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Der gute Geist am Acker

Von: Heike Krusch

GARTENKULTUR. Im interkulturellen Garten in Wetzelsdorf gedeihen nicht nur Pflanzen prächtig. Gegen­seitiger Respekt und Solidarität sind der Dünger, der Menschen unterschiedlichster Herkunft in ihrer neuen Heimat zusammenwachsen lässt.

Ganz ordentlich in Reih und Glied stehen sie da, die Tomatenpflanzen. Ihr Rückgrat gestärkt mit kleinen Holzstäben, vor zu großer Nässe mit einen selbstgebauten Plastiktunnel geschützt. Das Basilikum nebenan schert sich nicht um gerades Wachstum. Wild wuchernd breitet es sich über das Beet aus und scheint fast neidisch zu den saftig gelben Blüten der Zuckermelonen hinüber zu blicken. Nichts zu lachen gibt es für die Kichererbsen, denn momentan sind sie noch genauso grün hinter den Ohren wie die Jungzwiebeln, die wohl noch einige Sonnentage brauchen werden, um sich wirklich aus der Erde zu trauen. Was sich am Beet des interkulturellen Gartens in Wetzelsdorf abspielt, spiegelt sich auch in den Menschen wider, die sich hier treffen. Zwölf Familien sind es, Menschen aus zehn verschiedenen Ländern, die hier auf 3000 Quadratmetern ihr Gemüse anpflanzen.  
„Dabei ist das Gemüse eigentlich nebensächlich“, ist Initiatorin Ulrike Dietschy überzeugt. „Der Garten ist ein Erfahrungsraum. Ein Medium, das Menschen miteinander in Kontakt und ins Gespräch bringen soll.“ Denn damit habe ja auch alles begonnen. Seit vielen Jahren bietet Ulrike Deutschkurse für MigrantInnen in Österreich an. Doch schon bald wurde ihr das Klassenzimmer zu eng. „Sprache ist eben nicht nur formales Lernen, Sprache ist primär Kommunikation“, ist sie sicher. Und gerade das Lebensumfeld Garten biete viele Möglichkeiten, um ins Gespräch zu kommen.

Therapie. „Der Boden ist sehr lehmig“, meint Ramazan*. „Durch den vielen Regen ist er außerdem sehr schwer. Wie soll da etwas gut wachsen?“ – „Schau mal, da drüben wuchert Beinwell“, sagt Aydin und steuert auf eine Pflanze am Rand des Gartens zu. „Wenn man das gemeinsam mit Wasser über Nacht in einen Kübel gibt, wird es guter Dünger.“ Und der würde auch den Boden nicht zusätzlich belasten. Aydin liebt den Garten. Jeden Tag kommt er vorbei um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Er weiß immer Rat, packt überall mit an und ist so etwas wie der gute Geist am Acker. Für ihn ist der interkulturelle Garten mehr als nur Zeitvertreib. „Nach einem Unfall war ich lange Zeit schwer krank.“ Nicht nur die körperliche Kraft, auch die Lebensfreude ging ihm verloren. „Aber durch den Garten führe ich nun wieder ein gesundes Leben“, meint er zuversichtlich. „Die Arbeit und die Menschen hier sind für mich wie eine Therapie.“

Neue Heimat. Der interkulturelle Garten ist keine Erfindung von Ulrike Dietschy. Es ist eine Bewegung, die aus dem Amerika der 70er Jahre stammt. In sogenannten CommunityGardens fanden die BewohnerInnen von Slum-ähnlichen Siedlungen einen sicheren Ort, an dem sie zur Ruhe kommen und gleichzeitig auch einer produktiven Tätigkeit nachgehen konnten. Kriegsflüchtlinge aus Bosnien griffen die Idee in den 90er Jahren in Deutschland in ähnlicher Form wieder auf und mittlerweile haben interkulturelle Gärten  auch in Österreich Fuß gefasst. Ein Weg, auf dem viel Unkraut gejätet werden musste. „Sechs Jahre dauerte die Vorbereitung“, erinnert sich Ulrike. damit nicht nur ein passender Ort, sondern auch Financiers mussten gefunden werden, damit die Familien die Ackerfläche großteils gratis nutzen können. Das Schwierigste für Ulrike: „Ich musste den Geldgebern klar machen, dass es um mehr geht, als nur ein paar Pflanzen einzusetzen.“

Sprachkurs. Das sieht auch Hüsne so, die nicht zwangsläufig wegen des Gemüses in den interkulturellen Garten kommt. Zu Hause pflegt sie ihre kranke Mutter und ihre 26-jährige behinderte Tochter, die im Rollstuhl sitzt. Bevor es den Garten gab, ist sie kaum außer Haus gegangen. „Aber jetzt habe ich einen Grund, die Wohnung zu verlassen,“ scheint sie im Garten selbst aufzublühen. Ohne Auto war sie bisher sehr eingeschränkt. Der Garten liege jedoch in ihrer direkten Wohnumgebung. Und durch die Gespräche mit den österreichischen Familien lerne sie ganz nebenbei auch noch deutsch.Sollte es dennoch Verständigungsprobleme geben, übersetzt die neunjährige Stara gerne. „Mein Name bedeutet schützen“, erzählt sie stolz und wird ihm auch durchaus gerecht. War sie es doch, die die Springbohnen rund um das Tipi gepflanzt hat. „In den nächsten Jahren werden sie hoch wachsen und dann sind wir drinnen vor dem Regen geschützt und haben auch bei schlechtem Wetter einen Platz zum Spielen.“ Denn auch das ist der interkulturelle Garten. Ein Treffpunkt, an dem sich junge und alte GärtnerInnen gleichermaßen austoben können.
Samenbank. Und der Austausch findet auch auf anderen Ebenen statt. Europaweit sind die interkulturellen Gärten miteinander vernetzt. Der Samen der Idee trägt nicht nur im ideellen Sinn Früchte. „Heutzutage kann man Samen und Pflanzen in jedem Baumarkt kaufen“, betont Ulrike den Bio-Gedanken im interkulturellen Garten. „Aber es gab eine Zeit, da war es verpönt, Samen zu kaufen. Man durfte sie nur weiterschenken.“ Eine Tradition, die auch in Wetzelsdorf gepflegt wird. Denn hier spielt sich Interkulturalität nicht nur über der Erde ab. „Die Menschen bringen Samen aus ihren Heimatländern mit“, sagt Ulrike. Manchmal wisse man gar nicht genau, was daraus wird. Und die Überraschung sei dann umso größer. „Hier wächst beispielsweise Portulak“, deutet Ulrike auf Aydins Feld. Man muss schon genau hinsehen, um das grüne Kraut zu erkennen, das Aydin an seine Heimat Türkei erinnert. „Das ist sehr gesund“, erklärt er. „Man kann es wie Spinat essen, oder einfach in die Suppe geben oder Tzatziki damit würzen oder ...“
Auch Geschichten wachsen im interkulturellen Garten, die einen schnell wie Aydins Rezeptideen, die anderen brauchen länger, um an die Oberfläche zu dringen. Während Nargül, deren Name laut Stara übrigens Granatapfel bedeutet, an einem kleinen transportablen Ofen Tee zubereitet, erinnert sich Hüsne: „Als ich jung war, hatte ich auch einen Garten. Aber das war schwieriger als hier.“ Der Boden war zwar leichter zu bewirtschaften, aber die Bewässerung sei ein Problem gewesen. Denn fließendes Wasser hätte es damals im Dorf nicht gegeben. Hüsne musste weite Strecken zu Fuß zurücklegen, um das Wasser mit Kübeln vom Brunnen zu holen. Viel Schweiß sei da für das schmackhafte Gemüse geflossen. Still legen sich die Bilder der Vergangenheit über die Beete in Wetzelsdorf und für einen Moment wird sogar die übermütige Stara ruhig.

Philosophie. „Palaver unterm Apfelbaum“, das war der ursprüngliche Name des interkulturellen Gartens, unter welchem Ulrike ihn zu Beginn dieses Jahres der Öffentlichkeit vorstellte. Den Apfelbaum gibt es am Gelände in Wetzelsdorf noch nicht. Dafür aber ein Zelt, in dem die Gerätschaften untergebracht sind. Auch eine Toilette und ein Gartenzaun sind geplant. „Und ein Swimmingpool“, zumindest wenn es nach der 16-jährigen Esta geht. Für Ulrike ist vorerst aber vor allem eines wichtig: „Es soll endlich wahrgenommen werden, wie vielschichtig und ganzheitlich das Projekt hier ist.“ Und deshalb gibt es statt Samen noch das Zitat der Aborigine-Frau Lilah Wilson mit auf dem Weg: „Wenn du gekommen bist, um zu helfen, vergeudest du deine Zeit. Wenn du gekommen bist, weil unser beider Befreiung miteinander verbunden sind, lass uns zusammen arbeiten.“

* Die Beteiligten sind auf eigenen Wunsch nur mit Vornamen genannt.

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