrig bleibt. Weil damit oft gesellschaftliche Isolation und fehlende Lebensfreude einhergehen, hat Holzmann vor mehr als drei Jahren die Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“ in der Steiermark ins Leben gerufen. Mit dem sogenannten „Kulturpass“ haben seither Menschen, die es sich sonst nicht leisten könnten, kostenlosen Zugang zu zahlreichen Veranstaltungen und Ausstellungen. Etwa 7000 KulturpassbesitzerInnen nutzen steiermarkweit momentan die Möglichkeit, ihren Hunger auf Kunst und Kultur zu stillen.

Verschobene Wertigkeiten. Eine von ihnen ist Anna Lagger. Seit Jahren interessiert sich die junge Frau für Theater und besonders für Tanz, vor allem in der freien Szene, „mit Stehplätzen und Studierendentarifen bin ich gut über die Runden gekommen“ – bis sie das Studium abgeschlossen hatte. „Ohne Ermäßigungen waren die Karten plötzlich unleistbar, außerdem haben viele Spielorte ihre Preise sowieso erhöht. Die Wertigkeiten müssen sich dann verschieben.“ Eine Erfahrung, die ein Grazer Filmemacher, der anonym bleiben will, teilt – wenn auch in umgekehrter Weise: Nach einem langen Berufsleben in Deutschland wieder zurück in Österreich, fand sich der inzwischen 65-Jährige mit einer „Mini-Pension“ wieder, die nur das Notwendigste abdeckt. „Da überlegt man es sich schon, was man sich anschauen kann und ob es sich wirklich lohnt.“
Aber gerade auch – in der Regel kostspielige – Opernbesuche oder Führungen durch Museen sollen für Menschen in prekären Situationen möglich sein, ist Isabella Holzmann von „Hunger auf Kunst und Kultur“ überzeugt. Seit der Einführung des Kulturpasses arbeitet sie deshalb daran, das Netzwerk der teilnehmenden KulturveranstalterInnen auszuweiten. Inzwischen sind es mehr als 90 Institutionen, die mit dem Kulturpass kos­tenlos besucht werden können: von den großen Grazer Spielhäusern über die Museen des Joanneums bis hin zu zahlreichen freien Spielstätten und zu Festivals wie La Strada und dem steirischen herbst. Finanziert werden die Kulturpass-Karten von den VeranstalterInnen selbst bzw. von SpenderInnen und Sponsor­Innen. Groß ist inzwischen nicht nur die Auswahl der Häuser, die besucht werden können, sondern auch die Anzahl der Stellen, die über den Pass informieren und ihn ausgeben: An mehr als 80 karitative und soziale Organisationen, darunter das MEGAPHON, können sich Interessierte wenden und nach einem Gespräch und mit einem Lichtbildausweis ihren Pass entgegennehmen – unbürokratisch und ohne Formulare.
Informiert und vernetzt. „Eine­ gute Sache, denn sich offen als bedürftig ausweisen müssen, ist wohl für niemanden so einfach“, sagt der Grazer Filmemacher. Während er sich via Tageszeitungen und FreundInnen über das aktuelle Kulturgeschehen informiert und am liebsten spontan Veranstaltungen für sich aussucht, ist der Großteil der Kulturpassbesitzer­Innen nicht so flexibel. „Es braucht oft sehr lang, bis sich neue Kooperationen herumsprechen“, bedauert Isabella Holzmann. Über Newsletter, Postsendungen und soziale Organisationen versucht sie, das Zielpublikum zu erreichen – „das ganze Projekt ist im Grunde eine Kommunikations-WM“.
Diese Herausforderung angenommen hat auch das Psychosoziale Zentrum (PSZ) Graz-Ost in der Plüddemanngasse, das einmal pro Monat zum offenen „Kulturpasscafé“ lädt. Informieren und vernetzen heißt hier wiederum die Devise: Die beiden Café-Betreiberinnen erklären die Inhalte unterschiedlichster Veranstaltungen auf ansprechende Weise, bieten Hilfestellung bei Auswahl und Reservierung, organisieren Ausflüge und unterstützen Verabredungen. „Viele Menschen haben niemanden, mit dem sie Veranstaltungen besuchen könnten, gehen aber alleine nur sehr ungern wo hin“, sagt Elke Pieber, Leiterin des Kulturpasscafés. Das ist umso dramatischer bei Menschen mit psychischen Problemen, die auf Belastungen häufig mit Rückzug reagieren. „Das Interesse an Kunst und Kultur ist aber meist da, und es kann das Selbstbewusstsein unglaublich stärken, sich wieder mal schönzumachen und in die Oper zu gehen“, weiß Pieber. Eine der PSZ-Klientinnen etwa, seit Mai Passbesit­zerin, liebt es, zusammen mit ihrer erwachsenen Tochter durch die Grazer Museen zu ziehen – „und wir werden unseren Raum noch ausdehnen! Die Oper oder ein Theater haben wir noch nicht besucht, ich war vor Ewigkeiten das letzte Mal dort. Das kommt jetzt aber wieder“, erklärt die 51-Jährige.

Mangelware Kinofilm. Eine Lücke­ ist augenscheinlich im umfangreichen Kulturangebot: Kein einziges steiri­sches Kino kann bisher mit dem Kulturpass besucht werden. Nur im Rahmen der Diagonale können PassbesitzerInnen ihren Filmhunger stillen – ein Wermutstropfen nicht nur für den Grazer Filmregisseur. „Es gab schon Vorgespräche mit verschiedenen Kinos, aber es wird leider sehr schwierig“, sagt Isabella Holzmann. Wegen des großen Interesses könne man davon ausgehen, dass der Andrang sehr groß wäre, was dann schwierig zu finanzieren sei. Eine eventuelle Lösung sieht Holzmann in speziellen Aktionen, etwa Nachmittagsvorstellungen eigens für KulturpassbesitzerInnen: „Wir werden weiter verhandeln.“
Genug zu sehen und zu unternehmen gibt es dennoch, es muss sich ja nicht immer um das kulturelle Steckenpferd handeln. „Am liebsten besuche ich Tanzveranstaltungen, etwa im Tanz- und Theaterzentrum, weil ich davon für mein eigenes Leben am meisten mitnehmen kann“, erklärt Anna Lagger. Eine gewisse Offenheit für Neues, für neue Sichtweisen und neue Inputs hält sie jedoch für äußerst wertvoll: „Wenn ich mir ein abstraktes Theaterstück anschaue, kann ich einen neuen Zugang zu den Dingen gewinnen, meinen Horizont erweitern. Und ich lerne viel über die moderne Gesellschaft, auch wenn ich zuvor noch nie so ein Stück gesehen habe.“ Unbefangenes, lustvolles Ausprobieren empfiehlt sie den PassbesitzerInnen. „Es ist ein unglaublicher Vorteil, wenn man nicht darüber nachdenken muss, ob sich eine Veranstaltung wirklich ‚auszahlt’ oder nicht“, sagt die quirlige Frau und lacht, als sie anfügt: „Weil manchmal kann man natürlich schon einfahren.“

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
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