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Der Klick zum Selbstvertrauen

Von: Heike Krusch

Computerkurs. Eine spezielle Schulung für sozial benachteiligte Frauen ist nicht nur gut für deren Computerkenntnisse. ­
Auch das Selbstbewusstsein wächst.

Gehe auf www.google.at und suche ein Kochrezept, welches du selbst gerne einmal ausprobieren würdest. Kopiere die Information ins Word und formatiere den Text. Finde ein passendes Bild und füge es in das Dokument ein.“ Punkt eins der heutigen Tagesaufgabe prangt in bunten Lettern auf der Flipchart, und im Kellerraum des Caritas-Campus herrscht völlige Ruhe und Konzentration. Das leise Tippen auf den Tastaturen der Laptops wird nur hin und wieder unterbrochen vom Klicken der Computermäuse. Es ist die letzte Woche im Computer-ABC-Basiskurs und jede der drei Anwesenden möchte das Gelernte so gut es geht noch vertiefen. „Eigentlich sind wir ja acht“, klärt Trainerin Sabine Vinkovics auf. „Aber so sehr wir uns auch gegen Computerviren wehren, gegen die Grippeviren sind wir machtlos.“
Seit März 2008 laufen die kostenlosen Computerschulungen der Caritas in der Steiermark. Ein Pilotprojekt, das sozial benachteiligten Frauen den Zugang zum Computer erleichtern und die Angst vor der Arbeit mit dem Gerät nehmen soll. Sechs Kurse in Graz und zwei in Kapfenberg und insgesamt 67 Teilnehmerinnen (im Alter von 17 bis 57) aus 18 unterschiedlichen Nationen: Das ist die erfreuliche Bilanz des ersten Jahres. Sabine Vinkovics geht auf die Inhalte der Schulung ein: „Sechs Wochen lang – jeweils zwei Stunden von Montag bis Mittwoch – werden IT-Grundlagen, das Office-Paket von Word über Excel bis zu Powerpoint und natürlich auch der Umgang mit dem Internet behandelt.“ Dabei geht es nicht um Perfektion. „Die Frauen sollen etwas lernen, mit dem sie später wirklich etwas anfangen können.“

Kostenfrage. Punkt zwei der Tagesaufgabe: Verfasse eine Zutatenliste im Excel, suche die Preise der Zutaten und bilde die Summe derselben. „Entschuldigung, wie schreibt man Eier?“ Fatima Musikaeva kommt aus Tsche­tschenien. Sie hat drei Kinder, eines davon ist erst wenige Monate alt. Derzeit kommt eine Berufstätigkeit für sie nicht infrage, aber: „Ich besuche den Kurs, weil er mir später bei meiner zukünftigen Arbeit auf jeden Fall helfen kann.“ Doch einfach ist es für sie nicht immer. Da gibt es teilweise Sprachschwierigkeiten, und das Üben zur Festigung der Inhalte bleibt aufgrund der täglichen Hausarbeit oft auf der Strecke. „Aber vor zwei Monaten haben wir für zu Hause einen Computer gekauft und ich versuche mich regelmäßig davorzusetzen.“ Ein Schritt, den die Türkin Derya Dogan noch vor sich hat. Sie hat im ABC-Computerkurs zum ersten Mal einen PC eingeschaltet und damit gearbeitet. „Ich habe mir gedacht, ich nutze die Chance und schau mir das einmal an. Weil eigentlich kann man ja alles lernen, wenn man sich bemüht.“ Jetzt nach mehr als fünf Wochen fühlt sie sich schon sicher am Gerät und verfolgt motiviert ihr großes Ziel: „Ich möchte einen Computer kaufen und meinen Kindern, die alle in die Schule gehen, dann auch am Computer helfen können.“
Laut Statistik waren im Jahr 2008 76 Prozent der österreichischen Haushalte mit Computern ausgestattet, 69 Prozent davon hatten auch Zugang zum Internet. Dabei liegt der Anteil von männlichen Nutzern bei 82 Prozent, jener von Frauen bei etwa 70. Über die Computernutzung von MigrantInnen in Österreich gibt es keine Erhebungen. Doch in Anlehnung an deutsche ExpertInnen kann man davon ausgehen, dass wesentlich weniger von ihnen einen Computer besitzen und auch die weiblichen User­innen weit hinter den männlichen liegen. Silke Strasser, Koordinatorin des Computer-ABC, erkennt gerade darin die Bedeutung des Kurses und versucht Gründe für diese Verteilung zu finden: „Das Anschaffen von Computern ist immer mit viel Geld verbunden. Geld, das gerade Migrantenfamilien oft nicht zur Verfügung steht.“ Dazu kommen die Erziehung und das Bildungsniveau von Frauen in bestimmten Kulturen und die daraus resultierende Haltung: „Wozu muss sich eine Frau mit dem Computer auskennen?“ Besonders bedeutend sind für Strasser auch bio­grafische Vorerfahrungen: „Frauen trauen es sich oft nicht zu, ein technisches Gerät zu benutzen, und haben große Angst, etwas kaputt zu machen.“ Diese soll im Kurs genommen werden, der damit auch eine Schulung für das weibliche Selbstbewusstsein darstellt.

Spaßfaktor. „Speichere die Datei und lege den Ordner am Desktop ab“, so der dritte Punkt der Tagesaufgabe. Trainerin Vinkovics muss lachen, wenn sie an den Beginn des Kurses denkt. „Datei, Ordner, Desktop, das waren alles Begriffe, die ein Großteil der Frauen noch nie gehört hat.“ Und zur Demonstration von Datei und Dokument wurde anfangs die Handtasche von Vinkovics zur Datei umfunktioniert und bunte Zettel mit den Aufschriften Drucker, Monitor oder Tastatur schmückten die einzelnen Computer. „Man muss kreativ sein und der Spaß soll immerhin auch nicht zu kurz kommen.“
Spaß macht der Kurs auch Ermira Kabashi aus dem Kosovo. Denn abseits vom Lernen schätzt sie den Kontakt mit den anderen Frauen. „Wir treffen uns ja auch am Nachmittag zum Üben, und da wird nicht immer nur über Computer geredet.“ Noch wichtiger ist für sie das Anwenden des Gelernten. „Ich kann jetzt einen Lebenslauf und eine Bewerbung schreiben. Kann über das Internet Kontakt zu meinen Verwandten zu Hause aufnehmen oder auf Jobsuche gehen.“ Für sie war das Computer-ABC ein Erfolg auf der ganzen Linie und „ich würde es jedem weiterempfehlen“. Gemeinsames Lernen und die Freude am Tun stehen auch für Trainerin Sabine Vinkovics im Vordergrund. Und vor allem die vielen Erfolgserlebnisse: „Einige unserer Teilnehmerinnen haben im Anschluss an den Kurs noch den offiziellen ECDL (europäischer Computerführerschein) gemacht. Eine blinde Frau lernte völlig selbst­­­ständig mit dem Computer umzugehen und viele Teilnehmerinnen fanden Jobs, weil sie endlich den Zugang zum Internet nutzen konnten.“ Der Erfolg gibt dem Projekt also Recht und so freut sich Koordinatorin Silke Strasser, dass auch die Kurse für 2009 finanziell gesichert sind.

Perfektionismus. Derya, Ermira und Fatima haben die Aufgabe des Tages längst erfüllt. Sie surfen noch ein bisschen im Internet, suchen nach weiteren Rezepten oder nach Neuigkeiten aus der Heimat. Den letzten Punkt der Tagesaufgabe konnten sie problemlos bewältigen: „Schreibe ein Mail an Sabine und füge das Dokument als Attachment an.“ „Beifügung“ ist in Klammer neben das Wort Attachment gekritzelt,  denn schließlich ist auch nach fünf Wochen niemand perfekt.

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