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Morgen kommt der Julenissen

Von: Melanie Troger

INTERNATIONAL. Mehr als 2,3 Milliarden Menschen feiern Weihnachten, in Graz spiegelt sich die große Welt. Über Flaggen am Christbaum, Stroh unterm Tischtuch und afri­ka­nische Suppe am Heiligen Abend.

Choon-Young Choi kam vor mehr als zwanzig Jahren als Studentin aus Südkorea nach Graz. Vieles war damals neu für sie, auch so manche weihnachtlichen Bräuche. „Einen echten Baum in der Wohnung stehen zu haben, das kannte ich nicht“, erzählt sie. „Es gibt schon Christbäume in Korea, aber die sind klein, aus Plastik und meistens sehr kitschig.“ Mittlerweile liebt es Choon-Young, gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Kindern eine Fichte oder Tanne auszusuchen und sie mit steirischen Strohsternen zu schmücken. „Eine Menge Strohschmuck habe ich auch schon zu meinen Verwandten nach Korea geschickt“, sagt Choon-Young Choi lachend. Gekocht wird in ihrer Familie zwar traditionell koreanisch, aber gebacken wird Weihnachtsbäckerei nach steirischen Rezepten. „Weihnachtskekse gibt es in Korea gar nicht. Ich finde es schön, gemeinsam mit den Kindern zu backen und Kekse in Weihnachtsmotiven auszustechen.“
Sie erinnert sich an Weihnachten in ihrer koreanischen Heimat: Nach der Christmette am 24. gehen die Eltern mit den jüngeren Kindern nach Hause. Die Kleinen freuen sich schon darauf, dass in der Nacht Santa Haraboji, der Weihnachtsmann, Geschenke auf ihre Kissen legt. Die Jugendlichen aber bleiben in der Kirche. Ein paar Stunden nach der Christmette beginnen sie, singend von Haus zu Haus zu ziehen, wo sie kleine Geschenke, meist einen Kuchen, bekommen. Zwischendurch stärken sie sich in der Kirche, denn der Rundgang dauert, bis der Christtag anbricht.
African soup und Musik. „Etwas typisch Weihnachtliches aus meiner Heimat konnte ich leider nicht mitbringen. Die Erinnerung an Weihnachten in Afrika aber habe ich in meinem Kopf und in meinem Herzen“, erzählt Eunice Balogun, die aus Nigeria nach Graz kam. Auch heuer wird sie mit ihren drei Kindern im Frauenwohnheim der Caritas feiern, wo sie gemeinsam mit anderen Frauen traditionell afrikanisch kocht. Doch das Wichtigste für Eunice Balogun ist es, am Heiligen Abend in die Kirche zu gehen.
„In Nigeria ist Weihnachten ein riesiges Fest. Das beginnt in der Kirche, wo die ganze Nachbarschaft zusammenkommt, um gemeinsam den Herrn zu preisen. Die Menschen feiern oft die ganze Nacht hindurch. Da gibt es Musik, es wird getanzt und gesungen. Kinder dürfen so lange aufbleiben, wie sie wollen.“ Extra fürs Fest bekommen die Kinder neue Kleidung und die Haare werden ihnen besonders schön frisiert. Sie gehen von Haus zu Haus und bekommen meist kleine Geldgeschenke. „In meiner Nachbarschaft gab es den speziellen Brauch, dass jedes ein Cola geschenkt bekam“, erinnert sich Eunice.
Wichtig ist auch das Weihnachtsessen. Die afrikanische Suppe und Reis mit Fleisch dürfen keinesfalls fehlen. Je nachdem, was man sich leis­ten kann, isst man Ziegen- oder Rindfleisch, manchmal auch Fisch. „Fleisch ist teuer und etwas ganz Besonderes, doch zu Weihnachten soll jeder so viel davon essen können, wie er will. Man teilt sein Essen auch mit den Nachbarn“, erzählt Eunice Balogun.

Gløgg und Nissebarn. „Was ich zu den Feiertagen in Graz manchmal vermisse, ist der Schnee.“ Lillan Pirkl-Henriksen kommt aus Norwegen. „God Jul!“ wünscht man einander dort zu Weihnachten. Schweinsrippchen mit Gemüse ist das traditionelle Weihnachtsessen in Lillans norwegischer Familie. Sie kommt aus dem Süden des Landes, wo dieses Essen sehr beliebt ist, in Westnorwegen sind es eher Schafsrippchen und im Norden ist es Dorsch. Schafsrippchen sind es auch, die Lillan jedes Jahr aus Norwegen fürs Weihnachtsfest in Graz mitbringt. Das Wichtigste für sie ist aber ein suppenähnliches Gericht namens Mølje, das aus einer Art Knäckebrot und Wasser hergestellt wird. „Mein Mann, der aus Österreich stammt, ist gar nicht begeistert davon, aber für mich gehört das einfach zu Weihnachten dazu“, lacht Lillian Pirkl-Henriksen, die Leiterin eines internationalen Studentenheimes in Graz ist.
In der Vorweihnachtszeit trifft man einander in Skandinavien gern auf einen Gløgg, einen Glühwein, und am Weihnachtsabend wird Aquavit genossen, ein Kartoffelschnaps. „Es gibt die lustige norwegische Tradition, die Christbäume mit kleinen norwegischen Fähnchen zu dekorieren.“ Am Heiligen Abend kommt der Julenissen, der norwegische Weihnachtsmann, als den sich meist die Väter verkleiden. Den Kindern wird gesagt, dass der Papa draußen auf die Rentiere und den Schlitten aufpassen muss, während der Julenissen ins Haus kommt und die Kinder beschenkt. Die Helfer des Weihnachtsmannes sind die Nissebarn, die Weihnachtskinder. Diese schauen ein paar Tage vor dem Fest durch die Fenster und machen sich Notizen, ob die Kinder wohl brav sind. In der Nacht vom 23. auf den 24. hängen die Kleinen ihre Strümpfe auf und die Nissebarn füllen diese mit Süßigkeiten und Nüssen.

Strohschmuck. In der Ukraine feiert man Weihnachten gemäß dem julianischen Kalender am 6. Januar. „Ich habe jedes Jahr zweimal Weihnachten“, erzählt Lidija Hamburger lachend. „Das ist für mich wie ein Geschenk, nach österreichischem und ukrainischem Brauch zu feiern.“ Zur Zeit des Kommunismus war Weihnachten in der Ukraine verboten. Die Menschen haben trotzdem heimlich gefeiert, besonders am Land wurden die Bräuche gepflegt und weitergegeben. In Graz hat Lidija begonnen, Vanillekipferln und Lebkuchen zu backen. „Kletzenbrot gibt es bei mir auch, aber die Trockenfrüchte dafür kaufe ich immer in der Nähe von Lemberg, die sind da einfach billiger.“
Kulinarisch ist die ukrainische Weihnachtsküche besonders einfallsreich: Am Weihnachtsabend gibt es traditionell zwölf Gerichte, nach den zwölf Aposteln. Vorgabe dabei ist, dass alle Speisen mager und fleischlos sind. Sie stehen symbolhaft für alles, was die Natur gibt und was der Bauer in diesem Jahr aus eigener Kraft erzeugen konnte. Unter das Tischtuch legt man Heu oder Stroh aus dem vergangenen Jahr, das soll an die Geburt Jesu im Stall erinnern. „Natürlich mache ich das in Graz auch“, sagt Lidija. In der Ukraine war es lange Zeit nicht üblich, sich gegenseitig zu beschenken. „Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Familie. Sich darauf zu besinnen und miteinander zu feiern ist doch im Grunde das schönste Geschenk.“

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