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Vielfalt am Catwalk

Von: Gerhard Löffler

Multikultimodels. Aus der Ferne nach Österreich gekommen – und am Laufsteg gelandet. Models mit Migrationshintergrund in Nahaufnahme.

Amela Zecevic´ist groß, blond, fast fertige Bauingenieurin und seit zwei Wochen Mutter einer kleinen Tochter und Muslimin. Sie isst kein Schweinefleisch, trinkt keinen Alkohol, betet täglich zu Allah. Nicht gerade die typischen Merkmale eines Models, aber gerade das ist typisch für Amela, gefragtes Fotomodel in Graz, eines, das Hungerkuren keine Chance gibt: „Dafür esse ich zu gerne Cevapcici, das ist unser Nationalgericht.“ Amela stammt ursprünglich aus Bijeljina im Nordosten Bosniens. 1992 floh sie mit ihrer Familie vor den Schrecken des Bürgerkrieges nach Österreich. Erste Station war das Flüchtlingslager Traiskirchen, dann wurde man bei einer Familie privat untergebracht. Amela war damals 16 und ging gern in die Disco. In der „Nachtschicht“ im Norden von Graz wurde sie dann auch angesprochen, ob sie nicht Lust hätte, als Model zu arbeiten. Amela Zecevic´ hatte Lust und sie hatte Erfolg. Sie kam bei der renommierten Modelagentur Art & Fashion Team unter, für die sie auch noch heute am Laufsteg steht. Ihre Wege führten Amela zu Modeschauen in ganz Österreich, in der Schweiz und in Italien. „Meinem Papa war das anfangs gar nicht recht“, meint sie. „Ich habe lange keine Bikinifotos gemacht.“ Die Vorbehalte gegen diesen Job vonseiten der Familie hatten nicht nur kulturelle, sondern auch ganz pragmatische Gründe. „Mein Mann wollte, dass sie ein Studium macht“, erklärt Amelas Mutter. Amela Zecevic´ hat es offensichtlich gut geschafft, beides unter einen Hut zu bringen: Neben dem Modeln schreibt sie derzeit  an ihrer Diplomarbeit. Für sie selbst sind ihr Glaube und ihr Beruf kein Widerspruch. „Nirgends im Koran steht, dass Frauen verschleiert sein müssen“, ist sie überzeugt.

Allgemeines und Besonderes. Für Models mit anderer Hautfarbe oder anderer Herkunft ist die Situation in Graz nicht ganz einfach. „Die Typen, die in der Werbung gefragt sind, repräsentieren die Allgemeinheit und sprechen die breite Masse an“, meint der Chef der Agentur Art & Fashion Team Sascha Penkoff. In Graz ist der Bedarf an Models mit einem internationalen Erscheinungsbild nicht besonders hoch. „Natürlich braucht man auch immer wieder Models, die den Stereotypen kklassisch-asiatisch’ oder ksüdländisch’ entsprechen, aber eher nur, wenn man multikulturelle Aktivitäten bewirbt.“ Einem solchen Klischeebild entspricht wohl auch Godwin Morovics. Vor acht Jahren verließ er seine Heimat Nigeria auf der Suche nach einem friedlicheren Leben mit Perspektiven. In Österreich hoffte er, das zu finden. Erste Erfahrungen im Model-Business sammelte Godwin bereits in seiner Heimat Nigeria, wo er einige Shootings für Kleiderfirmen hatte. Angekommen in Österreich fand er sich aber nicht auf dem Laufsteg wieder, sondern  auf dem Grazer Straßenpflaster. Beim Verkaufen des MEGAPHON wurde er von einer Mitarbeiterin der Werbe- und Eventagentur artevent angesprochen, die ein Model mit dunkler Hautfarbe für ein Shooting suchte. Einige Aufträge, unter anderem bei der Eröffnungsshow eines Grazer Lifestyle-Magazins und ein Special-Shooting für Dresscode 21 folgten. Noch muss Godwin Morovics aber täglich um zwei Uhr morgens aufstehen, um sich mit dem Zustellen von Zeitungen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nach wie vor arbeitet er als MEGAPHON-Verkäufer an seinem Stammplatz beim Interspar in der Wienerstraße in Graz. Dabei schätzen viele KundInnen seine freundliche, offene Art und manche erkennen ihn auch als Model wieder. Das macht ihn stolz und motiviert ihn, hart weiterzuarbeiten, um seinem Traum, ein Topmodel zu werden, rasch näher zu kommen. „Ich liebe Modeschauen. Die Scheinwerfer beim Posing auf der Haut zu spüren und das Gefühl, einfach mitten im Hot-Spot zu stehen, ist großartig.“ Die Konkurrenz an farbigen Models in Österreich ist gering, und Godwins Engagement, mit dem Modeln einmal seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, ist groß. „Man muss jeden Tag lernen“, sagt er. Wann immer er die Möglichkeit hat, geht er zu Modeschauen, beobachtet die Mannequins und versucht, sich etwas abzuschauen und Kontakte zu knüpfen, denn Beziehungen sind in der Branche das Um und Auf. Das sieht auch Anastasija Sugic´so: „Ohne persönliche Kontakte geht gar nichts.“ Anastasija, gebürtige Serbin aus Banja Luka, kam wegen des Studiums nach Graz. Die angehende Medizinerin landete per Zufall in der Modelbranche. Sie wurde bei einer Promotiontätigkeit angesprochen. Das Modeln sieht Anastasija, die auch selbst Kleider entwirft, mehr als ihr Hobby, das sie mit Hingabe betreibt. „Ich liebe vor allem die Arbeit auf dem Laufsteg und das ganze Drumherum, das Gewusel aus Designern, Fotografen, Models und Visagisten. Der Laufsteg ist eine Welt für sich, ähnlich einem kleinen Zirkus.“
Hinter dem Klischee. Essstörungen, Drogenexzesse und hektisches Treiben knapp vor dem Nervenzusammenbruch – Klischees über die Branche, die mit dem Modelalltag in Graz nicht viel zu tun haben. Castingshows wie „Germanys next Topmodel“ oder Berichte über die Extravaganzen der Supermodels a´la Kate Moss oder Naomi Campbell nähren die Bilder. „Was man im Fernsehen über das Modelgeschäft sieht, die ganzen Castingshows, ­das ist alles übertrieben. Im Fernsehen wird Unterhaltung geboten. Das hat mit der Realität nichts zu tun. Vieles ist ganz einfach Alltagsarbeit, und die Models, die ich kenne, sind alle sehr bodenständig“, erzählt Anastasija. Die immer wieder kolportierten Hungerkuren, ohne die Models keinen Job kriegen, gehörten in Graz nicht zur Normalität, fügt sie hinzu. Das bestätigt Amela Zecevic´, die unter anderem in der Schweiz gearbeitet hat. Zecevic´über die Situation im Nachbarland: „Dort müssen die Models schlanker sein, denn von da aus werden viele Modeschauen in Italien beschickt und dort dominiert Konfektionsgröße 32.“ Auch Godwin muss sich nicht kasteien, um vor der Kamera bestehen zu können. „Ich esse alles, vor allem österreichisches Essen mag ich gerne“, sagt er.
Einig sind sich die drei Models darin, dass die Herkunft beim täglichen Umgang miteinander im privaten wie im beruflichen Bereich keine Rolle spielt. „Mein Freund ist Österreicher, meine Freundinnen sind Österreicherinnen“, sagt Anastasija Sugic. Auch Godwin zählt viele ÖsterreicherInnen zu seinem Freundeskreis, ebenso Amela. Die Biographien der drei Grazer Models zeigen, dass sich hinter den Klischees über Models eine bunte Vielfalt an Erfahrungen und Einstellungen verbirgt, die nichts mit der gängigen Darstellung des Modelgeschäfts zu tun hat.

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