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Leben im Leerlauf

Von: Birgit Schweiger

ARBEITS­LOS. Der Arbeitsmarkt ist besonders in Krisenzeiten ein hartes Pflaster für steirische Jugendliche: Sie kommen schwer hinein und fallen als Erste wieder rau

Eigentlich wäre Isabella Weigl gerne Autolackiererin geworden. „Ich hab ziemlich lange gesucht, aber die meisten Firmen wollen keine Frauen.“ Sie ändert ihre Pläne, kommt bei einem Malerbetrieb unter. Die Lehre läuft zwei Jahre gut, dann erfährt sie, dass sich ihre Kollegen hinter ihrem Rücken beim Chef über sie beschweren. „Da hat’s mir gereicht.“ Seit September letzten Jahres ist die 18-Jährige aus Ilz (Bezirk Weiz) arbeitslos. Eine Karriere als Handwerkerin ist für das lebenslustige Mädchen mit der rosa Strähne im Haar wegen ihrer negativen Erfahrungen gestorben. Momentan besucht Isabella Weigl einen dreimonatigen Berufsorientierungskurs des bfi Gleisdorf. „Ständig daheim rumsitzen halte ich eh nicht aus, aber gebracht hat mir der Kurs bisher nicht viel“, konstatiert sie. Lieber hätte sie nun einen Job als Kellnerin: „Aber das Arbeitsklima muss halt stimmen, das ist das Wichtigste.“
Wie Isabella Weigl führen derzeit tausende Steirerinnen und Steirer unter 25 Jahren ein Leben im Leerlauf: 7522 Jugendliche waren im Dezember arbeitslos gemeldet – das bedeutet ein Plus von mehr als einem Fünftel gegenüber dem Vorjahr. Dazu kommen 1227 Lehrstellensuchende, knapp 3000 Arbeitslose, die gerade eine Schulung besuchen, und eine nicht zu schätzende Dunkelziffer von Jugendlichen, die sich nicht in einer Ausbildung befinden und nicht beim AMS gemeldet sind. „Die Jungen sind von der Krise derzeit besonders stark betroffen. Vor allem ohne gute Ausbildung sind sie diejenigen, die am Arbeitsmarkt sowieso nur schwer Fuß fassen können – und sie sind die Ersten, die wieder rausfallen“, weiß Hermann Gössinger, Pressereferent des AMS Steiermark. Und er seufzt, als er ein Detail der Dezemberstatis­tik präsentiert: ein Plus von 44 Prozent an Arbeitslosen unter 25 Jahren, die zuletzt als LeiharbeiterInnen gearbeitet haben, meist in großen Industriebetrieben.

Verwertbar. Ist ein Jugendlicher beim AMS arbeitslos gemeldet, sollen ein Interessenstest und Gespräche mit BetreuerInnen Aufschluss darüber geben, „was diese Person kann und ob das am Arbeitsmarkt verwertbar ist“, so Gössinger. Was eine Person tatsächlich will, spiele in der Regel keine Rolle; im Arbeits- und Kursangebot befindet sich ausschließlich, was das AMS als sinnvoll bewertet: „Wir sind Experten, die den Arbeitsmarkt genau kennen. Wir sind leider kein Wunschkonzert“, so Gössinger. Er fordert mehr Flexibilität und Offenheit, von jungen Arbeitslosen wie von DienstgeberInnen: Einerseits würden sich für gewisse Berufe, wie etwa Industriekaufmann/frau, kaum BewerberInnen finden, trotz unbegrenzter Kapazitäten sinke das Interesse an (bezahlten) Schulungen und Kursen, und ebensolche abzubrechen sei an der Tagesordnung. Andererseits würden sich zahlreiche Firmen weigern, Jugendliche anzustellen, die von ihrem Äußeren her nicht dem Durchschnitt entsprechen.
„Großen Druck“, den das AMS auf seine KlientInnen ausübt, ortet die 22 Jahre alte Sabrina Mali, die in Wien ihre Stelle bei der Caritas aufgab und in Graz „irgendeinen Job im Sozialbereich“ finden wollte. Sie war nicht flexibel genug. „Drei Stellen hat das AMS mir angeboten, aber eine war außerhalb von Graz, und ich habe kein Auto. Und es waren auch zu schwierige Dinge. Ich hatte das Gefühl, das pack’ ich einfach nicht. Es wirkt immer, als dürfe man sich gar nicht entwickeln, als müsste man frisch von der Schule weg schon alles wissen.“ Arbeitslos zu sein war für die zierliche Frau, wie in ein Loch zu fallen, „alles war lose, nirgends war Halt, man fühlt sich gar nimmer wie ein Mensch“. Seit Dezember arbeitet sie bei tag.werk, wo arbeitslose Jugendliche mit finanziellen und häufig auch sozialen Problemen unter anderem Taschen nähen und verkaufen.

Zerrissen. Wirklich massive Probleme hätten in Graz bloß 50 bis 60 arbeitslose unter 19-Jährige, meint Streetwork-Leiter Helmut Steinkellner, „und die fallen auf, die finden wir“. Der riesige Rest werde leicht übersehen, habe keine Lobby, keine AnsprechpartnerInnen, sei oft einsam und überfordert. AMS-Kurse seien meist frustrierend, weil perspektivenlos. Der Selbstwert leidet massiv unter der Arbeitslosigkeit, „die Jugendlichen sind verunsichert und kommen mit den widersprüchlichen Erwartungen der Gesellschaft nicht zurecht“, erklärt Gilles Reckinger. Der Kulturanthropologe führte zusammen mit zwei Kolleginnen im Rahmen des Dissertationsprojekts „müssen nur wollen“ umfangreiche Interviews mit arbeitslosen Jugendlichen. „Sie sind wie zerrissen: Heutzutage ist es der soziale Tod, wenn man nicht konsumieren kann, gleichzeitig sollen sie den Gürtel aber enger schnallen. Sie sollen kreativ sein, gleichzeitig sollen sie brav im Rad laufen und Herkömmliches nicht infrage stellen. Sie bekommen immer weniger Chancen, aber es wird ihnen suggeriert, sie seien selber schuld an ihrem Elend.“ Besonders betroffen seien Jugendliche, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen. Befinden sich die Eltern in prekären Verhältnissen, komme das Kind schnell in eine „Abwärtsspirale, die ganz schwer aufzuhalten ist. Und gleichzeitig wird in der Gesellschaft die Illusion vom Werdegang ‚Tellerwäscher – Millionär’ aufrechterhalten.“

Gespiegelt. „Man lässt die Jugendlichen irgendwie nicht ihren eigenen Weg finden.“ Nadine Robic´ wirkt älter als 15. Sie erzählt von vielen Stationen in ihrem Leben, von verschiedenen Schulen, Wohnorten und Bezugspersonen, vom Hin- und Hergerissensein zwischen den geschiedenen Eltern, von Problemen in der Hauptschule, „weil es da einfach öd war“. Nach dem Ausstieg aus der Hauptschule ist sie ein Jahr arbeitslos, passt daheim auf die sieben Geschwister auf. „Mir ist mit der Zeit fast die Decke auf den Kopf gefallen. Man kommt sich so asozial vor.“ Schließlich entscheidet sie sich, auf die Schulbank zurückzukehren, aber es lässt sich keine Schule mehr finden, die das Mädchen nehmen will. Über ISOP wird sie nun ihren Hauptschulabschluss nachmachen – „da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Nach dem Abschluss will ich jetzt unbedingt die Matura machen. Perspektiven braucht man schon.“
Nicht nur das, meint Gilles Reckinger. Man dürfe Jugendliche gar nichts ohne Perspektive machen lassen. Sicher sei, dass die Jungen weder arbeitsscheuer noch apolitischer oder krimineller seien als Erwachsene, auch wenn das medial vermittelte Bild anders aussieht: „Jugendliche waren schon immer die Projektionsfläche für Ängste und verlorene Hoffnungen der Erwachsenen. In Wahrheit sind sie aber einfach die Verlängerung der Gesellschaft; in ihrem Umfeld manifestieren sich gesellschaftliche Entwicklungen immer zuerst.“
Wie ein Spiegel verhalten sich die Jugendlichen zur Gesellschaft, meint auch Streetworker Helmut Steinkellner. „Wir sollten aufhören, so zu tun, als ob wir schnelle Lösungen für ihre Probleme hätten. Wir sollten den Jungen mit ihren Wünschen wirklich zuhören und uns bewusst damit konfrontieren, was sie sagen. Dann müssten wir uns aber eingestehen, dass wir ziemlich gescheitert sind.“

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