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Im Landeanflug

Von: Eva Reithofer-Haidacher

SELBSTHILFE. Die Schwalbe macht zwar noch keinen Sommer – doch wer hier ankommt, hat zumindest sonnigere Zukunftschancen. Über eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft für Frauen, die nach einem Psychiatrieaufenthalt ein Zuhause suchen.

Gute Ping-Pong-PartnerInnen zeichnen sich durch gleiche Ausdauer und Schlagkraft aus. Angelika Vanek-Enyinnaya und Arndt Stering haben einander beim Tischtennisspielen kennengelernt – und anschließend im Doppel eine beachtliche Selbsthilfegruppe auf die Beine gestellt: „Die Schwalbe“, eine Wohn- und Beschäftigungsinitiative für Frauen mit psychischen Erkrankungen. Da ist der erste Anblick beim Betreten des Anwesens hoch über den Dächern von Graz nur konsequent: ein Tischtennistisch. Er steht am Vorplatz des Hauses am Ende einer kleinen Gasse in Graz-Eggenberg und ist, wie das meiste in und um das Gebäude, eine Sachspende.
Als sie das Haus im Februar für „Die Schwalbe“ gemietet haben, war es innen komplett leer. „Keine Lampe, kein gar nichts“, erzählt Arndt Stering. Mit viel Energie haben die beiden Stück für Stück zusammengetragen, Zimmer eingerichtet, Fenster repariert, Mauern trocken gelegt und aus dem verwilderten Grundstück einen hübschen Garten gemacht. In Zahlen: 300 Quadratmeter Wohnfläche, 3000 Quadratmeter Grund und drei Monate Arbeitszeit. Seit 5. Juni ist das Projekt eröffnet, das es in Österreich in dieser Form nur einmal gibt.

Geburt einer Idee. Aber der Reihe nach. Begonnen hat alles in der Landesnervenklinik Sigmund Freud (LSF). Arndt Stering und Angelika Vanek-Enyinnaya sind nicht nur gleichzeitig dort angekommen, sie haben auch die gleiche Beobachtung gemacht. „Ich habe viele Frauen kennengelernt, die zu fit für ein Total-Betreutes-Wohnen waren, aber kein familiäres Netz hatten, das sie nach dem Klinikaufenthalt aufgefangen hätte“, berichtet Angelika Vanek-Enyinnaya von der Geburt ihrer Idee, eine Wohngemeinschaft für diese Frauen zu gründen. „Hier sollen sie die Zeit bekommen, in Ruhe gesund zu werden und nicht sofort wieder funktionieren zu müssen“, so Vanek. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig das ist: Wegen Panikattacken und einem schweren Burnout war sie zwei Monate in der Klinik. Drei Jobs und das Alleinerziehen eines heute sechsjährigen Sohnes waren für die Italienisch-Übersetzerin zu viel. Nach der Krise hat sie alle Arbeitsstellen gekündigt und konzentriert sich heute gemeinsam mit Ko-Geschäftsführer Arndt Stering auf die Leitung der „Schwalbe“.
Seit der Eröffnung vor zwei Monaten sind zwei Frauen in das idyllische Haus am Weg zur Einsiedelei eingezogen, Platz ist für sieben. Für sie sind ein Einbett- und drei Zweibettzimmer mit alten Möbeln liebevoll eingerichtet worden. Dazu kommen ein Büro, ein Besprechungsraum und zwei Küchen, die Herzstücke des Hauses. Denn hier ist der Platz für die praktische Umsetzung der Beschäftigungsinitiative: Mehlspeisen und Fingerfood für Caterings werden fabriziert, Marmeladen, Säfte und Kompotte eingekocht. Wer kann, wird auch für die Gartenarbeit eingesetzt. „Etwas Erdiges tut gut“, ist Angelika Vanek-Enyinnaya von deren heilender Kraft überzeugt. Außerdem gibt es ein Bewegungsprogramm für die Frauen. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin macht mit ihnen Sport und S paziergänge. In dieser Gegend ein wahrer Genuss: Direkt am Haus vorbei führen Wanderwege auf den Plabutsch und zum Thalersee. Das Schloss Eggenberg mit seinem weitläufigen Park ist nur zehn Gehminuten entfernt.

Wachsen und Gedeihen. Manuela Falkner schätzt die Ruhe, die Natur, das Wandern und das Kochen: „Ich fühle mich sehr wohl.“ Die 44-Jährige hat Mitte Juni als erste Betroffene „Die Schwalbe“ bezogen. Wegen chronischer Erschöpfung und Burn out musste sie ihren Beruf als Krankenschwester aufgeben, dazu kamen private Probleme. Eine Sozialarbeiterin im LSF hat ihr schließlich „Die Schwalbe“ empfohlen – und scheint damit ins Schwarze getroffen zu haben. „Die Gemüse, die Kräuter, die gesunde Küche sind ein irrsinniger Genuss für mich. Ich habe viel dazu gelernt“, sagt Manuela Falkner. Eine besondere Herausforderung war das Catering für 200 Leute, das sie kürzlich gemeinsam mit den beiden „Schwalbe“-GründerInnen geschafft hat. „Weg von allem, Abstand gewinnen“, könne sie hier. Die Mariazellerin hofft, in Graz ein neues Leben beginnen zu können
Die Stärkung des Selbstbewusstseins ist eine wesentliche Voraussetzung dafür. „Es gibt niemanden, der nichts kann“, ist Angelika Vanek-Enyinnaya überzeugt. Sie möchte die Frauen „individuell und flexibel ermuntern, ihre Fähigkeiten zu erkennen und sie der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen“. Die zweite Hausbewohnerin ist gelernte Friseurin. Warum nicht den anderen die Haare schneiden? Wichtig ist auch ein strukturierter Tagesablauf, der morgens um 9 Uhr mit dem Bewegungsprogramm beginnt, dann stehen Kochen, Gartenarbeit und Putzen am Programm, dazwischen immer wieder Entspannungszeiten.

Flügge werden. So soll der Weg zum selbständigen Wohnen und im Idealfall auch zurück in die Arbeitswelt geebnet werden. Ein Jahr lang haben die Frauen in der „Schwalbe“ Zeit dafür. „Dass es Monate dauert bis man wieder sattelfest ist, wissen wir beide“, sagt Arndt Stering. Der gelernte Baukaufmann, der 14 Jahre lang bei Casinos Austria beschäftigt war, litt nach der Aufgabe seines Jobs 2006 selbst unter schweren Depressionen. „Ich habe mich sechs Monate komplett von der Außenwelt zurückgezogen.“ Und dann käme man nur allzu leicht in das, was Stering den „Psychiatriestrudel“ nennt: Man lebt allein, wird wieder depressiv, muss in psychiatrische Behandlung … „Wenn erkannt wird, wie viele tausend Euro, die ein LSF-Bett kostet, hier eingespart werden können, schaut es förderungstechnisch vielleicht wieder anders aus“, hofft er auf eine bessere finanzielle Absicherung der Initiative, die zurzeit für ein Jahr durch Gelder des Landes Steiermark abgesichert ist. Die Bewohnerinnen selbst zahlen 200 Euro im Monat für Miete und Betriebskosten, dazu die Kosten für die Verpflegung. Frühstück und Abendessen richtet sich jede selbst, mittags wird abwechselnd gekocht.
Die Atmosphäre sei „sehr höflich, familiär und liebevoll“, sagt Manuela Falkner. Sie fühle sich angenommen und unterstützt. Ganz im Sinne der VereinsgründerInnen, die dem Projekt nicht zufällig den Namen des Zugvogels gegeben haben. „Die Menschen sollen hier verweilen können bevor sie wieder hinaus ins Leben gehen, aber auch immer wieder zu Festen und Treffen zurückkommen dürfen“, erklärt Angelika Vanek-Enyinnaya. Und schließlich sei die Schwalbe in manchen Kulturen auch das Symbol für Licht, Wagemut und Zuversicht.

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